Vor dem Festland


Thomas Maurenbrecher

Erzählung / 1999


Torill war vor neun Jahren auf dieser kleinen Insel geboren worden. Es gab weder Hebamme noch Krankenhaus auf der Insel, die man in der Breite in vierzig Minuten, in der Länge in knapp drei Stunden durchmessen konnte. So hatte Torills Mutter, eine kräftige Bäuerin mit großen Händen und vollem, gekräuselten dun­kelbraunen Haar, die Nachbarin zu Hilfe gerufen, als die Wehen stärker wurden. Die war schon darauf vorbereitet, machte hei­ßes Wasser auf dem Herd, der mit Holzscheiten gestocht wurde, legte die Laken und Handtücher zurecht und die ausgekochte Stoffschere, um die Nabelschnur zu kappen. Torill kam mit der zweiten Welle von Preßwehen, fast wie eine Rakete schoß sie heraus.

Aber das war das einzige, was schnell gegangen war in Torills Leben. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis sie auf all die Erzählerchen und Fingerspiele, auf all das Glöckchenanschlagen mit festerem Blick reagier­te und nicht nur mit diesem Anflug von Lächeln und dem Drehen des Kopfes wie von ungefähr. Erst ein sorgfältiger Arzt in der nächsten Stadt, schon auf dem Festland, würde Jahre später aufklären, womit diese Merkwürdigkeiten zusammenhingen.
Torill hatte keine Geschwister, wenn man es genau nimmt. Sie hatte einen Bruder und drei Schwestern, doch die waren zwischen neun und fünfzehn Jahre älter als sie, die älteste der Schwe­stern gehörte schon einer anderen Generation an. So fühlte sie mit ihrem inneren Sinnesorgan die Augen ihrer Mutter auf sich, die liebevollen Augen mit einem Hauch von Distanz, von mehr Objektivität, ja mit ein wenig Amüsiertheit über ihre kugelige Nachgeborene, wenn sie von ihrer Brust abfiel, schmatzend abfiel und nach Luft schnappte. Du Kleines da, dachte die Mutter, Du könntest fast mein Enkelkind sein.

Es kommt der Tag, an dem Torill, die sich im Zimmer unzählige Male den Kopf an Tisch- und Stuhlbeinen, dem Lautsprecher vor der Wand und der halboffenen Glastür gestoßen hat, an dem sich Torill, mit einem rotblonden Flaum am Kopf und in ein Anzügelchen aus grober Schafwolle gesteckt, krabbelnd über die offene Türschwelle wagt, den winzigen Abhang zum Terrain draußen halb purzelt halb krabbelt und leicht erschöpft im Gras liegenbleibt wie eine bunte übergroße Schmetterlingspuppe. Die Mutter hat noch zu tun in einem anderen Teil des Hauses, vielleicht im Schafstall, Torill ist sich selbst überlassen. Plötzlich hebt sie den Kopf, zittert vor Anstrengung, wendet ihn langsam hin und her: Sie liegt nur wenige Meter von wolligen Ungetümen entfernt, die Geräusche machen. Sie weiß nicht, daß das eine Schafherde ist, die da grast. Da hört sie die kleinen dumpfen Stöße, wenn die größeren Tiere blöken, und das Continuo der Glöckchen, die man den Lämmern um den Hals gebunden hat. Schon ist Torills Mutter da, stößt einen kleinen Schrei, halb Freude, halb Sorge, aus, nimmt Torill auf.

Als sie anfängt, sich an den Möbeln hochzuziehen und versucht, sich auf das Sofa zu hieven, die ersten Schritte zwischen Schrank und Sessel wagt, schwankend wie ein Schiff in schwerer See, fällt auf, daß sie sich fahrig be­wegt, manchmal mit ihren Händen danebengreift. Der Vater, ein Fischer, der gern seinen Schabernack treibt und auf seine Weise mit Trol­len und anderen Elementarwesen intim ist, der Vater zieht an seiner selbstgeschnitzten Pfeife, während er im Sessel sitzt und meint schmunzelnd: Da hast Du mir zuletzt doch einen kleinen weiblichen Troll geboren, Edda, die sollten wir, wenn sie erst richtig laufen kann, zwischen das Heidekraut und den Ginster lassen, da findet sie sich wahrscheinlich besser zurecht als zwischen unseren eckigen Möbeln! Edda sagte nichts dazu, dachte sich: Geh‘ Du nur wieder auf Deinen schmierigen Kutter zu Deinen Heringen, Lachsen und Makrelen, die hören Deinem Schnickschnack geduldiger zu als ich, gucken mit ihren Glupschaugen und sperren ihre Mäuler auf. Aus meiner Torill wird schon was Rechtes werden, dafür sorge ich.

Nun machen wir einen Sprung, denn wir können bei der kleinen Rotblonden unmöglich die Jahresringe zählen wie bei einer Kiefer, um zu sehen, ob es in ihrem fünften Jahr genug geregnet und die Sonne geschienen hat und ob mehr als in ihrem vierten Jahr oder was weiß ich.
Torill ist jetzt neun, die Mutter, die genug zu tun hat, zum Beispiel die achtundzwanzig Schafe melkt, die drei Böcke von sich stößt, die übermütig geworden sind und sie manchmal von hinten anrempeln mit ihren knochigen Schädeln, die Mutter hat ihr gezeigt, wie sie ihre rotblonden Strähnen in zwei Zöpfe bändigen kann. Doch an diesem Tag, sie hat heftig geträumt von Unholden und Hexen, die ihre Haare fest wie Silberdraht um Büsche wickeln und diese ausreißen, an diesem Tag versucht sie zum erstenmal, all ihre Haarpracht hinten zu einem einzigen Zopf zusammenzuflechten, fest und stark wie zu einem kleinen Tau. Nach dem Früh­­stück läuft sie vors Haus, saugt die Luft ein, die sich schon erwärmt hat, fühlt mit den Händen, daß die Sonne den Tau schon aufgeleckt hat. Sie schlendert hierhin und dorthin, fällt ins Laufen, hinunter zum Wasser, zum Bootssteg. Die Kähne schlagen nachlässig aneinander, das Wasser schmatzt und gurgelt, der Kahn des Vaters mit dem kleinen Überdach hin­ten und den beiden Gummireifen vom Milchwagen an den Seiten ist schon weg wie alle Tage, wenn sie hierherkommt, Vater fährt immer im ersten Morgendämmern hinaus. Torill legt sich an ihre Stelle ganz vorne auf den Steg, nahe an den letzten Eisenring mit dem grauen borstigen Tau­ende, legt sich auf den Rücken und wartet, bis sie wieder den Dreiklang hört: das Klatschen der Wellen gegen Steine und Holz, das Schreien der Möwen und das Blöken der Schafe.
Sie sieht die Wolken ziehen und die nachlässig kreisenden oder rasch da­hinhuschenden Möwen über sich, aber die Wolken sind stets mit einem Schleier verhangen. Und sie beginnt, sich diesen Himmel zu bevölkern mit einem ganzen Haufen von Wesen, die sie Schleierschlepper nennt. Natürlich meint sie keine Trecker, keine Maschinen am Himmel, sie hat nur schon gelernt, dass man alles, was etwas anderes, einen Anhänger zum Beispiel, zieht, Schlepper nennt. Und jemand da oben muß doch diese vielen Schleierwolken ziehen, die sich ständig bewegen, sagt sie sich. Und sie denkt sich auch, während sie auf dem Bootssteg liegt und mit den übereinandergeschlagenen Beinen wippt, dass es jemand geben müsste, der auf die ganzen Schleierschlepper, Schleierzieher achtet, daß sie nicht zusammenstoßen und dass die Schleier nicht reißen, daß nichts vergessen wird. Mit anderen Worten: Torill stellt sich das Schleierschieben da oben wie eine Art Theateraufführung vor, bei der ein umsichtiger Inspizient, eine Inspizientin darauf achtet, daß nichts vergessen wird und alles zusammenpaßt. Das drücke ich, der Erzähler, so aus, Torill weiß noch nichts vom Innenleben eines Theaters, sie denkt aber daran, daß es da oben jemanden geben muß, der alles dirigiert.

Ab jetzt wird sie immer schmerzlicher fühlen, daß sie allein ist, denn ihre Geschwister sind doch beträchtlich älter, haben vielleicht schon die Insel verlassen, auf dem Festland oder einer anderen Insel geheiratet oder eine Arbeit gefunden. Die Höfe stehen weit auseinander, die nächsten Kinder sind zu weit weg zum Spielen. Jeden Nachmittag, natürlich nicht in der dunklen Jahreszeit, jeden Nachmittag ließ sie sich wegtreiben vom elterlichen Hof - um ihren Gedanken vom Wind, den Sturmmöwen und Austernfischern oder, in ganz seltenen Fällen, ein paar Kranichen, die hoch über ihr daherzogen, nachzuhängen. Sie fand einige zerfledderte Federn zwischen den glitschigen Steinen am Ufer, stellte sie zu einem Kreis zusammen. Das war ihr kleiner Rittersaal. Die Ritter waren klitzeklein, allesamt waren sie Gnome in Rüstung mit einem Schwert lang wie die Blätter von Maiglöckchen. Sie fand auch kleine daunenweiche Federn, aus denen steckte sie einen Bereich ab, den sie mit Schafswolle aus den Gattern im Stall auslegte: das war das Frauengemach für die Gespielinnen der ritterlichen Trolle. Zwei Paare erfand sie sich mit Namen, Ödün und Heidrun sowie Hjalmar und Gunhild. Das waren ihre Lieblingstrollpärchen, die ersteren blond mit rotgoldener Rüstung beziehungsweise rotgefärbtem langen Kleid aus Schafwolle gestrickt, die anderen mit blauschwarzem Haar und silberner Rüstung beziehungsweise hellgrün gefärbtem Kleid aus weicher Wolle von Merinoschafen. Die vier waren ihr besonders zu willen, die anderen Wichte nannte sie insgesamt ihren Troß und ihren Weiberflor. Kam ihr auf ihren Streifzügen ein Schafsbock zu nahe und senkte angriffslustig den Kopf, so rief sie mit der Kraft ihrer Phantasie die beiden Paare oder nur Ödün und Hjalmar herbei, und die säbelten dem Bock an den Ohren herum, daß er zusammenfuhr und in wildem Schrecken die Flucht ergriff.
Einmal war sie in der prallen Mittagssonne eingeschlafen, als sie spürte, wie ihr etwas warmes Feuchtes, das aber auch rauh war, über Backen und Nase strich. Sie machte vorsichtig ein Auge auf und schloß es hastig: Über sich sah sie ein längliches Fleischgebilde, das aus einem wulstigen Maul mit borstigen Haaren herauskam und in drehenden Bewegungen über ihr Gesicht fuhr. Eine Kuhzunge war das, jawohl, sie gehörte einer der wenigen Kühe, die es auf dieser Insel vor der norwegischen Küste gab, wahrscheinlich war es Annika, die zum Hof des Nachbarn gehörte. Torill ballte ihre Hände zusammen, preßte die Augenlider zu - und dachte mit ihrer äußersten Entschlossenheit an Hjalmar, Ödün, Heidrun und Gunhild, daß sie die vorwitzige Kuh in die Flucht schlügen. Im nächsten Augenblick hörte sie ein leises Summen und Surren. Sie öffnete leicht die Augen, erhob den Oberkörper - und entdeckte ein amüsantes Spiel, das ihre Trollfreunde veranstalteten: die beiden Trollmänner sah sie in ihren blitzenden Rüstungen, wie sie ihre kleinen Schwerter schwangen und dabei auf dem Rücken der Kuh von Wirbel zu Wirbel sprangen, als ob sie sich auf einem Trampolin befänden. Die Trollweiber jedoch saßen oben und in der Mitte auf dem Schwanz, die Füßchen nach unten verschränkt, um sich zu halten; sie rieben kräftig mit stachligen Kastanienschalen auf ihrem Stück von Annikas SChwanz hin und her, daß die Schwanzbesitzerin mit ihrem Ende hin- und herschlug, als ob sie einen ganzen Mückenschwarm erschlagen wollte. Erst als das Kuhungetüm entschieden das Weite gesucht hatte, sah Torill, wie ihre Freunde absprangen oder abschwebten. So war es ihr recht, so konnte sie sich sicher fühlen, sie war niemals allein, wenn sie Freunde brauchte.

Als Torills Eltern einmal in der nächsten Stadt auf dem Festland bei der landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank und einem Rechtsanwalt zu tun hatten - Termine, für die sie Sonntagskleidung anzogen -, nahmen sie Torill mit, um sie einem Augenarzt vorzustellen. Sie trug bereits starke Brillengläser, die wegen der starken Krümmung glitzerten, denn sie reflektierten einen Teil des Lichts. Doch nach einem Jahr war es meist so, daß Torill schon nicht mehr gut lesen konnte, was die Lehrerin an die Tafel schrieb und trotzig ankündigte, sie würde bald nicht mehr in die Schule gehen, es lohne sich nicht. Der Augenarzt, ein junger Mann, der aus Bergen hierher gezogen war, machte sehr vorsichtig und geduldig seine Untersuchungen. Er sah sich auch genau den Augenhintergrund an und sagte schließlich mit ruhigen bestimmten Sätzen, daß Torill sehr tapfer sein müsse, denn es könne sein, daß es im Laufe der Zeit dunkler vor ihren Augen würde. Als Torill kurz raus mußte, erklärte er den Eltern, sie leide an einer seltenen Form der Netzhautdegeneration, die aber bekannt sei; er könne sie behandeln, um vielleicht eine dramatische Verschlechterung zu verhindern. Man müsse darauf achten, daß ihre Augen nicht durch einen Sturz oder sonst einen heftigen Aufprall einen Schock erlitten, das würde Torills ohnehin labile Netzhaut angreifen. Und zu Torill, als sie wieder hereinkam, sagte er: Du mußt jetzt für Deine lieben Augen sorgen, meine Kleine, Du mußt aufpassen auf die kleinen Äpfelchen in Deinem Kopf, mit denen Du die Wiesen und das Wasser, den Himmel und all die vielen Schafe siehst, daß sie sich nicht stoßen durch Deine Sprünge oder wenn Du von einem kleinen Abhang herunterfällst oder auch nur von einem Steinwall. Torill nickte, aber heimlich rief sie schon jetzt Ödün und Hjalmar zu Hilfe, daß sie sie auffingen, wenn sie einmal fiele - damit nicht am Ende ihre Augäpfelchen herauskullerten und im Rollen Steinchen und Staub aufsaugten, wie frisch gefangene Fische, die aus dem Eimer gesprungen sind.
Der Vater, der mit den Gedanken ständig bei seinen Netzen und den neu erfundenen Lampen am Bootsrand war, mit deren hellem milchigen Licht er größeren Fang erhoffte, der Vater vergaß das Ganze bald bis darauf, daß er von jetzt an Torill nicht mehr ohrfeigte, wenn sie wieder ein paar Gläser und die Schale mit Marmelade vom Tisch gewischt hatte - die Mutter jedoch begann damit, das Kind mit einem nicht abreißenden Schwall von Ermahnungen zu überhäufen. In der ganzen Gegend um das Haus bis hinunter zum Bootssteg errichtete sie gleichsam Verbotstafeln, auf denen in einem gelben Dreieck ein Mädchen im Stürzen zu sehen war, die Brille voran, die schon am Boden zerschellte. Und der Pfahl, an dem das Schild befestigt war, war für Torill über und über mit Ausrufezeichen in allen Formen und Farben bedeckt.
Was soll Torill tun mit ihrem träumerischen Hunger nach Leben, soll sie sich größere Ritter erschaffen mit schärferen Schwertern, die die ganzen Verbotsschilder der Mutter in einem coup de foudre absäbeln? Jetzt, da ihre Hüften noch die arglose kindliche Form haben, kann sie noch nicht weit weg gehen. Sie schlägt einfach einen Haken, wenn sie die Ahnung hat, daß da, wo sie gerade ist, wieder so ein widerwärtiges gelbes Dreieck stehen könnte - einfach, indem sie ein Bein über das andere schlägt und in eine andere Richtung läuft. Und indem sie so vom geraden nachlässigen Schlendern der früheren Jahre abkommt, steht sie plötzlich vor einem kleinen Berg, einem Berg, der über und über mit größeren und kleineren Steinen, vereinzelt von Steinblöcken bedeckt ist. Da vorne sieht sie etwas wie einen Weg, eine Linie, die vielleicht einmal ein riesiges urzeitliches Tier mit seinen Füßen, seinen krallenbewehrten Füßen, eingedrückt hat. Sie geht langsam hinauf, verläßt sich ganz auf die Weisheit ihrer eigenen Füße, denn genau kann sie die Steine nicht sehen, etwa ob Wackelsteine darunter sind, auf denen sie ausrutschen könnte. So kommt sie langsam voran, dreht sich immer wieder um den Berg herum auf dem Spiralweg. Oben findet sie eine kleine Mulde, gerade groß genug für ihren Körper, wenn sie sich zusammenrollt wie eine Schlange in der Sonne. Und da liegt sie, schaut in das Himmelsblau und versucht, aus dem Flug der Vögel, die in ihrem Gesichtskreis erscheinen, die Richtung des Windes abzulesen.
Die Mutter, die die Arbeit im Stall und in der Küche beendet und danach noch kurze Zeit am Webstuhl gesessen hat, wird unruhig, weil die Sonne schon ihre Kraft verloren hat und sie nichts hört und sieht von Torill. Sie nimmt einen Topf und die große Kelle für die Milch mit und geht los, wobei sie von Zeit zu Zeit Torills Namen ruft und Lärm macht, indem sie mit der Kelle auf den Topfboden schlägt. Schließlich schreckt Torill aus ihrem durchsonnten Schlangendasein auf, als sie die Stimme der Schreierin erkennt und ruft so laut sie kann: Hier bin ich! Die Mutter kommt die Spirale hinauf und will wissen, warum sie nicht nach Hause gekommen ist. Die Sonne hat mich geblendet, da habe ich zwischen all den gleißenden Steinen den Rückweg nicht gefunden, sagt sie und blinzelt.

Torill wächst heran, geht bald nicht mehr auf die Zwergschule im nächsten Ort, sondern auf das Gymnasium mit Internat auf einer anderen Insel. Ihre Leistungen in der Grundschule waren gut und in Fächern wie Geschichte, Norwegisch und Erdkunde sehr gut, obwohl sie, in der ersten Bank sitzend, vieles an der Tafel nicht lesen konnte. So hatten sich die Eltern vom Schulrektor überreden lassen, Torill aufs Gymnasium zu schicken, nachdem ein Stipendienantrag vom Ministerium bewilligt worden war. Torill wird in der kleinen Stadt, in der das Gymnasium liegt, neu eingekleidet mit Rock, Jacke und mehreren Blusen. Jetzt ist die Träumerin von Steinen und nochmals Steinen umgeben wie auf dem kleinen Berg mit dem Spiralweg, doch diese Steine sind nicht vom urzeitlichen Eis gewaschen und geglättet. Diese Steine in der Stadt sind meist gebrannt und formen Mauern, Plätze und Straßenpflaster, nur ab und zu gibt es Büsche, Bäume und ein paar Blumen. Torill, deren Sehkraft etwas schwächer geworden ist, fühlt sich zu Anfang unsicher in der fremden Umgebung, hat Angst, anzustoßen oder an einer Böschung hinzuklatschen. Man schickt ihr einen weißen elastischen Blindenstock, mit dem sie sofort die wichtigsten Reviere auskundschaftet, um den auffälligen Stock wieder zusammenzudrücken und einzustecken, nachdem sie sich die abgesteckten Räume eingeprägt hat, Stadtindianerin wider Willen, die sie mit einemmal geworden ist.

Was werde ich mich in dieser Steinwüste ausdörren lassen, furchtsam um­hertastend? Bin ich denn nicht zu Hause, auf unseren Wiesen mit den Vögeln, den Schmetterlingen und den Fischen im Gespräch gewesen, ganz abgesehen von meinen Freunden, den Wolken? Und meine engsten Freunde, die Trolle, werden mir sicherlich auch auf die Entfernung beistehen, stark sind unsere Gefühle, sie überwinden den Raum vom Bootssteg bis in unser Klassenzimmer! So füllt sich Torill mit Zuversicht an, einer Zuversicht, die aus dem Vertrauen, aus dem Untergrund ihrer Träu­me emporquillt. Und am Wochenende, oder doch an jedem zweiten Wochenende, fährt sie mit dem Bus nach Hause, der gut fünfzig Minuten über Ebenen und sanfte Hänge und von Zeit zu Zeit an Flüßchen entlang­fährt bis zu der Endhaltestelle. Dort holt sie ihr Vater mit seinem Boot ab und bringt sie in kurzer Zeit bis zu ihrem geliebten Bootssteg vor dem Hof ihrer Eltern, dem Holzhaus mit dem steilen Satteldach und dem von Regen und Schnee grau geriebenen Wirtschaftsgebäuden. Hier hängt sie wieder ihren alten Tagträumen nach oder versucht es doch, spürt aber, daß langsam ein Schleier weggezogen wird. Noch ist sie in der Lage, ihre beiden Trollpaare um sich zu versammeln und mit ihnen zu reden, aber es kommt ihr so vor, als ob sich die klingenden und kichernden Gestalten ihrer Kindheit Schritt für Schritt zurückzögen und strengeren, würdevolleren wichen, die man in einem mittelalterlichen Burgsaal sitzen oder in den Gewänden eines gotischen Kirchenportals stehen sieht.

Torill ist auch in der Internatsschule oft allein. Den meisten Mitschülerinnen und Mitschülern ist es zu lästig, ständig auf ihre Sinnesbeschränkung Rücksicht zu nehmen, zumal Torill ihren Stolz hat und jedes Mitleid ablehnt. Die wenigen, die bereitwillig für sie einspringen, sind ihr wiederum zu brav, sie haben eben keine Trollseite in sich. Eine junge Lehrerin, die in Torills Klasse Norwegisch unterrichtet und in Torills Aufsätzen ihre Liebe zu den Dichtern spürt, unterstützt sie, erzählt ihr viel über den Zusammenhang der skandinavischen Sagen und Epen und deren Verbindung zu Dichtungen Mitteleuropas. Auch ein junger Pfarrer versucht, sich um sie zu kümmern, doch ihm gegenüber zeigt sich Torill besonders zurückhaltend. Ihre Zurückhaltung rührt daher, daß ihr in ihrer Kindheit der Pietismus mit seinen untergründigen Warnungen vor den Verführungen dieser Welt um ein Haar ihre Unbekümmertheit genommen und sie in eine zögerliche Ängstlichkeit getrieben hätte. Dem hatte sie damals den Riegel ihres Trotzes vorgeschoben und war in ihre träumerischen Schlupflöcher entkommen. Einige Jahre später wird sie solch ehrlich gemeinte Hilfe, die mit der Brüderlichkeit der Menschen Ernst macht, mit der Erklärung zurückweisen, sie sei Atheistin. Das brauchte es für sie, um mit vielen blutigen Nasen an ein unverstelltes Leben nach ihrem Geschmack heranzukommen.

Und Torill, Du junge Frau jetzt mit den verborgenen Augen, dem rotblonden festen Haar, das Dir in langen Locken herunterfällt, dem klaren Gesicht, in dem mit Deinen neunzehn Jahren alles ausgeformt ist von der Wölbung der Nase, den sparsamen Augenbrauen, den vollen Backen und dem energischen Kiefer, Du wirst uns jetzt verlassen. Die Zeit im Gymnasium ist zu Ende, und Du wirst nach Oslo zum Studium der Sozialpädagogik und Nordistik gehen. Das bedeutet den Abschied von der umgrenzten Welt Deiner Insel vor der Bucht von Stavanger, von Deinen Trollfreunden, dem Bootssteg und dem Geröllberg.

Du bist Dir dieses Einschnitts bewußt, daß Du jetzt ein für allemal alldem entwachsen, daß Du erwachsen bist. Und Du erfindest Dir eine rituelle Handlung, um den Abschied als Deine eigene rite de pasage zu feiern: Da gräbst Du nach Sonnenaufgang am letzten Sonntag vor Deiner Abfahrt nach Oslo mit einem scharfen Stein vom Geröllberg oberhalb des Bootsstegs eine kleine Grube und versenkst darin einen Zettel, auf dem Du in Stabreimen, so gut Du kannst, Deine Gefühle zum Abschied niederschreibst:

Wenn wir wandern,
weißen Wolken weitab
weichend, wissend weder,
was wir wagen,
wer wir werden;
weh! wir Wichtelfreunde,
Winde wehen weitab
Wanderkinder, wie wir
wellend wogten, wurden;
Wotansbräute, Waberlohe
weltabweisend, willig
wieder, wundergläubig,
werfen Wasser, Wiese, Wimpel
weitab - wohlan:
Wartet mein, wenn
einst ich wieder
wirbelnd, wehend, watend
wisper‘ Eure Lieder.


Diese Verse versenktest Du, fülltest die Grube wieder auf und gingst in Deine Zukunft. Deine Zukunft, die eingefaßt sein wird vom Kranz Deiner Träume.

(c) Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld


zurück zur Seite Thomas Maurenbrecher
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Vor dem Festland

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de