Ich habe all mein Frühstückssilber, aus böhmischen Silbererzen getrieben, zu hause
gelassen, meine Eierbecher aus Alt-Meißen, meine geschnitzten Fischbeingabeln für die
Scheiben von Leipziger Sülze, die ich liebe, den kleinen Elefanten als Salzstreuer aus
hellgrüner Jade - all das, diesen Kulturplunder der Alten Welt habe ich zurückgelassen.
Ich habe Ballast abgeworfen, um mit Molly Baby aufzubrechen.
Mein Frühstückstisch ist wackelig, ist aus Aluminiumgestänge, und auch mein Stuhl ist nicht besser. Alles nur zusammengenietet. Ich hänge bis über beide Ohren in meiner pinkfarbenen Schüssel mit den Crunchies, die in H-Milch schwimmen und von der Last des braunen gestampften Zuckers halb unter Milch gedrückt werden. Crunchies bis über die Ohren, das wollte ich immer schon --Crunchies ohne Maß und Ziel. Wenn ich mich fürs erste vollgeschlemmt habe, schaue ich auf, schaue ich auf die endlosen Rücken von rotem Sandstein vor mir, über denen sich, ebenso maßlos wie ich, dieser Feuerball erhebt. Großvater Mond und Vater Sonne, ich glaube, so sagten die Indianer, so kommt jetzt mein roter Vater unbarmherzig auf mich zu, schlägt und brennt mich mit seinen Strahlen, seinen Feuerstrahlen, daß ich aufspringe, den Tisch mit der pinkfarbenen Schüssel umstürze, daß die Crunchies ein Staubbad nehmen, daß ich also aufspringe, davonstürze und in dieser gewaltigen Schlucht, dem Grand Canyon, zerschelle. Das wäre das Ende für diesmal. Und ich bin noch nicht einmal satt, nicht satt vom Frühstück und schon gar nicht satt vom Leben.
Aber nein, ich halte ein, ich erinnere mich, daß es Molly Baby gibt, im Zelt gibt es sie. Sie liegt da in ihrer Fülle, in ihrem Nachthemd mit Blumen- und Blättermotiven streng und doch harmonisch nach OKeefe, auf dem Rücken liegt sie jetzt wahrscheinlich, im morgen dreht sie sich auf den Rücken, sie ist ein bißchen asthmatisch, dann gehts besser. Ich kann Dich nicht sehen, Molly my Baby, aber ich sehe Dein Stirnband, Deine Sweatshirts und Deine Haarschleifen, die neben dem Zelteingang am Seil hängen. Ich muß vernünftig sein, ich muß kraftvoll sein, wenn Du aufwachst, einer muß ja vernünftig sein. Aber ich weiß es, sweet Molly, es geht bei uns reihum, wer gerade vernünftig ist, ich halte es ja auch gar nicht aus, immer vernünftig zu sein. Heute, das ahne ich, muß ich Deinen Erwartungen standhalten, muß groß und stark sein. So ein Ranger muß ich sein, ein Trapper, auch ein klein Bißchen ein Hobo. Eins darf ich nicht sein: langweilig. Denn Du wirst jeden Tag kraftvoller, alles an Dir ist federnd, Molly Baby, die Du jeden Nachmittag mit Deinem Stirnband an der Kante des Canyons entlangjoggst. Für Dich muß ich kein Sieger sein, ich muß nur so aussehen wie einer, der siegen könnte, wenn er wollte. Das ist okay, Molly.
Und so ist die Sache klar: Ich werde meinem Frühstück noch einen weiteren Gang folgen lassen. Schnell den Tisch wieder aufgestellt, die schweinchenfarbene Schüssel beiseitegeräumt, die Crunchies in den Staub getrampelt - und zur Ice Box gehen. Die kühlt wieder wie nie zuvor, seit ich vorgestern in Navajo Nostalgic Town neue Batterien für das Kühlaggregat kaufte - alles von diesem japanischen Konzern, der Panzer, Klaviere, Modems und Lollipops mischt, ein Mischkonzern eben. Egal, ich will mich konzentrieren: Türe auf, Alaska-Lachs raus, rein in den Plastikteller (farblich paßt es gut), Mayonnaise dazu und ein paar Scheiben Brot. Jetzt das Klappmesser aufgeklappt, das nach allem doch am besten schneidet. Lachs auslösen, das ist jetzt meine Aufgabe. Schnippschnapp, das ganze rosige Fleisch von diesem Alaska-Trumm in gleichmäßige Rechtecke schneiden, ganz wie in Manhattan. Vielleicht in der Gegend der 26.Straße mit dem Essen anfangen. Tapfer durchkauen, mindestens bis zum Off-Broadway. Dann fertig, den Rest wieder einpacken, zurück in die Box. Lower Manhattan kommt wieder in das kalte. Zahnstocher lasse ich heute aus, nur noch mal einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne.
Und dann in meinem Reader über die Mythen, Gesänge und Gebete der Indianer eine Seite mit einem Gebet an den Vater Sonne aufschlagen, das beten. Danach bin ich gerüstet für Dich, Molly my Baby, wenn Du im Zelteingang erscheinst.
(c) Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld
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