Europa


Thomas Maurenbrecher

Gedicht / Mai 2002


Die große Masse Land
so bläulich klirrend hoch im Norden,
geschichtsdurchtränkt im Süden,
ausgeglüht von zahllosen Epochen.
Kykladisch bist du ausgekrochen,
Europa!

Du, junge Frau
Mit gallionsfigurenfesten Brüsten:
Dort in dem Wellenschaum
dem Muskelprotz, dem Stier,
am Rücken
seh‘ ich dich Weib,
so ratlos, furchtlos,
skagerrak- und kattegaterfahren,
Europa, dich, die nicht
mit neuen Münzen klingelt,
euro-global-verrückt.
Nein, dich hatt‘ ich in Moskau damals,
in jener prallen Galerie,
der Tretjalzow,
als Sevôurs “Raub Europas”
meerdurchfurchend, angehimmelt.

Jetzt, kurz vor Spitzbergs Packeis,
Bergens Hansakontor durchgeschnüffelt,
von Ibsens Back...... (?????),
so marmorn, angerüffelt,
groll‘ ich mit ihm, mit Henrik,
über dieses wüste
gottvergess’ne Treiben
zwischen so vielen Ananas-
und noch mehr matten Scheiben.

Europa, jung und rittlings,
die strohblond - hennafarb’nen
Haare fließend,
erwache, greif‘ ihn neu,
ob auf dem Shier,
ob auf dem Roß,
ergreif‘ den richtigen Moment
für deines Geistes Schaffen
abgestreift den nationalen Plunder,
erkenn‘ ihn jetzt,
du kennst ihn lang‘ schon:
den Kairós.

(c) Thomas Maurenbrecher / Berlin


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