Der Verdacht – oder – Namen sind Schall und Rauch

Der Verdacht

oder

Namen sind Schall und Rauch

Harald Butterweck – September 2000

„Harry, sie haben Post“, rief Frau Kopp und winkte mit einem Brief. Müde kam Harry von der Uni und strebte sei­ner Studentenbude zu. „Ach, Frau Kopp, ich wollte ihnen noch sagen, daß ich über das Wochenende verreise“. „In den Schwarzwald“? woher wissen sie…“?

„Steht doch auf dem Absender, Harry“. „Einen schönen Namen hat ihre Freundin, Engel“! fuhr “Frau Kopp fort. „Ach, wissen sie, Frau Kopp, Namen sind nur Schall und Rauch“, sagte Harry und stieg die Treppe hoch.

„Harry, ich habe ihnen von Omas Geburtstag eine Kirschwälderschwarztorte hingestellt und eine Dose Ölsardinen, aber beides getrennt essen“! „Diese Wirtinnen“, dachte Harry, „sie sind doch alle gleich“. Er sah sich im Zimmer um. „Oh, die Wegwarten, ganz vertrocknet“! Er nahm das verdorrte Kraut aus den vier mißbrauchten Milchflaschen und stopfte es in den Papierkorb. Die Flaschen stellte er der Wirtin zum Spülen hin. Spät war es geworden und er beschloß, ins Bett zu gehen. Er machte es sich ge­mütlich und nahm sich den Brief vor. Was drin stand, das geht keinen was an. Je länger er las, um so mehr kribbelte es in seinem Brustkorb. So erging es ihm immer, wenn er an seine Liebste dachte. Nach dem zweiten Lesen entglitt der Brief seinen Fingern, und er begab sich in das Reich der Träume …

Am nächsten Morgen stand er zeitig auf dem Zubringer der Autobahn Richtung Basel. Der Rucksack drückte, die Kirschtorte und die Ölsardinen auch. Vor seiner Brust hielt er ein Pappschild mit der Aufschrift: Offenburg – Triberg. Plötzlich quietschten die Bremsen eines kleinen Lieferwagens. „Komm rein“ -rief eine tiefe Männerstimme, „bis Offenburg nehm ich dich mit! Ich heiße Richard“, fuhr er fort, und sah Harry fragend an.

„Harry“, murmelte der und fuhr fort: „Richard ist ein schöner Name, klingt so edel, so nach Löwenherz oder so..“ „Löwenherz? Nie gehört und in meiner Verwandtschaft schon gar nicht“. Nach längerem Schweiz en: „Meinen Nachnamen darf ich dir gar nicht sagen, so schlimm ist der. Rat mal“. Harry dachte nach. „Hitler, Göring oder Göbbels“? „Viel, viel schlimmer“, sagte Richard. „Halt dich fest, Harry, ich heiße Schlotterhose, Richard Schlotterhose“! Harry bekam einen Hustenanfall. „Gell, da bist de gebü­gelt“, fügte er hinzu. „Wissen sie“, antwortete Harry schließlich, „Namen sind doch Schall und Rauch“. „Hast du‘ ne Ahnung, wenn du wüßtest, alle grauen haben mich abgelehnt, bis auf eine, und die hieß Ratte, Edelgard Ratte. Die Weiber sind alle egal, laß dir das von mir gesagt sein! Leid tun mir nur meine Kinder, was die in der Schule und auf der Straße wegen unseres Na­mens mitmachen! Ich wollte ihn schon ändern lassen, aber Buchstabe für Buchstabe kostet das ein Schweine­geld…“ „Und wenn sie die drei ersten Buchstaben einfach weglassen“, schlug Harry mitfühlend vor. „Oder die beiden Worte einfach vertauschen“? „Du bist wohl auch nicht einer der Intelligentesten“, empörte sich Richard, „Lotterhose oder Hosenschlotter? Nein, mir ist einfach nicht zu helfen! Aber, da kommt schon die Ausfahrt Offen­burg. Geh‘ rauf auf die Bundesstraße ins Kinzig- und Gutachtal“. „Danke, Herr Schlotterrichard“, stotterte Harry und dachte: Vielleicht hätte ich ihn doch mit meinem Nachnamen trösten können, viel besser ist der ja auch nicht.

Er nahm wieder sein Pappschild und winkte mit dem Daumen Richtung Schwarzwald. Eine lange Stunde sah er viele Autos an sich vorbeirauschen. Endlich hielt eines an, ein LKW. „Ich fahr nach St. Georgen, bis Triberg kannst de mitfahren“, rief der Fahrer. Harry erklomm den Bei­fahrersitz. Beide saßen schweigsam nebeneinander.

„Unterhaltsam bist de aber gerade nich“, begann der Fah­rer, „erzähl mir doch was Schönes“. „Hm, was könnt‘ ich ihnen denn erzählen, Herr…“? „Schätzle“, ergänzte er, „wie fast jeder in unserem Ländle“. „Nun gut, Herr Schätzle, ich erzähle ihnen die Geschichte, die ich soeben erlebt habe. Herr Schätzle hörte aufmerksam zu. Plötz­lich überschlug sich seine Stimme und das Lenkrad vi­brierte unter seinen Händen: „Schlotterhose…, Schlotterhose…, nein, das werd‘ ich gleich am Montag meinen Kamtein in der Raststätte erzählen, das gibt ein Gaudi“ ! „Bitte nicht, Herr Schätzle, das wäre mir sehr peinlich“, sagte Harry. „Die Geschichte is so schön“, erwiderte Herr Schätzle, „dafür fahre ich einen kleinen Umweg über Schönwald“. „Oh, danke“, sagte Harry, und es dauerte nicht mehr lange, da stand er vor einem großen Haus mit der Aufschrift „Waldpeter“. Aber unter welchem der vielen Fenster sollte er sich bemerkbar machen? Er suchte sich das mit den schönsten Gardinen aus, spitzte den Mund und pfiff: „Liebste, liebe deinen Diener, liebe deinen Diener, sonst wird er ein Kapuziner, sonst wird er ein Kapuziner“!: Das Fenster mit den schönen Gardinen wurde aufgerissen und eine ihn unbekannte weibliche Stimme kreischte: „Was soll denn der Quatsch da unten“? „Ist.. das.. Fräulein Engel da“? stotterte Harry. „Ach, sie sind der Richard“, klang es nun sanfter von oben. „Nein, der bin ich nicht“, schrie Harry nun, drehte sich auf dem Absatz herum und eilte dem finsteren Tannen­wald zu. Auf der erst besten Kurbank ließ er sich nieder und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.

„Bleiben oder abreisen, abreisen oder bleiben“, das war die Frage. Mit erregten Bewegungen nestelte er an seinem Rucksack, entnahm ihm die Schachtel Pralinen, die er sich für sie vom Munde abgespart hatte. Eine Praline nach der anderen stopfte er sich in den Mund, manchmal auch zwei. „Richard“, dachte er, „blöder Name… bleiben oder abreisen, abreisen oder bleiben“?

Harry ist nicht abgereist, die damals neunzehnjährige Hanne Engel wird heute sechzig, wohnt irgendwo am Rande der Millionenstadt Köln und schmückt sich mit dem edlen Namen Butterweck- aber Namen – Namen sind ja nur Schall und Rauch!

(c) Harald Butterweck / Köln

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… Alla …

… alla …

Harald Butterweck – 2004

„Alla, Friedsche, ich gehn noch e bißche an die frisch Luft.‘ „Jo, Schorsch, awwer simuler net so viel, du machscht die Welt a net besser.“

„Sa desnet,Fra, mer Pälzer …, alla …“‚

„Allei hopp, Schorsch, schaff dich fort, un komm net werrer zu spät zum Esse“.

Immer muß se ebbes san, wie zu nem kleene Schulbub, no alla. Jetzt dut mer awwer die frisch Luft so richtig gut. Oh, do kommt de Petersen …

„Guten Tag, Herr Elmrich, ich habe noch ein Hühnchen mit ihnen zu rupfen.“

„Was wolle se, Herr Petersen, e Hinkelche mit mer robbe, so midde in de Faschdezeit?“

„Ja, Herr Elmrich, sie haben mich an ihrem Stammtisch einen verlogenen Angeber genannt. Wenn sie das nicht öffentlich zurücknehmen, sehen wir uns vor Gericht wieder.“

„Was), so ebbes soll ich gesat han?“

„Ja, Herr Elmrich, sie sind ein notorischer Verleumder!“ „Des, Herr Petersen, nemme se sofort zerick, des geht mer arich an mei Ehr.“

„Nichts werde ich zurücknehmen, Herr Elmrich.“

„No alla, dann ewe net, un losse sich des Hinkelche gut schmecke.“

„Nun denn, so werden wir uns vielleicht vor Gericht wieder-sehen, mir ist nicht zum Spaßen, Herr Elmrich.“

„Oijoi joi joi joi!“

Friedsche, Friedsche, du hosch recht,

die Welt, die Welt, die is soo schlecht!!

Alla …, awwer jetz han ich Hunger.

(c) Harald Butterweck / Köln

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… alla …

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Am Morgen

Am Morgen

Harald Butterweck – Oktober 2010

Noch erfüllt Kaffeeduft die Küche,
Geschirr klappert. Die Spülmaschine routiert.
„Ich fahre gleich mit dem Fahrrad zum Einkaufen“,
sagt sie, „es kann etwas dauern“.
„Ja“, sagt er, „laß dir nur Zeit“.
Er hebt den Kopf und lauscht.
Der Regenschutz knistert um ihren Körper.
Einige Male hört er Schritte hin und her gehen.
„Tschüß“, sagt sie, „tschüß“, antwortet er, „fahr‘ vorsichtig“.
Ihre Schritte verhallen in Richtung Haustür.
Wieder hebt er den Kopf und lauscht.
Autoreifen knirschen auf den Kieselsteinen gegenüber.
Von der Ferne dringt das Rauschen einer Bahn an sein Ohr.
Dumpf fällt die Tür ins Schloß.

… Stille …

… dunkel …

… allein …

(c) Harald Butterweck / Köln

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Am Morgen

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Aus der deutschen Leitkultur

Aus der deutschen Leitkultur

Harald Butterweck

Aus der deutschen Leitkultur:

Talk – show

Wer sich outet,
der ist in.

(c) Harald Butterweck / Köln

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Aus der deutschen Leitkultur

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Bosnischer Herbst

Bosnischer Herbst

Harald Butterweck – November 1995

Winde wehen, wiegen die Wipfel
und wachsen zum Sturm…
Es klöppelt und knarrt im Geäst.
Blätter wirbeln und tanzen,
fallen zu Boden,
decken die Erde
rot und gelb, bleich und auch noch grün…

Einer kommt
mit dem Kasten auf seinem Karren
und schaufelt und schaufelt
das Rote und Gelbe, das Bleiche und auch noch Grüne
in die Kiste auf dem Karren
und denkt: „Ich werde vergraben
in die Erde meines Gartens
das Rote und Gelbe, das Bleiche und auch noch Grüne.
Im Frühjahr wird es treiben
die Keime der Kartoffeln in die Höh‘.“

Wieder stößt der Sturm die Stämme, stürzt herab einen Ast
und erschlägt den Einen,
der dachte im Herbst an den Frühling…

(c) Harald Butterweck / Köln

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Brief an Anne Frank

Brief an Anne Frank

Harald Butterweck

Liebe Anne Frank,

sie haben Dein Tagebuch dem Feuer übergeben,
Dich ein zweites mal ermordet.
Einen Zeugen hörte ich sagen:
„Kein Wunder angesichts der israelitischen Agressionen!“
Anne, liebes Mädchen,
ich bitte Dich um Verzeihung.

(Anlass: Im Juli 2006 verbrannten NeoNazis öffentlich das Tagebuch der Anne Frank.)

(c) Harald Butterweck / Köln

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Brief an Anne Frank

Brief an Anne Frank

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Das Idol – Oder – Was der Mann so alles kann

Das Idol

oder

Was der Mann so alles kann

Harald Butterweck

Bäume ausreißen,
Panzer steuern,
auf die Zähne beißen,
aus allen Rohren feuern.
Der Mann, eine große Schau,
der Mann, das Idol der Frau?

(c) Harald Butterweck / Köln

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Der Kuss

Der Kuss

Harald Butterweck

Stell´ Dir vor Jürgen, er hat mich beim Abschied
mitten auf den Mund geküsst.
W e r ?
Nun, den wir heute als Gast hier hatten.
W a s , der Egon? Das soll er mir büssen!
Ach lass doch Jürgen, vielleicht ist er ja nur zufällig verrutscht.
W e r ?
Na wer schon, der K u s s !

(c) Harald Butterweck / Köln

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Der Kuss

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Der Wahlversprecher und die Volksverstimmung – Oder: – Im Rausch der Politik

Der Wahlversprecher und die Volksverstimmung

Oder:

Im Rausch der Politik

Harald Butterweck

Du musst wählen gehen!”, rief meine Frau. “Ich muss wählen gehen? Und du?” “Auch kochen ist wichtig.” “Auch, aber nicht nur!”
Genüsslich zog ich den Duft des angebratenen Saumagens ein. Meine Frau gab mir ein paar Kohlwitze mit auf den Weg, die sie in 100 Variationen erzählen konnte. “Ehrlichkeit ist eine Zier…, das war und bleibt mein Wahlspruch”, hatte Helmut K. voll Freud gesprochen. Hatte ich doch selbst meiner Frau einmal am Küchenherd erklärt: “Überm Fressen hab‘ ich dich gern”.
Mit diesen Überlegungen betrat ich das Wahllokal. Die hübsche Wahlhelferin Nadja übergab mir die Wahlunterlagen, schnupperte und sagte: “Ein gutes Essen gibt es heute bei Ihnen.” Ich wunderte mich und antwortete: “Saumagen und Deidesheimer Wein, mögen Sie das auch?”
“Strikte Neutralität verbietet mir eine Stellungsnahme zu Ihrer Frage”, erwiderte Nadja. In der Wahlkabine roch ich an meinem Pullover und gab Helmut K. meine Stimme. Gierig verschlang sie die Urne. “Soll ich Ihnen das Saumagenrezept zukommen lassen?” “Später”, flüsterte Nadja.
Schnell verließ ich den Raum und dachte an Saumagen und Deidesheimer Hofstück. Da plötzlich fielen mir die Worte meiner Frau ein: “Wahlversprechen haben kurze Beine, denk‘ dran.” Mir kamen Zweifel, hatte ich mich etwa verstimmt? Warum musste meine Frau auch ausgerechnet heute diese Pfälzer Spezialität zubereiten?”
Derlei Gedanken wurden mir schnell zerstreut als ich den Hausflur betrat und der Duft des Saumagens meine Nasennerven kitzelte. “Hast du richtig gewählt?”, fragte meine Frau. Immer diese Kontrolle, dachte ich und war verstimmt. Meine Frau ahnte etwas und sagte: “Du hast doch nicht etwa…?” “Doch ich habe…” “ Da gab es doch noch andere Namen, z.B. Rudolf S-c-h-, männlich kompetent…” “Woher weißt du das”, schrie ich sie an. “Reg‘ dich nicht auf, ich meine das doch politisch”, erwiderte sie und wendete den Saumagen. “Willst du Helmut K. etwa Inkompetenz unterstellen? Hat er nicht viele Freunde? Billy, Boris – und – und – ?”
“Ich glaub‘ von Politik verstehst du nichts. Hol‘ lieber den Pfälzer aus dem Keller”, befahl meine Frau und ich gehorchte, froh der Diskussion entfliehen zu können. Dann lobte ich den Saumagen über alle Maßen und den Deidesheimer und die Kochkünste meiner lieben Frau.
In den kommenden Tagen und Wochen wurde die Erkenntnis immer deutlicher in mir: Wieder hast du dich verstimmt. Das ganze Volk hat sich verstimmt. Vier Semester hielt die Verstimmung an, dann erinnerten wir uns Helmut K.‘s bedeutungsvoller Worte: “Die Menschen in unserem Lande müssen umdenken, umdenken in ihren Köpfen.” Darauf wollte ich in Zukunft hören und – auf meine Frau.
O Weisheit – im Standort Deutschland!

(c) Harald Butterweck / Köln

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Entscheidungen

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Harald Butterweck – Oktober 2011

Als ich neulich, Anfang Oktober meinen Abendspaziergang machte, begegnete mir unterwegs mein Freund und Kollege Frank. “Gut, daß ich dich treffe”, sagte er. “Ich habe ein großes Problem. Am 1. November soll ich meine Vikarsstelle in Pirmasens antreten, vorher jedoch muß ich heiraten”. “Wieso mußt du”, fragte ich. “Du weißt doch”, antwortete er, “Die Landeskirche wünscht, daß junge Vikare, bevor sie eine Stelle antreten, verheiratet sind, damit die jungen Mädchen der Gemeinde sie nicht von der Arbeit abhalten”.

“Und du hast zur Zeit keine Freundin?”. “Doch”, antwortete er, “ich habe derer drei, ich weiß aber nicht, welche von den Dreien ich heiraten soll. Da ist die Waltraud, die Gisela und die Monika. Du kennst ja alle Drei. Zu welcher würdest du mir raten?” “Alle drei sind sehr nett”, sagte ich, “deshalb kann ich dir die Entscheidung nicht abnehmen”.

“Außerdem muß ich vorher der Kirchenleitung meine Zukünftige vorstellen und um ihre Zustimmung bitten”, fuhr er fort. Frank sah mich eine Weile nachdenklich an. “Das ist genau so, wie wenn ich mich beim Hemdenkauf für eines entscheiden soll”. Da ich Frank wirklich nicht helfen konnte, verabschiedete ich mich und wandte mich meiner Wohnung zu.

Im Dezember desselben Jahres traf ich Frank wieder. “Nun”, fragte ich, “hast du eine Entscheidung getroffen?”. Frank sah mich strahlend an und sagte, “ich habe mich für Monika entschieden. Wir Beide sind glücklich und die Gemeinde hat uns gut aufgenommen”.

Als ich das junge Paar im März des folgenden Jahres in ihrem neuen Heim besuchte, hatte ich den Eindruck, sie sonnten sich immer noch in ihrem Glück. Doch bald gab es ein neues Problem. Franks Schwiegervater war inzwischen verstorben und die Schwiegermutter hatte den Wunsch, zu ihnen ins Pfarrhaus zu ziehen.

Während Monika sofort zustimmte, erbat sich Frank Bedenkzeit. Aus Liebe zu seiner Frau willigte er schließlich ein. Seine Schwiegermutter bezog einer der Zimmer im großen Haus, ging täglich im nahen Wäldchen spazieren und brachte eines Tages ihren neuen Freund samt Schäferhund mit nach Hause.

(c) Harald Butterweck / Köln

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