Du musst wählen gehen!, rief meine Frau. Ich muss wählen gehen? Und
du? Auch kochen ist wichtig. Auch, aber nicht nur!
Genüsslich zog ich den Duft des angebratenen Saumagens ein. Meine Frau gab mir ein paar
Kohlwitze mit auf den Weg, die sie in 100 Variationen erzählen konnte. Ehrlichkeit
ist eine Zier..., das war und bleibt mein Wahlspruch, hatte Helmut K. voll Freud
gesprochen. Hatte ich doch selbst meiner Frau einmal am Küchenherd erklärt: Überm
Fressen hab ich dich gern.
Mit diesen Überlegungen betrat ich das Wahllokal. Die hübsche Wahlhelferin Nadja
übergab mir die Wahlunterlagen, schnupperte und sagte: Ein gutes Essen gibt es
heute bei Ihnen. Ich wunderte mich und antwortete: Saumagen und Deidesheimer
Wein, mögen Sie das auch?
Strikte Neutralität verbietet mir eine Stellungsnahme zu Ihrer Frage,
erwiderte Nadja. In der Wahlkabine roch ich an meinem Pullover und gab Helmut K. meine
Stimme. Gierig verschlang sie die Urne. Soll ich Ihnen das Saumagenrezept zukommen
lassen? Später, flüsterte Nadja.
Schnell verließ ich den Raum und dachte an Saumagen und Deidesheimer Hofstück. Da
plötzlich fielen mir die Worte meiner Frau ein: Wahlversprechen haben kurze Beine,
denk dran. Mir kamen Zweifel, hatte ich mich etwa verstimmt? Warum musste
meine Frau auch ausgerechnet heute diese Pfälzer Spezialität zubereiten?
Derlei Gedanken wurden mir schnell zerstreut als ich den Hausflur betrat und der Duft des
Saumagens meine Nasennerven kitzelte. Hast du richtig gewählt?, fragte meine
Frau. Immer diese Kontrolle, dachte ich und war verstimmt. Meine Frau ahnte etwas und
sagte: Du hast doch nicht etwa...? Doch ich habe... Da gab
es doch noch andere Namen, z.B. Rudolf S-c-h-, männlich kompetent... Woher
weißt du das, schrie ich sie an. Reg dich nicht auf, ich meine das doch
politisch, erwiderte sie und wendete den Saumagen. Willst du Helmut K. etwa
Inkompetenz unterstellen? Hat er nicht viele Freunde? Billy, Boris - und - und - ?
Ich glaub von Politik verstehst du nichts. Hol lieber den Pfälzer aus
dem Keller, befahl meine Frau und ich gehorchte, froh der Diskussion entfliehen zu
können. Dann lobte ich den Saumagen über alle Maßen und den Deidesheimer und die
Kochkünste meiner lieben Frau.
In den kommenden Tagen und Wochen wurde die Erkenntnis immer deutlicher in mir: Wieder
hast du dich verstimmt. Das ganze Volk hat sich verstimmt. Vier Semester hielt die
Verstimmung an, dann erinnerten wir uns Helmut K.s bedeutungsvoller Worte: Die
Menschen in unserem Lande müssen umdenken, umdenken in ihren Köpfen. Darauf wollte
ich in Zukunft hören und - auf meine Frau.
O Weisheit - im Standort Deutschland!
(c) Harald Butterweck / Köln
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