Istanbul, mein anderes Leben


Thomas Maurenbrecher

Erzählung / 1998


Mir, Ceyhan Özkabak, ist Istanbul, unsere berühmteste, unsere älteste Stadt, die so viele Sultane, Esel und Wasserverkäufer gesehen hat, mir ist diese Stadt manchmal eine Last. Sie hat mich schon so viel Kraft gekostet, mich, den Sohn armer Bauern weit hinten im Land. Aber ich habe noch viel Kraft, denn ich bin jung, blutjung. Ich habe noch kaum zwanzig Jahre die Steine der Dorfstraßen unter meinen Fußsohlen gespürt. Wenn ich die ersten paar Jahre abziehe, in denen ich klein war und meine Windeln voll machte, so habe ich an die dreizehn, vierzehn Sommer gesehen. Die allermeisten dieser Sommer war ich in unserem Dorf in Mittelanatolien, auf den Feldern, am Fluß, mit den Eltern zum Wochenbazar in der nächsten Stadt. Da habe ich schon früh mitarbeiten müssen, etwa mit acht oder neun Jahren begann es. Alle Jungen machten das so. Und außerdem mußte ich in der Schule lernen, erst einmal schreiben und rechnen und manches andere, auch einige Suren aus dem Koran. Wer zu faul war, spürte den Stock des Lehrers, ich habe ihn auch manchmal gespürt. Meine Mutter backte das beste Fladenbrot im Dorf, da bin ich sicher, sie hatte die Hände dazu, kräftige Knethände. So war einmal mein Leben, jetzt bin ich groß, bin schon einige Sommer hier in der Riesenstadt. Diese Stadt knetet dich wie meine Mutter damals den Brotteig, knetet dich um und um.

Ach ja, ich wollte erzählen, warum ich und wie ich hierher gekommen bin. Ich habe ja meinen älteren Bruder, Ramazan heißt er, der ist schon seit Jahren hier, wohnt in ein zwei Zimmern in einer Straße, in der noch viele andere aus unserem Dorf oder zumindest unserer Region wohnen. Er arbeitet bei einem Schuster. Große Bögen hat Ramazan gespuckt, wenn er im Urlaub nach Hause kam, hatte neue Kleider an, spiegelglatt geputzte Schuhe, die alle Männer beim Freitagsgebet in unserer Moschee sahen: Nicht drinnen natürlich, da ziehen wir alle die Schuhe aus, aber danach in der Teestube oder vorher, wenn wir nebeneinander vor der Moschee bei den langen Wasserleitungen sitzen und Ellbogen, Ohren und Nase waschen. Da hat ihm einer gesagt: “Ramazan, du kannst Deine Schuhe glatt benutzen, wenn du dich das nächste Mal rasierst, da brauchst du gar keinen Spiegel!” Das war albern, der hätte nur gern selber solche Schuhe gehabt. Ja und Ramazan brachte uns eine Kaffeemaschine, ein neues Bügeleisen und andere praktische Dinge aus Istanbul mit, wenn er im Urlaub ins Dorf kam. Da habe ich verdutzt geguckt und mir vorzustellen versucht, wie so eine große Stadt aussieht, in der es all diese Dinge zu kaufen gibt: die Straßen, die vielen Menschen, die Geräusche, die Gerüche. Und eines Tages habe ich mir ein Herz gefaßt und ihn gefragt, ob er mich nächstes oder übernächstes Jahr mitnehmen würde, wenn ich die Schule fertig und eine Zeit lang in unserer Gaststätte im Dorf ausgeholfen hätte, die meinem Onkel gehört. Da hat Ramazan erst mit meinem Vater gesprochen und ihn gefragt, was er davon halte. Der hat zuerst geschwiegen und sich die Sache überlegt. Schließlich war er einverstanden, hat aber Ramazan das Versprechen abgenommen, daß er gut auf mich aufpassen würde. So bin ich im übernächsten Jahr mit ihm mitgefahren in seinem alten klapprigen Auto. Die Scheiben schlossen schon nicht mehr richtig, so daß wir uns im Laufe der Fahrt mehrmals im Fluß Gesicht und Hände waschen mußten.

Na ja, in seinem Zimmer hatte er bereits ein einfaches Bettgestell gezimmert, in dem konnte ich schlafen. Als ich am ersten Morgen aus dem Fenster schaute, sah ich zum erstenmal diese Unmenge an Kuppeln. Ich hörte die Muezzin, die zu den Gebetszeiten wie in einem großen Frage- und Antwortspiel von den Minaretten herunterriefen. Und die Fährschiffe sah ich bei ihrer Uberfahrt zwischen den europäischen und den asiatischen Stadtteilen, wie sie tuteten und ihre großen schwarzgrauen Wolken an den Himmel bliesen. Als ich dann runter in unsere Straße kam und die vielen Geschäfte sah, die gebratenen Auberginen roch, die gerösteten Mandeln, den Pfeffer und die frische Minze, war es mir, als würde ich innerlich im Quadrat springen. In den Straßen waren auch einige Frauen aus Europa zu sehen, junge Frauen zumeist mit neugierigen schweifenden Blicken und Rucksäcken. Mehr oder weniger lange nackte Beine hatten die. Ihre Beine gefielen mir, und zwischen den Rucksackgurten zeichneten sich ihre beiden kleinen Hügel ab. Halbwüchsige Jungen schwärmten um sie herum, hielten ihnen Postkarten und Fläschchen mit aufdringlich duftendem Parfum entgegen und riefen: “Turist, Turist!” Die Frauen mit den blonden oder braunen Haaren, die ihnen lose über die Schultern fielen, achteten nicht darauf, gingen einfach weiter, ein bißchen wiegend waren ihre Schritte wegen der Rucksäcke. Die saßen ihnen wie kleine bunte Gebirge auf dem Rücken. Beim ersten, was ich kaufte, erfüllt ich mir einen alten Kinderwunsch: Bubblegum! Ich hatte das im Fernsehen gesehen, wie die Jungs da ganz locker und so nebenbei einen kleinen Ballon vor ihren Lippen aufgehen und dann zerplatzen ließen. Einfach so blopp!, wie wenn ein unsichtbares Wesen mit einer kleinen Nadel hineingestochen hätte. So etwas wollte ich auch machen. Aber es war viel schwerer als ich mir das vorgestellt hatte. Ich bekam gar nichts zwischen den Lippen heraus. So setzte ich mich erst einmal auf eine Parkbank zu den Tauben und übte, ohne daß mich einer sah und vielleicht ausgelacht hätte. Aber es dauerte fast eine verdammte Woche, bis ich die erste kleine Blase schaffte. Langsam wuchsen meine Blassen zu kleinen Ballons an. Aber ich konnte mich nicht dauernd damit befassen, mußte ich doch für Ramazan einkaufen gehen.

Nach ein paar Tagen ging ich mit ihm durch unzählige verwinkelte Gassen und Gäßchen zu einem Frisör, um mich vorzustellen. Der Frisör, ein kleiner hagerer Mann mit einem Schnurrbart, der schon etwas verwittert war, öffnete häufiger seinen Mund, um zu lachen oder zu gähnen; er wollte, wie ich erst später verstand, daß man seine vielen Goldplomben sah. Er betrachtete mich und fragte, ob ich mit einer Schere umgehen und das abgeschnittene Haar am Boden zusammenfegen könnte. Ich bejahte und durfte am nächsten Montag als Praktikant oder Anlernling, eine Lehrstelle gab es nicht, anfangen. Auf Probe, hatte er zu meinem Bruder gesagt, den er wohl von irgendeinem Arbeiterclub her kannte.

Da fegte und fegte ich bei dem Barbier mit dem schütteren Schnurrbart, der ununterbrochen redete, den Leuten um den Bart redete, ihnen unter viel Schaumschlagen den Dreitagebart abnahm und jedem das Gefühl gab, daß er, der Kunde, mit ihm, dem Frisör, im Verein in der Lage sei, die Korruption in der Welt zu durchschauen und abzustellen, wenn man sie nur ließe. Aber die Politiker ließen einen ja nicht, das war das Grundübel! Ich hielt Herrn Üzürbulut, meinem Chef, die Schale mit dem Schaum, wenn er rasierte, ich brachte das ordentlich gefaltete Handtuch herbei, wenn die gewaschenen Haare trieften, ich fand den Föhn, der in der Hitze des Tages immer an einer anderen Stelle landete. Unermüdlich steckte ich die verschiedenen Scheren in ihre passenden Halterungen, wenn mein Chef sie benutzt hatte. Und er benutzte sie ausgesprochen gern, immer auch wieder für den Sonderservice. Der bestand darin, daß Herr Üzürbulut den verehrten Kunden wieder einmal die sprießenden Haare in Ohren und Nase kappte. Besonders bei der Nase mußte es eine kleine wendige Schere mit abgerundeter Spitze tun. Denn die Kunden hätten es nicht verziehen, wenn man ihnen aus Versehen die Nasenschleimhaut geritzt hätte. Dann wären sie nicht wiedergekommen, hätten sich womöglich einen Frisör in einem andern Stadtteil gesucht. Ich gewöhnte mich langsam an die abgestandene Luft in unserem Geschäft, denn der Ventilator war schon altersschwach und ächzte manchmal. Ich zählte beharrlich die Goldplomben in Herrn Üzürbuluts Mund, wenn er ihn aufriß wie ein kleines Nilpferd, das hofft, daß man ihm einen Brotlaib oder einen Rodonkuchen hineinwirft. Mit Gegenprobe bei der Mittagspause kam ich schließlich auf die Summe: Es waren sechs Plomben. Mich störte es, daß mein Chef immer noch kein Radio für das Geschäft angeschafft hatte und statt dessen ewig die gleichen Kassetten mit Sängerinnen und Sängern durchnudelte, die ihre Hits vor fünf Jahren oder noch früher gehabt hatten. Ich will dir etwas erklären, sagte Herr Üzürbulut mit ernster Miene: Diese Musik ist für mich Heimat, sie erinnert mich an die Zeit, als mein Schnurrbart noch drahtig und schwarz war und ich zwanzig Samsun am Tag rauchte, nicht auf Lunge natürlich, ohne daß ich so hundsföttisch husten mußte wie heute. Seine Augen wurden glänzend bei diesen Erinnerungen, aber nur kurz, bis er wieder die Schere nahm und sich hinter einen Kunden klemmte. Ich sagte nicht viel dazu, nickte halb und hörte halb weg. Das genügte, mein Chef empfand das als freundliche Geste. In dieser einträglichen Stimmung wurde mein Arbeitsverhältnis nach einem Monat in eine Festeinstellung umgewandelt, allerdings ohne schriftlichen Arbeitsvertrag. Ich war stolz, hatte ich doch endgültig meinen Fuß in diese große Stadt gesetzt.

Aber was fand ich denn in Istanbul, wenn ich am Wochenende unermüdlich durch die Straßen und Plätze und über die Brücken zog? Sie war wie eine Aussätzige, nein, wie eine Schöne, deren Glanz schwindet und die das ganze Zeug auflegt, das man in den Kosmetikläden findet, um zu stützen und den Verfall aufzuhalten. Diese Stadt ist befallen von einer nie abreißenden Serie von Baustellen. Du kannst nicht wagen, abends angetrunken und vielleicht mit einem Freund redend durch die Istanbuler Straßen zu ziehen und deine Träume, deine Sehnsüchte rauszulassen. Das Schlimmste wäre es, den jungen Frauen aus Istanbul oder aus Europa nachzuschauen, wie sie sich in den Hüften wiegen, wie schön ihre Hintern sind und wie frei ihr Blick ist, wie sie verhalten oder ausgelassen lachen. Machst du das im Halbdunkel ohne vor dich zu schauen, so könnte das dein Begräbnis einleiten! Die Straßen sind häufig nur schwach beleuchtet, und immer wird irgendwo unter einem Bürgersteig ein neues Kabel verlegt oder ein altes ausgebessert. Diese klaffenden Löcher sind schlecht eingezäunt oder sonstwie markiert, so daß du wirklich in Gefahr bist, in eines von ihnen zu fallen. Die Müllbeseitigung bricht hier und da zusammen oder ist vielleicht schon vor Tagen zusammengebrochen, so daß der Müll, notdürftig in Säcke oder Kartons gepackt, an diesen Stellen herumliegt. Zur Freude der Katzen und Hunde liegt er da, sie zerren an ihm, fahren hinein und zerfleddern ihn.

Ich stellte mir vor, daß eines Morgens einer der gefräßigen Bagger mit seinen Hauern eine Hauptwasserleitung träfe und eine riesige Fontäne emporspritzte. In kürzester Zeit wären ein Stadtteil oder zwei oder drei unter Wasser gesetzt. Die behäbigen amerikanischen Nachkriegsschlitten, die Plymouth, Oldsmobile, Dodge oder wie sie heißen, diese beliebten Sammeltaxis, schwämmen darin herum neben den paar Eseln, die man noch braucht, die gemächlich rudern und nach dem Gemüse schnappen, das vorbeigeschwommen kommt. Hin und wieder käme ein Schuhputzer vorbei, der versucht, seinen Holzkasten mit dem ganzen Schuhputzzeug wie eine rettende Planke zu benutzen, und all die aus den Dörfern hergekommenen Frauen und Mädchen hätten endlich ihre Kopftücher abgestreift, könnten halbwegs schwimmen und zeigten ihre kräftigen Haare. Aber das wird wahrscheinlich nie passieren, Allah hat ein Auge darauf.

Ich muß weiter mit den rohen Löchern und dem zerfledderten Müll leben. Oder ich lasse mich einfach durch die Stadt treiben und mich von einem der vielen Verkäufer ablenken, die marktschreierisch irgendeine Ware anbieten, immer in der Hoffnung, daß, wer am lautesten ruft und den lustigsten Spruch losläßt, am meisten verkauft. Und dann lache ich wieder, denke an Herrn Üzürbuluts Nilpferdmaul, in das ich jetzt vielleicht einen Karton Lokum schmeiße, und trete an eine Stelle oben auf einem der Hügel, von dem aus ich die Wolkengemälde der Fährschiffe sehe und das dumpfe Tuten durch allen Lärm hindurchhöre. Immer wieder gehen mir die Rufe der Gemüse- und Obsthändler durch den Kopf: ”Tazi domates, sari patates!”, auf deutsch: “Leckere Tomaten, frische Pataten (Kartoffeln)!” oder “Tante, schau‘ mich an, sieh‘ diese Wassermelonen, herrlich!” Und da läuft ein Junge zwischen den Ständen durch, ein Weißblech voll runden Gebäcks auf dem Kopf, alles kleine Atolle. Der Junge zieht seine Stimme in die Länge, um nicht heiser zu werden, wenn er endlos ruft: “Simit, simiiit”, das heißt “Sesamkringel, Sesamkringelll!” Ich stelle mir vor, daß ich auf einer dieser Fährschiffwolken über das Marmarameer reite, ganz langsam und immer wieder erschüttert, wenn dieses Tuten heraufdröhnt. Ich, Ceyhan Özkabak, schließe die Augen, lasse alles absacken und spüre mein Herz, das voller Erwartung schlägt, voller Erwartung auf die trüb gewordene Perle, Istanbul, das ich bisher noch kaum kenne. Istanbul, du bist für mich, der ich den Frauen bisher kaum näherkam, die Schöne, die jeden Morgen mal so mal so aufwacht. Sie räkelt sich ausgiebig, bevor sie sich im Spiegel anschaut, weiß sie doch, daß sie bei allem Plunder, aller Nachlässigkeit ihres Lebens eine Schönheit ist. Istanbul, du hast mich in wenigen Monaten zum Mann gemacht. Mit deinen Verführungskünsten, umflort vom Verwesungsgeruch, hast du mich dazu gemacht.

(c) Thomas Maurenbrecher / Berlin/Bielefeld


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