Durch das Fenster, unter dem ich im Bett liege, dringt das Licht der Nachmittagssonne und
beleuchtet das Bild mit dem Jesuskind an der Wand mir gegenüber. Schützend hält es in
der linken Hand die Erdkugel, auf der ein Kreuz steht. Mit der rechten segnet es. Sein
gütiges Lächeln verleiht mir in diesem Moment Zuversicht. Um Rettung flehe ich das
Gotteskind an, denn ich bin krank und allein.
Müde fällt dann mein Blick auf das Bett zurück. Die Seidendecke, die mich warm
umhüllt, glänzt feuerrot wie die untergehende Sonne. Auch diese schöne Farbe kann mich
jetzt nicht trösten. Verlassen fühle ich mich, einsam, und Zweifel hält mich fest.
Auf einmal löst sich die Spannung, denn Gäste, viele Bekannte und Verwandte, kommen,
mich zu besuchen. Das Zimmer ist voll von Besuchern. Unter ihnen entdecke ich ganz in der
Nähe meine Mutter. Ihr junges Gesicht widerspiegelt Verzweiflung und tiefe Traurigkeit.
Sie weint, dicke Tränen rollen trostlos an ihren schmalen Wangen herab, wie damals, als
ich noch klein und krank im Bett lag. Heute, nach vielen Jahren, wiederholt sich die
Szene, denke ich. Die Hilflosigkeit meiner Mutter erschüttert mich, denn ich weiß, sie
würde mir helfen, wenn sie es könnte. Plötzlich wird mir klar, dass es für mich keine
Heilung mehr gibt. Voller Mitleid schauen mich alle Anwesenden an. Ihre leisen Gespräche,
die ich teilnahmslos höre, verstärken meine Ahnung, lassen mich sogar wissen, dass ich
nicht mehr viel Zeit zu leben habe. Bei diesem Gedanken bald Abschied nehmen zu müssen,
schnürt mir die Angst die Kehle zu. Kein einziges Wort kann ich aussprechen. Resigniert
betrachte ich das Geschehen um mich.
Meine Freundin bringt mir auf einem Tablett einen Porzellanteller mit warmem
Krautgericht zum Essen. Sie stellt es auf das Bett vor mich hin und gibt mir einen
leichten Löffel in die Hand. Im Liegen versuche ich den rechten Arm zu heben, aber er
fällt schwach auf die Decke zurück. Ohne dass ich es registrierte, schafft meine
Freundin das Tablett hinaus. In diesem Augenblick nehme ich ein etwa zehnjähriges Kind
wahr, welches auf meiner Bettkante sitzt. Leise, aber ermutigend spricht es zu mir und
schaut dabei in die entgegengesetzte Richtung. Merkwürdig. Seinen Hinterkopf mit dem
dunkelbraunen Haar sehe ich bloß, aber an der Stimme erkenne ich meinen Sohn.
Mammi, du müsstest türkischen Honig essen, davon wirst du gesund.
Kein Ton, kein Wort verlässt meine Lippen, nur denken kann ich noch. In meiner
Kindheit kaufte mir meine Mutter auf dem Jahrmarkt türkischen Honig. Wo und von wem
sollte ich jetzt dieses Heilmittel erhalten? Unmöglich. Die Zeit drängt. Die Stunde des
Abschieds rückt immer näher...". Diese unerträgliche Furcht überwältigt mich.
Völlig erschöpft bete ich: Mein Gott, nimm mir noch nicht das Leben. Verlängere
die Zeit für mich. Ich hätte noch viel zu tun. Plötzlich fällt mir ein, dass ich
vor kurzem ein Gedicht angefangen habe und noch Zeit brauche, es zu vollenden. Wie
klang es? überlege ich Ach ja..
Regentropfen klopfen
leise an die Scheibe
und rollen wie Perlen
geschwind hinab.
Zeit brauche ich, Zeit... wenigstens zwei Tage noch.
Lautlos, von allen unbemerkt, seufze ich traurig und begreife zu gleich die ganze
Ausweglosigkeit meiner Situation.
Mit Resignation nehme ich zur Kenntnis, wie schnell die Anwesenden Vorbereitungen zu meiner Aufbahrung treffen. Der goldbraune Sarg auf dem schwarzen Gestell steht schon in der Mitte des Zimmers und ich sehe die schneeweiße Spitzendecke seitlich herunter hängen. Auf den hohen, schlanken Kerzenständern an den vier Ecken brennen bereits die Lichter. Ihre Flammen flackern leicht. Nach kurzer Bewusstlosigkeit liege ich schon im Sarg und weiß mit Sicherheit, sie wollen mich wirklich beerdigen. Rettet mich doch! Ich lebe. Seht ihr nicht, dass ich noch lebe? "versuche ich vergebens zu rufen. Aber meine Stimme ist unhörbar. Zwei Tage noch, denke ich fast ohnmächtig. Nur zwei Tage, um das Gedicht... , das Gedicht... . Ach, ich schaffe es nicht mehr."
Krank, stumm und verzagt liege ich im Sarg und niemand glaubt mir, dass mein Lebenslicht noch nicht verloschen ist. Noch nicht. Aber ich gebe es auf Wehrlos und verloren bin ich und dem Tod ausgeliefert.
Der Pfarrer steht schon am Fußende im schwarzen Talar mit goldgelbem Rand und Kopfbedeckung in der selben Farbe. In der linken Hand hält er ein Kreuz mit Korpus, in der rechten ein Weihrauchgefäß, das er über mich hin und her schwenkt und betet inbrünstig. Dann wird der offene Sarg hinaus getragen und auf einen schwarz geschmückten Wagen gestellt, den Pferde, die mit schwarz und silberfarbenen Decken geschmückt sind, langsam und würdevoll ziehen. Geräuschlos begleiten mich die Trauergäste. Vom Wagen aus kann ich den blauen Himmel betrachten. Sonnenschein beleuchtet die bekannte Straße mit ihren Häusern, von denen ich jetzt endgültig Abschied nehme. Die sattgrünen Laubkronen der Akazien am Straßenrand schwanken leicht im Wind und lassen ihre weißen Blütenblätter auf mich herabrieseln, als wollten sie mir in meiner hoffnungslosen Lage Trost spenden.
Langsam erreicht der Trauerzug den Rand meiner Heimatstadt. In der Ferne kann ich schon
den Friedhofshügel mit der vorbereiteten Grabstelle erblicken. Daneben steht schief ein
Marmorkreuz, auf dem mein Name mit goldenen Buchstaben zu lesen ist. In seiner Nähe
warten zwei Männer mit Spaten in den Händen. Ganz scharf, wie nie in meinem Leben sehe
ich jetzt alles.
Angst umklammert mich wieder. Was wird geschehen, wenn ich bis dorthin nicht sterben kann?
Werden sie mich lebendig begraben? Es kam schon vor, dass, Menschen für tot gehalten und
lebendig begraben wurden. Einfach schrecklich, denke ich und höre zu gleich
die Seelenglocken.
In diesem Augenblick werde ich wach. Glockenklänge grüßen feierlich den Sonntag und
laden zum Gottesdienst ein.
Die Farben und Formen der Nacht verflüchtigen sich schnell. Dunkelheit versperrt mir das
Tageslicht. Morgensonne beleuchtet das Zimmer, und Freude erfüllt mich, denn ich spüre
die Sonnenwärme tröstend im Gesicht.
(c) Sara Rietz / Pirna
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