Interview mit einem BLAutoren der ersten Stunde

von Theo Floßdorf - am 3. Januar 2011

vorgetragen von Alfred Stemmler / Recklinghausen


T.F.:
Zunächst danke dafür, dass Du als der eindeutig ältere von uns beiden mir vor unserem Gespräch das "Du" angeboten hast.

Homer:
Gerne, ich meine, Autoren und ganz besonders blinde Autoren sollten sich menschlich möglichst nah stehen. Da klingt nur das vertraute "Du" richtig.

T.F.:
Nun bist Du im Gegensatz zu mir ein Promi, ein Erfolgsautor mit enormer Auflage. Wann hast Du eigentlich Dein wichtigstes Werk geschrieben?

Homer:
Es gibt - wie Du aber wissen solltest - nicht nur eines, sondern zwei wichtigste Werke. Jetzt ist 2011; meine Odyssee habe ich also vor 2721 Jahren veröffentlicht und die Ilias ist noch 20 Jahre älter.

T.F.:
Ach ja... Troja... Kann man Dich als Kriegsberichterstatter bezeichnen?

Homer:
Nun, alle Kriegsberichterstatter lügen, das sich die Balken biegen. Insofern könnte ich Deine Frage mit "ja" beantworten. Du musst aber bedenken, als ich schrieb, waren die Keilereien um Troja schon über 500 Jahre vorbei.

T.F.:
Also sind das eher Romane. Dann bist Du der Erfinder des historischen Romans?

Homer:
Richtig, ein Genre, das auch heute noch viele Bestsellerlisten anführt und das mir damals in der ganzen griechischen Welt unerhörten Ruhm einbrachte. Ich war 40, als ich die Ilias schrieb.

T.F.:
Ohne Internet, ohne Frankfurter Buchmesse... Wie konnte das funktionieren?

Homer:
Nun ja, ich war privilegiert, kam aus gutem Hause. Ich hatte viel adelige Verwandtschaft und konnte deshalb nach Herzenslust reisen. Auch bestand finanziell kein Problem, im Eigenverlag Kopien meiner Werke anfertigen und versenden zu lassen.

T.F.:
"Nach Herzenslust", das hört sich so vergnüglich an. Ich finde es enorm anstrengend, als Blinder alleine zu reisen.

Homer:
Ich war nicht alleine; natürlich nahm ich meine Sklaven mit. Die regelten alles und spätestens in einer Sänfte kommt man recht bequem überall hin.

T.F.:
Das unterscheidet sich deutlich von meinen Mobilitätsproblemen mit Langstock...

Homer:
Ach...?

T.F.:
Und wie hast Du das mit dem Schreiben gemacht? Blindenschrift gab es ja noch nicht.

Homer:
Na, ebenfalls die Sklaven. Sie mussten mir vorlesen, und ich habe ihnen diktiert. Das machte übrigens auch die Reisen angenehm kurzweilig.

T.F.:
Hast Du noch andere Genres geschrieben?

Homer:
Na klar. Schon als Kind hörte ich immer die alten Heldenlieder. Von ihnen habe ich mich inspirieren lassen und selbst etliche geschrieben. Aus gegebenen Anlässen - auf die ich nicht näher eingehen möchte - kamen später Liebeslieder hinzu und vieles andere. Es waren Lieder aus allen Bereichen des Lebens.

T.F.:
Auch Profanes wie Stimmungs- und Trinklieder?

Homer:
Die machen Spaß. Ein großer Erfolg war "Wo mal meine Leber war, ist jetzt eine Minibar".

T.F.:
Also nicht nur historische Romane... Bist Du denn auch der Künstler, der unsere Liedermacherszene begründet hat?

Homer:
Mitbegründet! Ich bin nur einer der Gründerväter; wir waren mehrere. Übrigens hat Reinhard Mey eine bessere Gitarre als wir damals. Da gab es nur diese Klampfen, mit Katzendärmen bespannt, die sich manchmal nach den ehemaligen Besitzern der Bespannung anhörten.

T.F.:
Lieber Homer, danke, dass Du Dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast.

Homer:
Ich bitte Dich, von BLAutor zu BLAutor war mir das eine Selbstverständlichkeit.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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