Türchen 3, 2025
Das Häuschen am Ende der Straße
Von Brigitte Kemptner
Seit zwei Monaten wohnt die Familie nun schon in der Rabengasse, am Rande des Dorfes. Doch seit einiger Zeit fragt sich die siebenjährige Emma, wer wohl in dem kleinen Haus am Ende der Straße lebt, an dem sie schon oft vorbeigelaufen, aber noch niemals stehengeblieben ist. Auch ihr zehnjähriger Bruder weiß es nicht. Jedenfalls haben sie dort bisher noch niemanden ein- und ausgehen sehen.
„Dort haust sicher eine Hexe“, mutmaßt das Mädchen und bekommt bei dem Gedanken kugelrunde Augen.
„So ein Quatsch“, ruft der Bruder. „Es hängen ja keine Lebkuchen an dem Haus und außerdem gibt es keine Hexen.“
„Und wenn doch?“, fragt Emma mit ernster Stimme. „Wenn sie uns fängt und dich in einen Stall sperrt, wie bei Hänsel und Gretel?“
„Du spinnst ja total.“ Max lacht, dabei zeigt er seiner Schwester den Vogel.
„Du bist blöd. Das sag ich Mama.“
„Olle Petze“, ruft ihr der Bruder nach, als sie nach Hause rennt.
Die Mutter hat ihre liebe Mühe, die beiden Streithähne wieder zu besänftigen.
Als es am Abend still im Haus geworden ist, schleicht Emma zum Zimmer ihres Bruders. „Du, Max, gehen wir morgen wieder zu dem Haus?“
„Was machen?“, fragt er schon im Halbschlaf.
„Einfach mal gucken, ob nicht doch eine Hexe dort wohnt.“
„Okay, du gibst ja doch keine Ruhe.“
Am Nachmittag des folgenden Tages gehen die Kinder zum Ende der Straße, wo das besagte Haus steht. Emma betrachtet es sehr genau. Es ist wesentlich kleiner, als die übrigen Häuser in der Rabengasse. „Bist du jetzt zufrieden?“, will Max wissen, der unbedingt heim an seinen Computer will. Emma legt den Kopf schief und meint: „Was für einen unordentlichen Garten die Frau hat. Unserer ist viel schöner.“
„Und wenn dort ein Mann wohnt? Ein böser, der kleine Mädchen fängt und einsperrt“, frotzelt Max mit einem Seitenblick zu seiner Schwester. Diese bricht keineswegs in Panik aus, wie Max es mit seiner Bemerkung beabsichtigt hat. „Der muss mich ja erst kriegen“, ruft Emma stattdessen.
„Komm, lass uns heimgehen.“ Max geht ein paar Schritte von Emma weg, doch diese hat keine Lust, ihm zu folgen.
Max will gerade etwas sagen, als die Tür des Hauses aufgeht und eine alte Frau mit grauen Haaren und einem langen Rock heraus kommt. „Was habt ihr hier vor meinem Haus zu suchen? Macht ihr wohl, dass ihr verschwindet!“, ruft sie böse und geht einige Schritte auf die Kinder zu, die sich vor lauter Schreck nicht von der Stelle rühren. „Wird’s bald? Oder soll ich euch Beine machen? Bettelt woanders.“
Die alte Frau geht noch etwas näher auf die Kinder zu und erst jetzt kommt Leben in Emma und Max. Sie laufen so schnell sie können davon. Außer Atem bleiben sie vor ihrem Haus stehen. „Siehst du, ich hab dir doch gesagt, dass es eine böse Hexe ist“, ruft Emma.
Von diesem Tag an meiden die Kinder das Haus. Immer wenn sie daran vorüber müssen, wechseln sie auf die andere Straßenseite. Und bald denken sie nicht mehr an die böse Frau. Es gibt jetzt Wichtigeres. Es ist Ende November und die Weihnachtszeit steht vor der Tür. Die ersten Vorbereitungen werden getroffen. Emma darf ihrer Mutter beim Backen köstlicher Plätzchen und Lebkuchen helfen. Außerdem schreibt sie schon fleißig an ihrem Wunschzettel. Das heißt, sie malt ihre Wünsche, denn sie ist ja erst in die Schule gekommen und kann noch nicht so richtig schreiben. Max lernt seine Rolle für das Krippenspiel, das die Theater-AG der Schule am 4. Advent aufführen will.
Der Vater holt aus dem Keller Schachteln mit lauter Dekorationen, bei deren Anblick Emma kugelrunde Augen bekommt. „Darf ich helfen?“, fragt sie und ist stolz, als die Mutter nickt. Eine vierstöckige Pyramide wird aufgestellt, Schwibbögen landeten vor dem Wohnzimmerfenstern. In den Kinderzimmern werden leuchtende Fensterbilder angebracht. Der Vater bringt Tannenzweige mit und die Kinder dürfen diese mit Sternen aus Stroh und Goldpapier behängen.
So erstrahlt das ganze Haus am 1. Advent in vorweihnachtlichem Glanz. Alle freuen sich jetzt schon auf das Fest. Jeden Abend, wenn es draußen dunkel geworden ist, zündet die Mutter eine Kerze am Kranz an. Dann liest sie, während der Duft eines Räuchermännchens den Raum einhüllt, ihren Kindern lustige und auch manchmal traurige Weihnachtsgeschichten vor, die aber immer ein gutes Ende haben. Darauf legt die Mutter viel wert.
In der zweiten Adventwoche fällt endlich der erste Schnee. Zur Freude der Kinder bleibt er sogar liegen. Warm angezogen bauen sie nach der Schule einen Schneemann. An einem anderen Tag machen sie sich mit ihrem Schlitten auf den Weg zu einem naheliegenden Rodelberg, um sich dort mit Freunden zu treffen. Nach diesem ausgelassenen Nachmittagsvergnügen geht es wieder heimwärts. Dabei müssen die Geschwister, wie schon auf dem Hinweg, bei der unfreundlichen alten Frau vorbei. Emma bleibt plötzlich stehen und schaut zu dem Haus hinüber, während ihr Bruder einige Schritte weitergeht. „Da ist eine Katze am Fenster“, macht sie ihren Bruder aufmerksam. „Schau doch mal.“ Der hat aber keine Lust. Ungeduldig ruft er: „Komm, lass uns weitergehen, bevor die Hexe uns noch einmal davon scheucht.“
Emma kichert. „Hihi, jetzt haste es selbst gesagt, dass sie eine Hexe ist.“
„Jetzt komm endlich.“ Max Ungeduld wird größer.
Emma will gerade ihrem Bruder folgen, als sie eine Stimme hört, die direkt aus dem Haus zu kommen scheint. Zuerst denkt sie, dass die Frau wieder aus der Haustür gestürmt kommt, um sie abermals zu verscheuchen. Doch dies geschieht nicht. Emma bleibt stehen und lauscht. Da, schon wieder, „Max, hörst du auch was?“, fragt sie ihren Bruder.
„Nö, was soll ich denn hören?“
Im nächsten Moment erklingt ein lautes Geräusch, so, als wenn jemand einen harten Gegenstand umwirft. „Jetzt hör ich auch was. Die alte Frau wird sicher umräumen, macht Mama doch auch ab und zu. Jetzt komm endlich. Papa will doch mit uns in den Wald einen Baum holen.“
„Hilfe!“ Jetzt endlich hören beide es genau, leise zwar, aber es ist deutlich ein Hilferuf zu erkennen. Daraufhin folgen erneut ein Klopfgeräusch und dann wieder ein Hilferuf. „Max, mit der Frau ist was.“
„Hm“ Max überlegt. „Vielleicht sind Einbrecher bei der drinne und halten sie gefangen.“
Emma bekommt einen Schreck, der noch um einiges größer wird, als abermals ein lautes Klopfen zu hören ist.
„War doch nur ein Scherz. Einbrecher kommen meist in der Nacht“, beruhigt Max seine Schwester.
„Wirklich?“, fragt sie erleichtert. Da dringt wiederum ein Hilferuf nach draußen.
„Wenn jemand um Hilfe ruft, muss man doch helfen, oder?“, fragt Emma. Max überlegt nicht lange und nickt. „Dann gucken wir halt mal nach.“
Das Gartentor lässt sich leicht öffnen und die Kinder stapfen vorsichtig durch den Schnee über den Hof bis zum Haus. Die beiden vorderen Fenster sind zu. Die Haustür auf der Seite ebenfalls. Aber das Fenster gleich daneben ist nur gekippt.
„Hallo!“, rufen sie jetzt beide. Da ertönt wieder eine Stimme, genau hinter dem gekippten Fenster. „Hilfe!“ Dann kommt wieder ein lautes Klopfen.
„Wir holen Hilfe!“, ruft jetzt Max. Er zieht seine Schwester mit sich fort. „Wir sagen den Eltern Bescheid, komm.“
Emma lässt sich nur widerstrebend mitziehen. Sie eilen an den anderen Häusern vorbei, von deren Bewohner wohl niemand etwas mitbekommen hat, nach Hause.
Einige Tage später erfahren die Geschwister, dass die alte Frau in ihrem Badezimmer ausgerutscht ist und nicht mehr allein aufstehen konnte. Sie hatte sich bei dem Sturz das Bein gebrochen und muss vorerst einmal im Krankenhaus bleiben, weil sich zu Hause niemand um sie kümmern kann.
„Und die Katze?“, will das Mädchen wissen, aber von der kann die Mutter nichts berichten.
Zwei Tage später meint Emma, die schon längst vergessen hat, dass die Frau zu ihr und Max so böse gewesen ist, „Wir könnten die Frau doch mal im Krankenhaus besuchen.“ Dabei setzt sie ihre Bettelmiene auf, indem sie den Kopf schief legt.
„Ich weiß nicht, ob Frau Winter, so heißt nämlich die Dame, das möchte. Ich rufe erst einmal im Krankenhaus an und frage dort, ob ein Besuch erwünscht ist.“
Weitere zwei Tage später fahren die Kinder mit ihrer Mutter und einem großen Weihnachtsstern ins Krankenhaus. Der Vater will lieber zu Hause bleiben. Emma, die ja eigentlich den Wunsch zu diesem Besuch hatte, ist auf einmal doch etwas ängstlich. Sie drückt sich an ihre Mutter, als sie das Krankenzimmer betreten.
„Ah, da kommen ja meine Lebensretter“, ruft Frau Winter, die von Kissen gestützt in ihrem Bett sitzt. „Kommt ruhig näher. Ich möchte mich doch bei euch bedanken. Ohne euch würde ich noch heute im Bad liegen.“
„Dann bist du nicht mehr böse mit uns?“, fragt Emma etwas scheu, hält sich aber noch immer neben ihrer Mutter verborgen. „Was sind Lebensretter, Mama“, fragt sie zaghaft.
„Wenn man einem anderen Menschen hilft, so, wie ihr es bei Frau Winter gemacht habt“, antwortet die Mutter und schiebt Emma zum Krankenbett.
„Wirst du denn wieder gesund?“, will sie wissen.
„Natürlich. Wenn ich wieder zu Hause bin, dann kommt ihr beide mit euren Eltern zu mir. Dann trinken wir zusammen Kaffee und Kakao, einverstanden?“
Emma schaut zu ihrer Mutter hin und als diese nickt, sagt sie zu Frau Winter gewandt: „Ja, aber du darfst nicht mehr mit uns schimpfen und uns auch nicht mehr fortjagen, versprochen?“
Frau Winter verspricht es, nachdem sie Emmas Mutter die Geschichte mit dem „davonjagen“ erklärt und sich bei den Kindern dafür entschuldigt hat.
Einen Tag vor Heilig Abend bettelt Emma so lange, bis die Eltern damit einverstanden sind, Frau Winter zu besuchen. In dem Dekoladen, der dem Krankenhaus gegenüber liegt, kaufen sie ein kleines künstliches Tannenbäumchen, das sogar geschmückt und mit LED Kerzen versehen ist. In einem Korb hat die Mutter selbstgebackene Plätzchen verstaut, dazu eine Flasche Saft und einige Orangen. Emma hat ein Bild gemalt und weil Max nicht zurückstehen will, hat er eine seiner Lieblingsmuscheln geopfert, die er vom letzten Ostseeurlaub mitgebracht hat.
„Warum weinst du denn?“, fragt Emma, als ein paar Tränen über Frau Winters faltige Wangen kullern. „Es ist doch Weihnachten.“
„Es ist …“ Frau Winter wischt sich die Tränen fort. „Noch nie haben mir fremde Menschen etwas geschenkt“, sagt sie. „Vielen, vielen Dank! Dort, wo ich früher gewohnt habe, waren alle nicht freundlich zu mir und die Kinder haben mich oft geärgert. Deshalb war ich auch so böse, weil ich dachte, ihr würdet mich auch nur ärgern wollen.“
„Hast du denn keine Kinder und keinen Mann?“, fragt Emma.
„Nein. Mein Mann ist schon lange tot. Ich hätte gerne Kinder gehabt.“
„Ich glaube, wir sollten Frau Winter jetzt allein lassen. Wir haben zu Hause noch so viel zu erledigen“, bittet die Mutter. „Wir können ja nach Weihnachten wieder vorbeischauen, wenn es Ihnen recht ist.“
„Natürlich. Ich würde mich sehr freuen. Ich soll mindestens noch drei Wochen hier bleiben.“
Bevor sie mit einem „Frohe Weihnachten“ das Krankenzimmer verlassen, geht Emma noch einmal zum Bett und schlingt ihre Arme um den Hals der alten Frau. „Jetzt hast du ja uns“, verspricht sie.
Geschenkideen von BLAutor
Drei Anthologien hat unser Arbeitskreis bis jetzt gemeinsam verfasst, und an zwei weiteren haben mehrere unserer Mitglieder mitgewirkt. diese sollten in keinem Bücherregal fehlen.
- Blind Verliebt
ist die neueste im September 2024 erschienene Anthologie des Schreibzirkels BLAutor.
31 AutorInnen mit Sehbeeinträchtigung beleuchten das Thema auf ganz unterschiedliche Weise. Lassen Sie sich in eine Welt der besonderen Art entführen. - Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt
ist der Titel unserer zweiten Anthologie, die im Oktober 2023 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook auf dem Buchmarkt erschienen ist.
Dank einer Buch-Patenschaft, die eines unserer Mitglieder übernommen hat, ist auch diese Anthologie mittlerweile aufgelesen worden und somit in den Hörbüchereien für blinde Menschen ausleihbar. - „Farbenfrohe Dunkelheit“
ist der Titel unserer mittlerweile zwei mal preisgekrönten ersten BLAutor-Anthologie, die 2022 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook erschienen ist und als Hörbuch produziert wurde und bei den Hörbüchereien für blinde Menschen ausgeliehen werden kann. - Anthologie Weihnachtszauber, 39 einfach schöne Weihnachtsgeschichten
Es muss ja nicht gleich ein komplett eigenes Buch sein. In einer Anthologie finden sich stets mehrere Autor:innen mit ihren Geschichten zu einem Thema zusammen, um dann gemeinsam ein Buch zu füllen.
Der Pashaas-Verlag rief zur Teilnahme an dieser Weihnachts-Anthologie auf. Fünf unserer Mitglieder schafften es, ihre Geschichten dort zu veröffentlichen. - Weihnachtsmodus an, mit Autor:innen des Arbeitskreises und anderen
Und hier ist die fünfte Anthologie, die der Pashaas-Verlag mit 20 Autor:innen, fünf aus unserem Arbeitskreis, herausgegeben hat.
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Neue Bücher von BLAutor-Mitgliedern
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Der Blindnerd-Adventskalender
Unser blindes Mitglied Gerhard ist blinder Hobbyastronom und das einzige blinde Mitglied der Deutschen Astronomischen Gesellschaft. Seit acht Jahren führt er den Blog Blindnerd.de.
In diesem Jahr fällt sein Adventskalender zwar etwas sparsamer aus, aber ein Blick in seine Weihnachtspost lohnt sich in jedem Fall.
Der Blautor-Adventskalender und der Blindnerd-Adventskalender sind überkreuz verlinkt, so dass man von jedem aus zu den jeweiligen Türchen des anderen springen kann.
Mit
diesem Link gelangen Sie und ihr auf diesen etwas außergewöhnlichen Weihnachtskalender.
Türchen drei, 2024
Leas Weihnachtsfest
von Brigitte Kemptner
Zehn Tage vor Weihnachten machte Lea mit ihrer besten Freundin Marie eine irrsinnige Wettfahrt mit dem Rad. Und das auch noch auf regennasser Straße. Das zwölfjährige Mädchen war doch sonst eher besonnen und neigte in der Regel nicht zum Leichtsinn. In einer Kurve passierte es auch schon. Lea sah die Frau mit dem Kinderwagen über die Straße gehen und stürzte beim Ausweichen so unglücklich, dass sie sogar mit dem Krankenwagen in die Kinderklinik gebracht werden musste.
Lea hatte die Operation an ihrem Bein gut überstanden. Matt und von der Narkose noch etwas benommen, lag sie in ihren Kissen und sah der Mutter entgegen, die gerade ins Zimmer kam.
„Mami, ich möchte nach Hause“, war die Begrüßung.
Die Mutter setzte sich zu ihrer Tochter ans Bett und sagte mitfühlend: „Meine arme Kleine. Ich habe vielleicht einen Schrecken bekommen, als Marie kam und mir von deinem Unfall erzählte. Ich bin ja so froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist. Der Arzt meinte allerdings, dass du nach diesem recht komplizierten Beinbruch für mindestens zwei Wochen hierbleiben musst.“
„Dazu habe ich aber keine Lust“, trotzte Lea.
Sie fühlte sich hundeelend und hätte am liebsten losgeheult. Noch niemals war sie Weihnachten von zu Hause fort gewesen. „Ich will aber heim und außerdem muss ich in die Schule zur Probe.“
Lea dachte an das Weihnachtsspiel, bei dem sie in diesem Jahr mitwirken sollte. Das konnte sie jetzt abschreiben.
Die Mutter tröstete sie noch ein wenig und versprach, mit Papa täglich zu kommen. Aber Leas Traurigkeit blieb, daran konnte auch der Besuch ihrer Eltern, ihrer Klassenkameraden und ihrer besten Freundin Marie kaum etwas ändern.
„Wer hat eigentlich meine Rolle beim Krippenspiel übernommen?“, fragte Lea zaghaft, als sie mit Marie allein war. Der Gedanke daran, nicht mitmachen zu können, schmerzte nach wie vor.
„Jasmin hat deine Mariarolle übernommen“, antwortete die Freundin. „Sie macht es ganz gut, wenn auch nicht so wie du. Nun sei doch bitte nicht mehr so traurig. Die Zeit hier geht bestimmt bald vorbei.“
Leas Schultern zucken heftig und später, als Marie fort war, zog sie die Decke übers Gesicht und weinte. Wie gut, dass das zweite Bett im Zimmer nicht belegt war.
Die Tage vergingen für Lea in der Klinik viel zu langsam. Eines Morgens wachte sie auf und stellte beim Blick zum Fenster fest, dass es schneite. „Auch das noch“, dachte das Mädchen. „Nicht einmal Rodeln gehen kann ich jetzt.“
Die Flocken wirbelten den ganzen Tag vom grauen Himmel herunter und als es am Spätnachmittag dunkel wurde, schaltete die Schwester, wie an den vorangegangenen Tagen auch, die LED-Kerzen am Adventkranz an. „Nicht einmal echte Kerzen gab es hier“, dachte Lea, die es gerne mochte, wenn ihr Vater zu Hause einige Tannenzweige über der Flamme glimmen ließ.
Übermorgen war Heiligabend und die Ferien hatten bereits gestern begonnen. Das Krippenspiel wurde am letzten Schultag vor Lehrern, Eltern und Schülern aufgeführt. Das war schon seit Jahren eine beliebte Tradition an ihrer Schule. Lea sah in Gedanken die große Aula vor sich, festlich geschmückt. Die Stühle für die Zuschauer bis auf den letzten Platz besetzt, und vorne auf der Bühne die Vorführung. Ohne sie! Zum Glück kamen in diesem Moment die Eltern zu Besuch und brachten für das Mädchen etwas Ablenkung mit.
Der Heiligabend begann für Lea genauso wie die Tage zuvor. Frühstück, Visite, Mittagessen und dazwischen fernsehen, lesen und Löcher in die Decke starren. Am Nachmittag wurde es still auf der Station und Lea wartete auf ihre Eltern. Dann endlich Schritte auf dem Flur, doch als sich die Tür öffnete, kam kein Besuch herein, sondern die Schwester mit einem Rollstuhl.
„So, junge Dame. Wir haben in der Cafeteria eine kleine Feier vorbereitet.“ Sie half Lea in den Rollstuhl und dann gings los.
In der Cafeteria hatten sich bereits alle Kinder, die über Weihnachten in der Klinik bleiben mussten, mit ihren Eltern eingefunden. Auch Leas Papa und Mama saßen schon dort. In einer Ecke stand ein wunderschön geschmückter Christbaum und auf den Tischen brannten diesmal sogar richtige Kerzen. Es gab Kuchen, Gebäck, Kaffee für die Erwachsenen und Kakao für die Kinder. Ein Teil des Raumes war durch einen großen Wandschirm abgeteilt und dahinter hörte man es tuscheln und hantieren.
Leas Rollstuhl wurde zum Tisch ihrer Eltern gefahren und dann ertönte ein Glöckchen, ganz wie daheim, dachte Lea.
„Liebe Kinder, liebe Eltern“, sagte der Oberarzt, der nun keinen weißen Kittel mehr trug. „Wir machen in jedem Jahr eine kleine Feier für die Kinder, die Weihnachten leider nicht zu Hause sein können. Heute allerdings haben wir uns – auf Wunsch der Eltern einer Patientin – für euch etwas ganz Besonderes ausgedacht. Aber lasst euch erst einmal den Kuchen, die Plätzchen und den Kakao schmecken.“
Kaum waren Teller und Tassen geleert, als wiederum das Glöckchen erklang und eine junge Frau vor den Wandschirm trat. Lea riss Mund und Augen auf, als sie ihre Lehrerin erkannte, mit der sie das Krippenspiel einstudiert hatten.
„Liebe Lea, deine Familie, Klassenkameraden und ich wissen, wie gerne du bei unserem Spiel mitgemacht hättest. Und weil du bei der Weihnachtsfeier in der Schule auch nicht dabei sein konntest, haben wir, deine Eltern und ich, uns von den Ärzten hier die Erlaubnis geholt, unser Krippenspiel im Krankenhaus noch einmal aufzuführen. Dazu lade ich dich und auch alle anderen Kinder mit ihren Eltern ganz herzlich ein und wünsche euch viel Freude dabei“, sagte die Lehrerin und gab das Zeichen, den Wandschirm fortzuräumen.
„Mama, das ist eine wunderschöne Überraschung!“, rief Lea voller Freude etwas zu laut, denn alle Kinder schauten nun zu ihr her. Am liebsten wäre sie sofort aufgestanden und zu ihren Schulkameraden geeilt.
„Ich habe gewusst, mein Schatz, dass du dich freust.“
Liebevoll legte die Mutter ihren Arm um Leas Schulter. Dann wurde es ganz still in der Cafeteria und das Spiel begann. Kein Mucks war zu hören, nicht einmal von den kleineren Kindern, denen es sicher schwer fiel, still zu sitzen und den Mund zu halten.
Und Lea? Die war rundherum glücklich, sah man von der Tatsache ab, dass sie wohl noch einige Tage in der Klinik bleiben musste. Das Mädchen strahlte mit dem Weihnachtsbaum um die Wette und als die Vorführung zu Ende war, klatschte sie am lautesten Beifall.
Nach dem Krippenspiel fand eine kleine Bescherung statt. Jedes Kind bekam eine Kleinigkeit von den Schwestern und Ärzten gemeinsam und natürlich von ihren Eltern. Später lag Lea wieder auf ihrem Zimmer, umringt von ihren Schulkameraden und Freundin Marie. Es wurde noch ein wenig erzählt und dann war es Zeit, Abschied zu nehmen.
Als auch die Eltern fort waren und die Schwestern noch einmal nach dem Rechten geschaut hatten, lag Lea in der Dunkelheit des Krankenzimmers und dachte an den schönen Nachmittag, der ihr das Weihnachtsfest in der Klinik wenigstens teilweise versüßt hatte.
© Brigitte Kemptner
Der Blindnerd-Adventskalender
Unser blindes Mitglied Gerhard ist blinder Hobbyastronom und das einzige blinde Mitglied der Deutschen Astronomischen Gesellschaft. Seit sieben Jahren führt er den Blog Blindnerd.de. In diesem Jahr widmet sich sein Adventskalender ganz den Wundern des Kosmos.
Der Blautor-Adventskalender und der Blindnerd-Adventskalender sind überkreuz verlinkt, so dass man von jedem aus zu den jeweiligen Türchen des anderen springen kann.
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Geschenkideen von BLAutor
Drei Anthologien hat unser Arbeitskreis bis jetzt gemeinsam verfasst, und an zwei weiteren haben mehrere unserer Mitglieder mitgewirkt. diese sollten in keinem Bücherregal fehlen.
- Blind Verliebt
ist die neueste im September 2024 erschienene Anthologie des Schreibzirkels BLAutor.
31 AutorInnen mit Sehbeeinträchtigung beleuchten das Thema auf ganz unterschiedliche Weise. Lassen Sie sich in eine Welt der besonderen Art entführen. - Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt
ist der Titel unserer zweiten Anthologie, die im Oktober 2023 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook auf dem Buchmarkt erschienen ist.
Dank einer Buch-Patenschaft, die eines unserer Mitglieder übernommen hat, ist auch diese Anthologie mittlerweile aufgelesen worden und somit in den Hörbüchereien für blinde Menschen ausleihbar. - „Farbenfrohe Dunkelheit“
ist der Titel unserer mittlerweile zwei mal preisgekrönten ersten BLAutor-Anthologie, die 2022 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook erschienen ist und als Hörbuch produziert wurde und bei den Hörbüchereien für blinde Menschen ausgeliehen werden kann. - Anthologie Weihnachtszauber, 39 einfach schöne Weihnachtsgeschichten
Es muss ja nicht gleich ein komplett eigenes Buch sein. In einer Anthologie finden sich stets mehrere Autor:innen mit ihren Geschichten zu einem Thema zusammen, um dann gemeinsam ein Buch zu füllen.
Der Pashaas-Verlag rief zur Teilnahme an dieser Weihnachts-Anthologie auf. Fünf unserer Mitglieder schafften es, ihre Geschichten dort zu veröffentlichen. - Weihnachtsmodus an, mit Autor:innen des Arbeitskreises und anderen
Und hier ist die fünfte Anthologie, die der Pashaas-Verlag mit 20 Autor:innen, fünf aus unserem Arbeitskreis, herausgegeben hat.
Es ist eine Weihnachtsanthologie der besonderen Art.
Nähere Informationen über die jeweils mitwirkenden Autor:innen erfahren Sie unter
Vitae und Werke.
03.12.24, Ein Wunsch frei – Das Weihnachtsmausmärchen
Es kribbelte und krabbelte, es krabbelte und kribbelte. Eine große Formation von Weihnachtsmäusen lief über den Waldweg hin zum Leuchtturm. Alle waren rot weiß gestreift, die einen hatten eine rote Schleife, die anderen eine weiße. Es sah so hübsch aus. Es waren bestimmt 300, oder gar 400? Ein wahrlich schönes Bild.
Am Leuchtturm angekommen begann der Aufstieg nach oben. Wieder ein schöner Anblick. Oben auf der Plattform angekommen musste erst einmal eine Aufstellung bezogen werden. Dann sagte die Weihnachtsmaus aus der vordersten Reihe, die auch Mäusekönig war:
„Ich bin die schönste Maus. Seht mich! Es kommt keiner an mich ran. Wer mich mag, meldet sich bitte! Nur dann kann es weitergehen mit unserem Mäuse Stamm.“
Und dann meldeten sich viele Mäusedamen.
Die erste sagte: „Ich bin am schnellsten von allen Damen hier hoch gelaufen. Nimm mich doch bitte.“
Die nächste: „Und ich, ich habe das schönste Fell, da kommt niemand heran“.
„Und ich kann die meisten Mäusekinder zeugen, ganz bestimmt“.
Und so stellten sich viele Mäusedamen einzeln vor. Einige konnten singen, andere stricken, gut Futter suchen, in Häuser eindringen, und vieles, vieles mehr. Ein wahres Eldorado für den Mäusekönig. Aber es waren auch weniger schöne Mäuse dabei. Einige mit Knautschgesicht, andere humpelten oder hatten dreieckige Ohren.
Wieder andere hatten Stelzen als Beine oder einen Besen als Schwanz.
Was also nun tun? Wie fand der Mäusekönig nur die beste Gefährtin?
Er dachte sich eine Frage aus. Nur Könige haben einen Wunsch frei, dachte er sich.
Was ist das Wichtigste im Leben einer Maus?
Es prasselten die Antworten: Geld, Essen, Schlafen, Kinder kriegen, spielen, toben, tanzen, die Menschen ärgern, Wände hochklettern, und vieles mehr.
Nur eine Mäusedame, klein und unscheinbar, sagte: die Liebe, Gesundheit und die Hoffnung.
Ganz schnell lief der König zu der Dame, umarmte si, und sie küssten sich. Und dann wurde ganz schnell eine Mäusehochzeit gefeiert. Und das mitten auf einem Leuchtturm.
Und wass sagt uns das nun? Ein wahrer Wunsch frei: Nicht nach Geld, und Materiellen, sondern nur nach Liebe, Gesundheit und der Hoffnung!
Diesen wichtigsten Wunsch im Leben hat ja wohl jeder frei!!!
Geschenktipp
Zwei Bücher hat unser Arbeitskreis gemeinsam verfasst. diese sollten unter keinem Weihnachtsbaum fehlen.
- Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt ist der Titel unserer neuen Anthologie, die im Oktober 2023 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook auf dem Buchmarkt erschienen ist.
- „Farbenfrohe Dunkelheit“
ist der Titel unserer mittlerweile zwei mal preisgekrönten ersten BLAutor-Anthologie, die 2022 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook erschienen ist und als Hörbuch produziert wurde und bei den Hörbüchereien für blinde Menschen ausgeliehen werden kann.
Auch auf diesem Weg bietet BLAutor seinen Mitgliedern die Möglichkeit, ein eigenes Werk auf dem Buchmarkt zu präsentieren.
Mit dem Kauf dieser beiden Anekdoten unterstützen sie die Arbeit unseres Arbeitskreises.
Und nun kommt noch ein Hinweis auf einen Adventskalender der besonderen Art:
Der Blindnerd-Adventskalender
Unser blindes Mitglied Gerhard ist blinder Hobbyastronom und das einzige blinde Mitglied der Deutschen Astronomischen Gesellschaft. Seit sieben Jahren führt er den Blog Blindnerd.de. In diesem Jahr widmet sich sein Adventskalender Frauen aus wissenschaft und Astronomie, denn Frauen sind in diesen Arbeitsfeldern bis heute unterrepräsentiert.
Der Blautor-Adventskalender und der Blindnerd-Adventskalender sind überkreuz verlinkt, so dass man von jedem aus zu den jeweiligen Türchen des anderen springen kann.
Mit
diesem Link gelangen Sie und ihr auf diesen etwas außergewöhnlichen Weihnachtskalender.
