Achter Dezember

Türchen 8, 2025

Günter Sehrbrock
Der Einsiedler, ein Weihnachtsmärchen

Wir haben den 20. Dezember 1528. Tagelang wehte ein starker Wind von Böhmen her über den Arber und die erste Bergkette ins Donautal. In der letzten Nacht hatte der Wind gedreht. Jetzt kam er aus dem Westen. Er kam nicht allein, er brachte den Schnee mit, viel Schnee. Bruder Georg hatte Mühe die Tür zu seiner Hütte aufzuschieben. Der Schnee reichte bis zum Knie. Er hielt die Nase in den Wind und dachte sich: das ist noch lange nicht alles! Hinzu kam, dass der Winter ja auch erst anfing. Er ging in die Hütte zurück und zog die Tür hinter sich zu. Mit ein etwas trockenem Reisig brachte er die Glut auf dem Herd wieder zum Brennen, legte Holz auf und machte in einem Topf Wasser heiß. Wasser für einen Tee zu welchem er die Blätter im Sommer im Wald gesammelt hatte. Im zweiten Topf rührte er den Hirsebrei an. So ging es jeden Morgen, der gleiche Tee, das gleiche Essen. Er verließ seine Hütte, ergriff den selbst gemachten Reisigbesen und legte einen Gang zur zweiten Hütte an. Diese war seine Kapelle. Die ganze Einsiedelei bestand aus diesen beiden Blockhütten, welche er vor ein paar Jahren selbst erbaut hatte. Holz dazu hatte er mittels der von ihm vorgenommenen Rodung genug gehabt. Er kniete vor einem selbst gefertigten Altar und verrichtete seine Morgenandacht. Darüber hing an der Wand das aus dem Kloster mitgebrachte Kreuz mit dem Corpus Christi, die einzige Zierde im Raum. Er hatte noch etwas mitgebracht, ein weißes Altartuch mit einem aufgesticktem Kreuz. Das war jedoch gut verwahrt in einem Beutel unter der Decke hängend. Somit schützte er es vor den Zugriffen der Mäuse. Er verließ die Kapelle. Schnee und Sturm beschwerten ihm den Gang zu seiner Hütte. Es folgten Tage, an welchen er seine Behausung nur verließ, um seine Gebete in der Kapelle zu verrichten.

Bruder Georg bereitete, wie jedes Jahr, den Tag der Geburt des Herrn vor. Er war voller Freude. Schon am Morgen begann er mit den Vorbereitungen. Er hatte Mehl mit Wasser verrührt, Salz hinzu gefügt und einen Fladen auf der Glut der Herdstelle gebacken. Solches Backen kam selten vor, nur an Feiertagen. Das Brot war ihm das liebste und einzig mögliche, was er sich gönnen konnte. In der Kapelle holte er das Altartuch aus dem Beutel und breitete es über den provisorischen Altar aus. Er hatte vor, am Abend eine von den ihm verbliebenen Kerzen zu entzünden und so die Ankunft des Herrn zu feiern. Der Wind war in einen eisigen Sturm übergegangen. Bruder Georg saß in seiner Hütte und aß vom gebackenen Brot. Er horchte. Da ruft doch einer, dachte er sich! Wie kann das sein, hier oben im Wald in meiner Einöde? Das Rufen wurde stärker und näherte sich. Georg ging vor die Tür. Tatsächlich näherte sich ein Licht. Minuten später hielt ein Reiter vor ihm und stieg ab. Georg war erstaunt, einen Knaben vor sich zu haben. „Um Gottes Willen, Junge! Warum kommst du bei diesem Unwetter an Heiligabend zu mir?“
„Meine Eltern schicken mich, der Großvater liegt im Sterben. Und er wünscht sich doch so sehr, die Sterbesakramente zu erhalten, bevor er die Welt verlassen müsse.“ „Bei diesem Unwetter, bist du sicher, dass wir bis zu deinem Hof kommen?“ „Ja, das Pferd bringt uns hin.“ Georg zog über sein Gewand eine dicke Wollhose und aus gleichem Material eine lange Jacke. Dann nahm er von der Wand den Beutel mit den Heilkräutern, fügte das weiße Übergewand, das Zeichen eines Priesters, hinzu und verschloss die Tür. Er verriegelte sie mit einem Balken. Der Junge half ihm in den Sattel.

Die leuchtende Laterne in der Hand, ging der Knabe voran. Er hatte, um im Schnee nicht zu versinken, Schneebretter unter die Füße geschnallt. Jetzt ging es los, aufwärts. Schon nach wenigen Minuten fühlte sich Bruder Georg wie ein Eiszapfen. Er betete still vor sich hin: lieber Herrgott, sei uns gnädig und beschütze uns auf dem Gang hin zu dem alten, sterbenden Mann. Das Pferd hatte Mühe, sich durch den lockeren Schnee fortzubewegen. Immer wieder wechselte der Sturm in Böen, wobei sich Georg am Sattel festhalten musste, um nicht abgeworfen zu werden. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt. Des Bruders Bart war vereist und oft hielt er sich die Hand vor die Augen und wischte sich die Eisstückchen aus den Brauen. Georg betete wieder. Er hatte noch nie einen Gang durch solch einen Schneesturm machen müssen. „Junge, ist es noch weit, bis zu deinem Hof?“ Er musste schreien, um sich bei diesem starken Wind bemerkbar zu machen. „Einsiedler, es ist nicht mehr weit.“ Bald erkannte Bruder Georg in der Ferne ein Licht. Aber erst eine halbe Stunde später erreichten sie den Hof, mehr tot als lebend. Er war so steif gefroren, dass er Mühe hatte, vom Pferd zu steigen. Jetzt in der warmen Stube, gewann Georg seine Lebensgeister wieder. „Ich danke dem lieben Gott und Ihnen, Bruder Einsiedel für das Herkommen bei diesem Unwetter.“ „Bäuerin, das ist Christenpflicht und ich bin froh, dass ich es geschafft habe.“ Die Bäuerin führte ihn eine Stiege hinauf in die Kammer des Großvaters. Dessen fiebrige Augen leuchteten auf, als er den Bruder sah. Bruder Georg nahm die Hand des Sterbenden, sprach dann das Sterbegebet über ihn. Dann nahm er ihm die gewünschte Beichte ab und machte mit dem heiligen Öl ein Kreuzzeichen auf seine Stirn. Es wurde still in der Kammer. Von der brennenden Kerze war nur noch ein Stück vorhanden, als der Bruder bemerkte, dass die Seele des alten Mannes zu Gott gefunden hatte.

Die Familie, die Bäuerin, der Bauer, der Knabe und seine drei jüngeren Geschwister und Bruder Georg saßen am Tisch und aßen gemeinsam aus einer großen Pfanne, was die Bäuerin zubereitet hatte. Dazu gab es frisches Brot und Milch, soviel wie jeder wollte. Es war ein Tag, wo Georg mit der bäuerlichen Familie, die Menschwerdung Christi feiern konnte. Erst am nächsten Tag, der Sturm hatte nachgelassen, brachte ihn der Junge mit seinem Pferd, wieder in den Wald zu seiner Klause. Für den Heimweg segnete Bruder Georg den Knaben und wünschte ihm in Gottes Namen eine glückliche Heimkehr. Er betete in seiner Kapelle vor dem Kreuz Christi und dankte dem Herrn, ihn beschützt zu haben in dieser eisigen Nacht hinauf zur Verabschiedung eines Christenmenschen. Für ihn war es ein glücklicher Tag, das Christkind war zur Erde gekommen und er hatte eine gläubige Seele vom Erdenleben verabschieden können.

Geschenkideen von BLAutor

Drei Anthologien hat unser Arbeitskreis bis jetzt gemeinsam verfasst, und an zwei weiteren haben mehrere unserer Mitglieder mitgewirkt. diese sollten in keinem Bücherregal fehlen.

  1. Blind Verliebt
    ist die neueste im September 2024 erschienene Anthologie des Schreibzirkels BLAutor.
    31 AutorInnen mit Sehbeeinträchtigung beleuchten das Thema auf ganz unterschiedliche Weise. Lassen Sie sich in eine Welt der besonderen Art entführen.
  2. Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt
    ist der Titel unserer zweiten Anthologie, die im Oktober 2023 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook auf dem Buchmarkt erschienen ist.
    Dank einer Buch-Patenschaft, die eines unserer Mitglieder übernommen hat, ist auch diese Anthologie mittlerweile aufgelesen worden und somit in den Hörbüchereien für blinde Menschen ausleihbar.
  3. Farbenfrohe Dunkelheit
    ist der Titel unserer mittlerweile zwei mal preisgekrönten ersten BLAutor-Anthologie, die 2022 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook erschienen ist und als Hörbuch produziert wurde und bei den Hörbüchereien für blinde Menschen ausgeliehen werden kann.
  4. Anthologie Weihnachtszauber, 39 einfach schöne Weihnachtsgeschichten
    Es muss ja nicht gleich ein komplett eigenes Buch sein. In einer Anthologie finden sich stets mehrere Autor:innen mit ihren Geschichten zu einem Thema zusammen, um dann gemeinsam ein Buch zu füllen.
    Der Pashaas-Verlag rief zur Teilnahme an dieser Weihnachts-Anthologie auf. Fünf unserer Mitglieder schafften es, ihre Geschichten dort zu veröffentlichen.
  5. Weihnachtsmodus an, mit Autor:innen des Arbeitskreises und anderen
    Und hier ist die fünfte Anthologie, die der Pashaas-Verlag mit 20 Autor:innen, fünf aus unserem Arbeitskreis, herausgegeben hat.
    Es ist eine Weihnachtsanthologie der besonderen Art.

Ein Blick lohnt auch immer auf die Liste unserer Neuerscheinungen, wo die neuesten Werke unserer Mitglieder erscheinen.
Neue Bücher von BLAutor-Mitgliedern

Nähere Informationen über die jeweils mitwirkenden Author:innen erfahren Sie unter
Vitae und Werke.


Der Blindnerd-Adventskalender

Unser blindes Mitglied Gerhard ist blinder Hobbyastronom und das einzige blinde Mitglied der Deutschen Astronomischen Gesellschaft. Seit acht Jahren führt er den Blog Blindnerd.de.
In diesem Jahr fällt sein Adventskalender zwar etwas sparsamer aus, aber ein Blick in seine Weihnachtspost lohnt sich in jedem Fall.

Der Blautor-Adventskalender und der Blindnerd-Adventskalender sind überkreuz verlinkt, so dass man von jedem aus zu den jeweiligen Türchen des anderen springen kann.
Mit
diesem Link gelangen Sie und ihr auf diesen etwas außergewöhnlichen Weihnachtskalender.



Türchen 8, 2024

Licht

von Jürgen Klaubert

Du Sonne
Die mein Herz
Erwärmt
Du spendest Kraft
Und Zuversicht
Du Sonne
Der Klarheit
Leuchtest auf meinem
Dunklen Pfad
Du geliebtes Licht
Der Lichter
Ja
Ich gehe
Ins Licht

Der Blindnerd-Adventskalender

Unser blindes Mitglied Gerhard ist blinder Hobbyastronom und das einzige blinde Mitglied der Deutschen Astronomischen Gesellschaft. Seit sieben Jahren führt er den Blog Blindnerd.de. In diesem Jahr widmet sich sein Adventskalender ganz den Wundern des Kosmos.
Der Blautor-Adventskalender und der Blindnerd-Adventskalender sind überkreuz verlinkt, so dass man von jedem aus zu den jeweiligen Türchen des anderen springen kann.
Mit
diesem Link gelangen Sie und ihr auf diesen etwas außergewöhnlichen Weihnachtskalender.

Geschenkideen von BLAutor

Drei Anthologien hat unser Arbeitskreis bis jetzt gemeinsam verfasst, und an zwei weiteren haben mehrere unserer Mitglieder mitgewirkt. diese sollten in keinem Bücherregal fehlen.

  1. Blind Verliebt
    ist die neueste im September 2024 erschienene Anthologie des Schreibzirkels BLAutor.
    31 AutorInnen mit Sehbeeinträchtigung beleuchten das Thema auf ganz unterschiedliche Weise. Lassen Sie sich in eine Welt der besonderen Art entführen.
  2. Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt
    ist der Titel unserer zweiten Anthologie, die im Oktober 2023 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook auf dem Buchmarkt erschienen ist.
    Dank einer Buch-Patenschaft, die eines unserer Mitglieder übernommen hat, ist auch diese Anthologie mittlerweile aufgelesen worden und somit in den Hörbüchereien für blinde Menschen ausleihbar.

  3. Farbenfrohe Dunkelheit
    ist der Titel unserer mittlerweile zwei mal preisgekrönten ersten BLAutor-Anthologie, die 2022 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook erschienen ist und als Hörbuch produziert wurde und bei den Hörbüchereien für blinde Menschen ausgeliehen werden kann.
  4. Anthologie Weihnachtszauber, 39 einfach schöne Weihnachtsgeschichten
    Es muss ja nicht gleich ein komplett eigenes Buch sein. In einer Anthologie finden sich stets mehrere Autor:innen mit ihren Geschichten zu einem Thema zusammen, um dann gemeinsam ein Buch zu füllen.
    Der Pashaas-Verlag rief zur Teilnahme an dieser Weihnachts-Anthologie auf. Fünf unserer Mitglieder schafften es, ihre Geschichten dort zu veröffentlichen.
  5. Weihnachtsmodus an, mit Autor:innen des Arbeitskreises und anderen
    Und hier ist die fünfte Anthologie, die der Pashaas-Verlag mit 20 Autor:innen, fünf aus unserem Arbeitskreis, herausgegeben hat.
    Es ist eine Weihnachtsanthologie der besonderen Art.

Nähere Informationen über die jeweils mitwirkenden Autor:innen erfahren Sie unter
Vitae und Werke.


08.12.2023, Emily und der Sternenstaub

von Martin Krefta
überarbeitet durch Tom Nentwich

Wenn du dir Etwas wünscht, liegt es daran, dass du einen Stern fallen siehst.
Wenn du einen Stern fallen siehst, liegt es daran, dass du in den Himmel schaust.
Wenn du in den Himmel schaust, liegt es daran, dass du immer noch an etwas glaubst.
Bob Marley (Reggae-Sänger, 1945-1981)
22. Dezember
Schwarz! Ob ich stehe oder liege, kann ich nicht bestimmen. Die Dunkelheit
macht mir schon ein wenig Angst, da sie so allumfassend ist. Plötzlich sehe ich
einen kleinen Lichtfleck, der nach und nach größer wird. Als die Verpackung
geöffnet wird, in der ich mich befinde, sehe ich eine weiße Tapete und eine
halbmondförmige Lampe. Ein Gesicht schiebt sich in mein Blickfeld und eine
Stimme dringt an mein Ohr. „Du bist aber wunderschön! Dich stelle ich erst
einmal auf den Schrank zu den Anderen.“ Eine Hand schiebt sich um meinen
Körper und hebt mich aus dem Karton. Nun, da keine Dunkelheit mehr ringsum
ist, kann ich auch die Frau und den Raum, in dem ich mich befinde, sehen. Frau
Winkelbach ist schätzungsweise Ende 50, hat braune lange Haare, ein
freundliches Gesicht und blaugrüne Augen, die mich aufmerksam mustern. Mitten
im Raum steht ein großer, wunderschön geschmückter Tannenbaum. Frau
Winkelbach trägt mich zu einem schwarzbraun gefleckten Holzschrank, auf dem
schöne Figuren und ein kleines Dorf stehen. „Du bekommst den Namen Emily von
mir. Und ich stelle dich ganz nach vorne.“ Ich heiße also Emily. Warum nicht? Ich
finde den Namen schön und er passt zu mir. Sie richtet mich mit dem Gesicht zum
Tannenbaum aus. „Morgen werde ich dich dann auf die Spitze setzen. Da gehörst
du hin.“ Ich freue mich so sehr als ich das höre, dass ich gleich mit meinen
sternförmigen Flügeln wackeln muss. Frau Winkelbach sieht es und strahlt über
das ganze Gesicht.
23. Dezember
Bislang habe ich noch niemanden gesehen. Der Tannenbaum leuchtet in allen
Farben und viele bunte Geschenke liegen unter ihm am Boden. Der Esstisch unter
dem Fenster ist mit einem Adventkranz und Kastanien geschmückt. Über die
letzte Nacht war eine Lichterkette an und hatte im ganzen Zimmer Sterne
projiziert. An der gegenüberliegenden Wand geht die Tür auf. Frau Winkelbach stellt sich vor mich und flüstert: „Hallo Emily, ich hoffe, du hattest eine schöne
Nacht. Das sind meine Tochter Sara und ihr Sohn Tom. Sie helfen mir, den Tisch
zu decken und dich auf die Spitze zu stellen.“
Sie wendet sich wieder ab und spricht ihre Tochter an. „Sara, kannst du mit
Tom in die Küche gehen und Geschirr für den Tisch suchen?“, fragt Frau
Winkelbach und zeigt dabei auf den Wohnzimmertisch am Fenster. Die Blonde
nickt und schiebt ihren Sohn aus dem Raum zur Küche.
Frau Winkelbach dreht sich wieder mir zu und murmelt „Du bist wirklich
schön, Emily. Da habe ich echt einen guten Kauf im Internet getätigt.“ Inzwischen
kommt Tom mit allerhand Geschirr ins Wohnzimmer und verteilt es am Tisch.
„Warum decken wir eigentlich für vier Personen? Wir sind doch morgen nur drei
oder nicht?“, fragt er seine Oma. Sie schüttelt den Kopf und antwortet: „Nein,
morgen kommt Sabine, eine gute Freundin von mir.“ Dann dreht sie sich um,
deutet auf mich und sagt: „Könntest du bitte Emily hier vom Schrank nehmen und
auf die Spitze des Baumes stellen?“ Tom sieht seine Oma merkwürdig an, als hätte
sie ihn aufgefordert, zu tanzen. „Wen meinst du mit Emily?“, fragt er verirrt. Sie
lächelt, streicht ihm über den Kopf und sagt dann: „Emily ist die vorderste Figur
auf dem Schrank.“
„Der Tisch sieht wirklich wunderschön aus, eigentlich sieht das ganze
Wohnzimmer super aus! Jetzt kann Weihnachten kommen!“, sagt Sara und breitet
die Arme aus, als würde sie die ganze Welt umarmen wollen. Tom poltert durch
die Wohnzimmertür und verkündet stolz: „Ich bin nicht mehr Tom, sondern Bob
der Baumeister. Ich habe einen richtigen Männerauftrag. Daher habe ich eine
Leiter geholt.“ „Dann zeig mal, Bob, was du draufhast.“, meint seine Mutter mit
einem Lächeln im Gesicht. Der kleine Baumeister macht das Friedenszeichen und
fasst mich ganz vorsichtig an. Dann steigt er auf die Leiter, setzt mich ganz
behutsam auf die Spitze des Tannenbaums und richtet mich so aus, dass ich den
ganzen Raum überblicken kann. „Auftrag erfolgreich ausgeführt.“ Hier oben habe
ich so einen guten Ausblick, als säße ich auf dem Mond. Tom und Frau
Winkelbach verlassen das Wohnzimmer. Sara zieht ein kleines, blaugrün
gestreiftes Päckchen aus ihrer Bluse und legt es zu den anderen Geschenken.
Dann schaut sie in meine Richtung, zwinkert mir zu und verlässt ebenfalls das
Zimmer.
Nun bin ich allein, natürlich nicht ganz allein. Die anderen Figuren, die ich
jetzt sehen kann, stehen auf dem Schrank. „Ho-Ho-Ho.“, ruft eine Stimme von
weiter vorne. Als ich in die Richtung schaue, winkt mir der Weihnachtsmann zu und grinst über das ganze Gesicht. Er klettert in seinen Schlitten, die Rentiere
setzen sich in Bewegung und fliegen dreimal um den Tannenbaum um schließlich
vor mir anzuhalten. Dann holt der Weihnachtsmann etwas aus seinem Sack, wirft
es in die Luft und winkt mir zu bevor der Schlitten wieder zurück auf den Schrank
fliegt. Es ist Glitzerstaub, der langsam auf mich herabsinkt. Mir fallen mir sofort
die Augen zu und ich schlafe ein…
24. Dezember
„Guten Morgen Emily.“, dringt eine Stimme von unten an meine Ohren.
Grinsend blickt Tom zu mir empor. Nachdem ich mit den Flügeln gewackelt habe,
geht er zu den anderen, die um den Tisch versammelt sind und fragt mit
aufgeregter Stimme „Machen wir jetzt Bescherung?“ Frau Winkelbach steht vom
Tisch auf und klatscht in die Hände. Ihre Freundin Sabine erhebt sich ebenfalls
und drückt eine Taste am schwarzen Abspielgerät. Leise ertönt ein Lied …
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerszeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!
Auch Sara und Tom stehen auf. Alle fassten sich an den Händen, gehen auf den
Tannenbaum zu und singen fröhlich mit. Auch ich singe im Geiste mit und wackle
mit den Flügeln. Das Licht im Wohnzimmer geht aus und nur noch die
Beleuchtung des Tannenbaums ist an. Die Figuren auf dem Schrank werden
plötzlich lebendig. Der Schneemann tanzt mit seinem Besen in der Hand, wie
Michael Jackson. Der Weihnachtsmann springt auf seinen Schlitten und treibt
seine Rentiere an. Aus den Schornsteinen der Häuser steigt Rauch auf. Aus den
Türen treten kleine Figuren, fassen sich ebenfalls an den Händen und singen auch
leise mit. Die Gesichter der Menschen, die unter mir stehen, werden vom Licht
bestrahlt, so dass sie aussehen, als wären sie Gespenster. Sie sehen nicht, was
gerade auf dem Schrank passiert. Ich schon. Der Schlitten hebt wieder ab, dreht
seine Runde hinter den Menschen und bleibt über den Köpfen stehen. Wie in der
Nacht zuvor holt der Weihnachtsmann etwas aus dem Sack und wirft es in die
Luft. Der Glitzerstaub sinkt langsam auf die Menschen und der dicke
Weihnachtsmann dreht mit seinem Schlitten erneut seine Runde. Als der Glitzer
die vier erreicht hat, umarmen sie sich. Frau Winkelbach schaut nach oben, sieht
den Weihnachtsmann und lächelt. Leise flüstert sie: „Fröhliche Weihnachten!“

Geschenktipp

Zwei Bücher hat unser Arbeitskreis gemeinsam verfasst. diese sollten unter keinem Weihnachtsbaum fehlen.

  1. Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt ist der Titel unserer neuen Anthologie, die im Oktober 2023 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook auf dem Buchmarkt erschienen ist.
  2. Farbenfrohe Dunkelheit
    ist der Titel unserer mittlerweile zwei mal preisgekrönten ersten BLAutor-Anthologie, die 2022 im Edition Paashaas Verlag als Taschenbuch und iBook erschienen ist und als Hörbuch produziert wurde und bei den Hörbüchereien für blinde Menschen ausgeliehen werden kann.

Auch auf diesem Weg bietet BLAutor seinen Mitgliedern die Möglichkeit, ein eigenes Werk auf dem Buchmarkt zu präsentieren.
Mit dem Kauf dieser beiden Anekdoten unterstützen sie die Arbeit unseres Arbeitskreises.
Und nun kommt noch ein Hinweis auf einen Adventskalender der besonderen Art:

Der Blindnerd-Adventskalender

Unser blindes Mitglied Gerhard ist blinder Hobbyastronom und das einzige blinde Mitglied der Deutschen Astronomischen Gesellschaft. Seit sieben Jahren führt er den Blog Blindnerd.de. In diesem Jahr widmet sich sein Adventskalender Frauen aus wissenschaft und Astronomie, denn Frauen sind in diesen Arbeitsfeldern bis heute unterrepräsentiert.
Der Blautor-Adventskalender und der Blindnerd-Adventskalender sind überkreuz verlinkt, so dass man von jedem aus zu den jeweiligen Türchen des anderen springen kann.
Mit
diesem Link gelangen Sie und ihr auf diesen etwas außergewöhnlichen Weihnachtskalender.