Torill war vor neun Jahren auf dieser kleinen Insel geboren worden. Es gab weder Hebamme
noch Krankenhaus auf der Insel, die man in der Breite in vierzig Minuten, in der Länge in
knapp drei Stunden durchmessen konnte. So hatte Torills Mutter, eine kräftige Bäuerin
mit großen Händen und vollem, gekräuselten dunkelbraunen Haar, die Nachbarin zu Hilfe
gerufen, als die Wehen stärker wurden. Die war schon darauf vorbereitet, machte heißes
Wasser auf dem Herd, der mit Holzscheiten gestocht wurde, legte die Laken und Handtücher
zurecht und die ausgekochte Stoffschere, um die Nabelschnur zu kappen. Torill kam mit der
zweiten Welle von Preßwehen, fast wie eine Rakete schoß sie heraus.
Aber das war das einzige, was schnell gegangen war in Torills Leben. Es dauerte
ungewöhnlich lange, bis sie auf all die Erzählerchen und Fingerspiele, auf all das
Glöckchenanschlagen mit festerem Blick reagierte und nicht nur mit diesem Anflug von
Lächeln und dem Drehen des Kopfes wie von ungefähr. Erst ein sorgfältiger Arzt in der
nächsten Stadt, schon auf dem Festland, würde Jahre später aufklären, womit diese
Merkwürdigkeiten zusammenhingen.
Torill hatte keine Geschwister, wenn man es genau nimmt. Sie hatte einen Bruder und drei
Schwestern, doch die waren zwischen neun und fünfzehn Jahre älter als sie, die älteste
der Schwestern gehörte schon einer anderen Generation an. So fühlte sie mit ihrem
inneren Sinnesorgan die Augen ihrer Mutter auf sich, die liebevollen Augen mit einem Hauch
von Distanz, von mehr Objektivität, ja mit ein wenig Amüsiertheit über ihre kugelige
Nachgeborene, wenn sie von ihrer Brust abfiel, schmatzend abfiel und nach Luft schnappte.
Du Kleines da, dachte die Mutter, Du könntest fast mein Enkelkind sein.
Es kommt der Tag, an dem Torill, die sich im Zimmer unzählige Male den Kopf an Tisch- und Stuhlbeinen, dem Lautsprecher vor der Wand und der halboffenen Glastür gestoßen hat, an dem sich Torill, mit einem rotblonden Flaum am Kopf und in ein Anzügelchen aus grober Schafwolle gesteckt, krabbelnd über die offene Türschwelle wagt, den winzigen Abhang zum Terrain draußen halb purzelt halb krabbelt und leicht erschöpft im Gras liegenbleibt wie eine bunte übergroße Schmetterlingspuppe. Die Mutter hat noch zu tun in einem anderen Teil des Hauses, vielleicht im Schafstall, Torill ist sich selbst überlassen. Plötzlich hebt sie den Kopf, zittert vor Anstrengung, wendet ihn langsam hin und her: Sie liegt nur wenige Meter von wolligen Ungetümen entfernt, die Geräusche machen. Sie weiß nicht, daß das eine Schafherde ist, die da grast. Da hört sie die kleinen dumpfen Stöße, wenn die größeren Tiere blöken, und das Continuo der Glöckchen, die man den Lämmern um den Hals gebunden hat. Schon ist Torills Mutter da, stößt einen kleinen Schrei, halb Freude, halb Sorge, aus, nimmt Torill auf.
Als sie anfängt, sich an den Möbeln hochzuziehen und versucht, sich auf das Sofa zu hieven, die ersten Schritte zwischen Schrank und Sessel wagt, schwankend wie ein Schiff in schwerer See, fällt auf, daß sie sich fahrig bewegt, manchmal mit ihren Händen danebengreift. Der Vater, ein Fischer, der gern seinen Schabernack treibt und auf seine Weise mit Trollen und anderen Elementarwesen intim ist, der Vater zieht an seiner selbstgeschnitzten Pfeife, während er im Sessel sitzt und meint schmunzelnd: Da hast Du mir zuletzt doch einen kleinen weiblichen Troll geboren, Edda, die sollten wir, wenn sie erst richtig laufen kann, zwischen das Heidekraut und den Ginster lassen, da findet sie sich wahrscheinlich besser zurecht als zwischen unseren eckigen Möbeln! Edda sagte nichts dazu, dachte sich: Geh Du nur wieder auf Deinen schmierigen Kutter zu Deinen Heringen, Lachsen und Makrelen, die hören Deinem Schnickschnack geduldiger zu als ich, gucken mit ihren Glupschaugen und sperren ihre Mäuler auf. Aus meiner Torill wird schon was Rechtes werden, dafür sorge ich.
Nun machen wir einen Sprung, denn wir können bei der kleinen Rotblonden unmöglich die
Jahresringe zählen wie bei einer Kiefer, um zu sehen, ob es in ihrem fünften Jahr genug
geregnet und die Sonne geschienen hat und ob mehr als in ihrem vierten Jahr oder was weiß
ich.
Torill ist jetzt neun, die Mutter, die genug zu tun hat, zum Beispiel die achtundzwanzig
Schafe melkt, die drei Böcke von sich stößt, die übermütig geworden sind und sie
manchmal von hinten anrempeln mit ihren knochigen Schädeln, die Mutter hat ihr gezeigt,
wie sie ihre rotblonden Strähnen in zwei Zöpfe bändigen kann. Doch an diesem Tag, sie
hat heftig geträumt von Unholden und Hexen, die ihre Haare fest wie Silberdraht um
Büsche wickeln und diese ausreißen, an diesem Tag versucht sie zum erstenmal, all ihre
Haarpracht hinten zu einem einzigen Zopf zusammenzuflechten, fest und stark wie zu einem
kleinen Tau. Nach dem Frühstück läuft sie vors Haus, saugt die Luft ein, die sich
schon erwärmt hat, fühlt mit den Händen, daß die Sonne den Tau schon aufgeleckt hat.
Sie schlendert hierhin und dorthin, fällt ins Laufen, hinunter zum Wasser, zum Bootssteg.
Die Kähne schlagen nachlässig aneinander, das Wasser schmatzt und gurgelt, der Kahn des
Vaters mit dem kleinen Überdach hinten und den beiden Gummireifen vom Milchwagen an den
Seiten ist schon weg wie alle Tage, wenn sie hierherkommt, Vater fährt immer im ersten
Morgendämmern hinaus. Torill legt sich an ihre Stelle ganz vorne auf den Steg, nahe an
den letzten Eisenring mit dem grauen borstigen Tauende, legt sich auf den Rücken und
wartet, bis sie wieder den Dreiklang hört: das Klatschen der Wellen gegen Steine und
Holz, das Schreien der Möwen und das Blöken der Schafe.
Sie sieht die Wolken ziehen und die nachlässig kreisenden oder rasch dahinhuschenden
Möwen über sich, aber die Wolken sind stets mit einem Schleier verhangen. Und sie
beginnt, sich diesen Himmel zu bevölkern mit einem ganzen Haufen von Wesen, die sie
Schleierschlepper nennt. Natürlich meint sie keine Trecker, keine Maschinen am Himmel,
sie hat nur schon gelernt, dass man alles, was etwas anderes, einen Anhänger zum
Beispiel, zieht, Schlepper nennt. Und jemand da oben muß doch diese vielen Schleierwolken
ziehen, die sich ständig bewegen, sagt sie sich. Und sie denkt sich auch, während sie
auf dem Bootssteg liegt und mit den übereinandergeschlagenen Beinen wippt, dass es jemand
geben müsste, der auf die ganzen Schleierschlepper, Schleierzieher achtet, daß sie nicht
zusammenstoßen und dass die Schleier nicht reißen, daß nichts vergessen wird. Mit
anderen Worten: Torill stellt sich das Schleierschieben da oben wie eine Art
Theateraufführung vor, bei der ein umsichtiger Inspizient, eine Inspizientin darauf
achtet, daß nichts vergessen wird und alles zusammenpaßt. Das drücke ich, der
Erzähler, so aus, Torill weiß noch nichts vom Innenleben eines Theaters, sie denkt aber
daran, daß es da oben jemanden geben muß, der alles dirigiert.
Ab jetzt wird sie immer schmerzlicher fühlen, daß sie allein ist, denn ihre
Geschwister sind doch beträchtlich älter, haben vielleicht schon die Insel verlassen,
auf dem Festland oder einer anderen Insel geheiratet oder eine Arbeit gefunden. Die Höfe
stehen weit auseinander, die nächsten Kinder sind zu weit weg zum Spielen. Jeden
Nachmittag, natürlich nicht in der dunklen Jahreszeit, jeden Nachmittag ließ sie sich
wegtreiben vom elterlichen Hof - um ihren Gedanken vom Wind, den Sturmmöwen und
Austernfischern oder, in ganz seltenen Fällen, ein paar Kranichen, die hoch über ihr
daherzogen, nachzuhängen. Sie fand einige zerfledderte Federn zwischen den glitschigen
Steinen am Ufer, stellte sie zu einem Kreis zusammen. Das war ihr kleiner Rittersaal. Die
Ritter waren klitzeklein, allesamt waren sie Gnome in Rüstung mit einem Schwert lang wie
die Blätter von Maiglöckchen. Sie fand auch kleine daunenweiche Federn, aus denen
steckte sie einen Bereich ab, den sie mit Schafswolle aus den Gattern im Stall auslegte:
das war das Frauengemach für die Gespielinnen der ritterlichen Trolle. Zwei Paare erfand
sie sich mit Namen, Ödün und Heidrun sowie Hjalmar und Gunhild. Das waren ihre
Lieblingstrollpärchen, die ersteren blond mit rotgoldener Rüstung beziehungsweise
rotgefärbtem langen Kleid aus Schafwolle gestrickt, die anderen mit blauschwarzem Haar
und silberner Rüstung beziehungsweise hellgrün gefärbtem Kleid aus weicher Wolle von
Merinoschafen. Die vier waren ihr besonders zu willen, die anderen Wichte nannte sie
insgesamt ihren Troß und ihren Weiberflor. Kam ihr auf ihren Streifzügen ein Schafsbock
zu nahe und senkte angriffslustig den Kopf, so rief sie mit der Kraft ihrer Phantasie die
beiden Paare oder nur Ödün und Hjalmar herbei, und die säbelten dem Bock an den Ohren
herum, daß er zusammenfuhr und in wildem Schrecken die Flucht ergriff.
Einmal war sie in der prallen Mittagssonne eingeschlafen, als sie spürte, wie ihr etwas
warmes Feuchtes, das aber auch rauh war, über Backen und Nase strich. Sie machte
vorsichtig ein Auge auf und schloß es hastig: Über sich sah sie ein längliches
Fleischgebilde, das aus einem wulstigen Maul mit borstigen Haaren herauskam und in
drehenden Bewegungen über ihr Gesicht fuhr. Eine Kuhzunge war das, jawohl, sie gehörte
einer der wenigen Kühe, die es auf dieser Insel vor der norwegischen Küste gab,
wahrscheinlich war es Annika, die zum Hof des Nachbarn gehörte. Torill ballte ihre Hände
zusammen, preßte die Augenlider zu - und dachte mit ihrer äußersten Entschlossenheit an
Hjalmar, Ödün, Heidrun und Gunhild, daß sie die vorwitzige Kuh in die Flucht schlügen.
Im nächsten Augenblick hörte sie ein leises Summen und Surren. Sie öffnete leicht die
Augen, erhob den Oberkörper - und entdeckte ein amüsantes Spiel, das ihre Trollfreunde
veranstalteten: die beiden Trollmänner sah sie in ihren blitzenden Rüstungen, wie sie
ihre kleinen Schwerter schwangen und dabei auf dem Rücken der Kuh von Wirbel zu Wirbel
sprangen, als ob sie sich auf einem Trampolin befänden. Die Trollweiber jedoch saßen
oben und in der Mitte auf dem Schwanz, die Füßchen nach unten verschränkt, um sich zu
halten; sie rieben kräftig mit stachligen Kastanienschalen auf ihrem Stück von Annikas
SChwanz hin und her, daß die Schwanzbesitzerin mit ihrem Ende hin- und herschlug, als ob
sie einen ganzen Mückenschwarm erschlagen wollte. Erst als das Kuhungetüm entschieden
das Weite gesucht hatte, sah Torill, wie ihre Freunde absprangen oder abschwebten. So war
es ihr recht, so konnte sie sich sicher fühlen, sie war niemals allein, wenn sie Freunde
brauchte.
Als Torills Eltern einmal in der nächsten Stadt auf dem Festland bei der
landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank und einem Rechtsanwalt zu tun hatten - Termine,
für die sie Sonntagskleidung anzogen -, nahmen sie Torill mit, um sie einem Augenarzt
vorzustellen. Sie trug bereits starke Brillengläser, die wegen der starken Krümmung
glitzerten, denn sie reflektierten einen Teil des Lichts. Doch nach einem Jahr war es
meist so, daß Torill schon nicht mehr gut lesen konnte, was die Lehrerin an die Tafel
schrieb und trotzig ankündigte, sie würde bald nicht mehr in die Schule gehen, es lohne
sich nicht. Der Augenarzt, ein junger Mann, der aus Bergen hierher gezogen war, machte
sehr vorsichtig und geduldig seine Untersuchungen. Er sah sich auch genau den
Augenhintergrund an und sagte schließlich mit ruhigen bestimmten Sätzen, daß Torill
sehr tapfer sein müsse, denn es könne sein, daß es im Laufe der Zeit dunkler vor ihren
Augen würde. Als Torill kurz raus mußte, erklärte er den Eltern, sie leide an einer
seltenen Form der Netzhautdegeneration, die aber bekannt sei; er könne sie behandeln, um
vielleicht eine dramatische Verschlechterung zu verhindern. Man müsse darauf achten, daß
ihre Augen nicht durch einen Sturz oder sonst einen heftigen Aufprall einen Schock
erlitten, das würde Torills ohnehin labile Netzhaut angreifen. Und zu Torill, als sie
wieder hereinkam, sagte er: Du mußt jetzt für Deine lieben Augen sorgen, meine Kleine,
Du mußt aufpassen auf die kleinen Äpfelchen in Deinem Kopf, mit denen Du die Wiesen und
das Wasser, den Himmel und all die vielen Schafe siehst, daß sie sich nicht stoßen durch
Deine Sprünge oder wenn Du von einem kleinen Abhang herunterfällst oder auch nur von
einem Steinwall. Torill nickte, aber heimlich rief sie schon jetzt Ödün und Hjalmar zu
Hilfe, daß sie sie auffingen, wenn sie einmal fiele - damit nicht am Ende ihre
Augäpfelchen herauskullerten und im Rollen Steinchen und Staub aufsaugten, wie frisch
gefangene Fische, die aus dem Eimer gesprungen sind.
Der Vater, der mit den Gedanken ständig bei seinen Netzen und den neu erfundenen Lampen
am Bootsrand war, mit deren hellem milchigen Licht er größeren Fang erhoffte, der Vater
vergaß das Ganze bald bis darauf, daß er von jetzt an Torill nicht mehr ohrfeigte, wenn
sie wieder ein paar Gläser und die Schale mit Marmelade vom Tisch gewischt hatte - die
Mutter jedoch begann damit, das Kind mit einem nicht abreißenden Schwall von Ermahnungen
zu überhäufen. In der ganzen Gegend um das Haus bis hinunter zum Bootssteg errichtete
sie gleichsam Verbotstafeln, auf denen in einem gelben Dreieck ein Mädchen im Stürzen zu
sehen war, die Brille voran, die schon am Boden zerschellte. Und der Pfahl, an dem das
Schild befestigt war, war für Torill über und über mit Ausrufezeichen in allen Formen
und Farben bedeckt.
Was soll Torill tun mit ihrem träumerischen Hunger nach Leben, soll sie sich größere
Ritter erschaffen mit schärferen Schwertern, die die ganzen Verbotsschilder der Mutter in
einem coup de foudre absäbeln? Jetzt, da ihre Hüften noch die arglose kindliche Form
haben, kann sie noch nicht weit weg gehen. Sie schlägt einfach einen Haken, wenn sie die
Ahnung hat, daß da, wo sie gerade ist, wieder so ein widerwärtiges gelbes Dreieck stehen
könnte - einfach, indem sie ein Bein über das andere schlägt und in eine andere
Richtung läuft. Und indem sie so vom geraden nachlässigen Schlendern der früheren Jahre
abkommt, steht sie plötzlich vor einem kleinen Berg, einem Berg, der über und über mit
größeren und kleineren Steinen, vereinzelt von Steinblöcken bedeckt ist. Da vorne sieht
sie etwas wie einen Weg, eine Linie, die vielleicht einmal ein riesiges urzeitliches Tier
mit seinen Füßen, seinen krallenbewehrten Füßen, eingedrückt hat. Sie geht langsam
hinauf, verläßt sich ganz auf die Weisheit ihrer eigenen Füße, denn genau kann sie die
Steine nicht sehen, etwa ob Wackelsteine darunter sind, auf denen sie ausrutschen könnte.
So kommt sie langsam voran, dreht sich immer wieder um den Berg herum auf dem Spiralweg.
Oben findet sie eine kleine Mulde, gerade groß genug für ihren Körper, wenn sie sich
zusammenrollt wie eine Schlange in der Sonne. Und da liegt sie, schaut in das Himmelsblau
und versucht, aus dem Flug der Vögel, die in ihrem Gesichtskreis erscheinen, die Richtung
des Windes abzulesen.
Die Mutter, die die Arbeit im Stall und in der Küche beendet und danach noch kurze Zeit
am Webstuhl gesessen hat, wird unruhig, weil die Sonne schon ihre Kraft verloren hat und
sie nichts hört und sieht von Torill. Sie nimmt einen Topf und die große Kelle für die
Milch mit und geht los, wobei sie von Zeit zu Zeit Torills Namen ruft und Lärm macht,
indem sie mit der Kelle auf den Topfboden schlägt. Schließlich schreckt Torill aus ihrem
durchsonnten Schlangendasein auf, als sie die Stimme der Schreierin erkennt und ruft so
laut sie kann: Hier bin ich! Die Mutter kommt die Spirale hinauf und will wissen, warum
sie nicht nach Hause gekommen ist. Die Sonne hat mich geblendet, da habe ich zwischen all
den gleißenden Steinen den Rückweg nicht gefunden, sagt sie und blinzelt.
Torill wächst heran, geht bald nicht mehr auf die Zwergschule im nächsten Ort, sondern auf das Gymnasium mit Internat auf einer anderen Insel. Ihre Leistungen in der Grundschule waren gut und in Fächern wie Geschichte, Norwegisch und Erdkunde sehr gut, obwohl sie, in der ersten Bank sitzend, vieles an der Tafel nicht lesen konnte. So hatten sich die Eltern vom Schulrektor überreden lassen, Torill aufs Gymnasium zu schicken, nachdem ein Stipendienantrag vom Ministerium bewilligt worden war. Torill wird in der kleinen Stadt, in der das Gymnasium liegt, neu eingekleidet mit Rock, Jacke und mehreren Blusen. Jetzt ist die Träumerin von Steinen und nochmals Steinen umgeben wie auf dem kleinen Berg mit dem Spiralweg, doch diese Steine sind nicht vom urzeitlichen Eis gewaschen und geglättet. Diese Steine in der Stadt sind meist gebrannt und formen Mauern, Plätze und Straßenpflaster, nur ab und zu gibt es Büsche, Bäume und ein paar Blumen. Torill, deren Sehkraft etwas schwächer geworden ist, fühlt sich zu Anfang unsicher in der fremden Umgebung, hat Angst, anzustoßen oder an einer Böschung hinzuklatschen. Man schickt ihr einen weißen elastischen Blindenstock, mit dem sie sofort die wichtigsten Reviere auskundschaftet, um den auffälligen Stock wieder zusammenzudrücken und einzustecken, nachdem sie sich die abgesteckten Räume eingeprägt hat, Stadtindianerin wider Willen, die sie mit einemmal geworden ist.
Was werde ich mich in dieser Steinwüste ausdörren lassen, furchtsam umhertastend? Bin ich denn nicht zu Hause, auf unseren Wiesen mit den Vögeln, den Schmetterlingen und den Fischen im Gespräch gewesen, ganz abgesehen von meinen Freunden, den Wolken? Und meine engsten Freunde, die Trolle, werden mir sicherlich auch auf die Entfernung beistehen, stark sind unsere Gefühle, sie überwinden den Raum vom Bootssteg bis in unser Klassenzimmer! So füllt sich Torill mit Zuversicht an, einer Zuversicht, die aus dem Vertrauen, aus dem Untergrund ihrer Träume emporquillt. Und am Wochenende, oder doch an jedem zweiten Wochenende, fährt sie mit dem Bus nach Hause, der gut fünfzig Minuten über Ebenen und sanfte Hänge und von Zeit zu Zeit an Flüßchen entlangfährt bis zu der Endhaltestelle. Dort holt sie ihr Vater mit seinem Boot ab und bringt sie in kurzer Zeit bis zu ihrem geliebten Bootssteg vor dem Hof ihrer Eltern, dem Holzhaus mit dem steilen Satteldach und dem von Regen und Schnee grau geriebenen Wirtschaftsgebäuden. Hier hängt sie wieder ihren alten Tagträumen nach oder versucht es doch, spürt aber, daß langsam ein Schleier weggezogen wird. Noch ist sie in der Lage, ihre beiden Trollpaare um sich zu versammeln und mit ihnen zu reden, aber es kommt ihr so vor, als ob sich die klingenden und kichernden Gestalten ihrer Kindheit Schritt für Schritt zurückzögen und strengeren, würdevolleren wichen, die man in einem mittelalterlichen Burgsaal sitzen oder in den Gewänden eines gotischen Kirchenportals stehen sieht.
Torill ist auch in der Internatsschule oft allein. Den meisten Mitschülerinnen und Mitschülern ist es zu lästig, ständig auf ihre Sinnesbeschränkung Rücksicht zu nehmen, zumal Torill ihren Stolz hat und jedes Mitleid ablehnt. Die wenigen, die bereitwillig für sie einspringen, sind ihr wiederum zu brav, sie haben eben keine Trollseite in sich. Eine junge Lehrerin, die in Torills Klasse Norwegisch unterrichtet und in Torills Aufsätzen ihre Liebe zu den Dichtern spürt, unterstützt sie, erzählt ihr viel über den Zusammenhang der skandinavischen Sagen und Epen und deren Verbindung zu Dichtungen Mitteleuropas. Auch ein junger Pfarrer versucht, sich um sie zu kümmern, doch ihm gegenüber zeigt sich Torill besonders zurückhaltend. Ihre Zurückhaltung rührt daher, daß ihr in ihrer Kindheit der Pietismus mit seinen untergründigen Warnungen vor den Verführungen dieser Welt um ein Haar ihre Unbekümmertheit genommen und sie in eine zögerliche Ängstlichkeit getrieben hätte. Dem hatte sie damals den Riegel ihres Trotzes vorgeschoben und war in ihre träumerischen Schlupflöcher entkommen. Einige Jahre später wird sie solch ehrlich gemeinte Hilfe, die mit der Brüderlichkeit der Menschen Ernst macht, mit der Erklärung zurückweisen, sie sei Atheistin. Das brauchte es für sie, um mit vielen blutigen Nasen an ein unverstelltes Leben nach ihrem Geschmack heranzukommen.
Und Torill, Du junge Frau jetzt mit den verborgenen Augen, dem rotblonden festen Haar, das Dir in langen Locken herunterfällt, dem klaren Gesicht, in dem mit Deinen neunzehn Jahren alles ausgeformt ist von der Wölbung der Nase, den sparsamen Augenbrauen, den vollen Backen und dem energischen Kiefer, Du wirst uns jetzt verlassen. Die Zeit im Gymnasium ist zu Ende, und Du wirst nach Oslo zum Studium der Sozialpädagogik und Nordistik gehen. Das bedeutet den Abschied von der umgrenzten Welt Deiner Insel vor der Bucht von Stavanger, von Deinen Trollfreunden, dem Bootssteg und dem Geröllberg.
Du bist Dir dieses Einschnitts bewußt, daß Du jetzt ein für allemal alldem entwachsen, daß Du erwachsen bist. Und Du erfindest Dir eine rituelle Handlung, um den Abschied als Deine eigene rite de pasage zu feiern: Da gräbst Du nach Sonnenaufgang am letzten Sonntag vor Deiner Abfahrt nach Oslo mit einem scharfen Stein vom Geröllberg oberhalb des Bootsstegs eine kleine Grube und versenkst darin einen Zettel, auf dem Du in Stabreimen, so gut Du kannst, Deine Gefühle zum Abschied niederschreibst:
Wenn wir wandern,
weißen Wolken weitab
weichend, wissend weder,
was wir wagen,
wer wir werden;
weh! wir Wichtelfreunde,
Winde wehen weitab
Wanderkinder, wie wir
wellend wogten, wurden;
Wotansbräute, Waberlohe
weltabweisend, willig
wieder, wundergläubig,
werfen Wasser, Wiese, Wimpel
weitab - wohlan:
Wartet mein, wenn
einst ich wieder
wirbelnd, wehend, watend
wisper Eure Lieder.
Diese Verse versenktest Du, fülltest die Grube wieder auf und gingst in Deine Zukunft.
Deine Zukunft, die eingefaßt sein wird vom Kranz Deiner Träume.
(c) Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld
zurück zur Seite Thomas Maurenbrecher
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite