Die Gäste sind nacheinander zum vereinbarten Zeitpunkt angekommen. Zuerst tritt die
blonde, schlanke Viola mit ihrem Mann, Walther ins Wohnzimmer ein. Ihnen folgt die
Zwillingsschwester, die ebenso blonde, schlanke Vera mit ihrem Mann, Werner. Viktoria, die
älteste Schwester und ihr Ehemann, Rolf, empfangen sehr herzlich ihre lieben Verwandten.
Während sie höfliche Bemerkungen austauschen und Viktorias Frisur und auch ihr elegantes Kleid loben, überreichen sie ihr die mitgebrachten Geschenke. Dann nehmen sie an dem Tisch, in dessen Mitte ein Blumenstrauß steht, Platz. Erst jetzt entdecken sie im Lichtkreis der Lampe an der Wand ihnen gegenüber den kostbaren Behang. Er ist eigentlich ein aus Seidenfäden kunstvoll geflochtener Teppich im kleinen Format. Alle Augenpaare schauen dorthin mit voller Bewunderung. Eine Mandelblüte als Motiv vervielfältigt die Schönheit dieser Handarbeit ins Unermessliche. Die Komposition ist zwar einfach, aber die Farben - Ton in Ton - bilden eine Harmonie der Vollkommenheit.
Viktoria, hat es dir Rolf geschenkt?, fragt Vera neugierig. Ja. Das ist wunderschön, flüstern sie fast gleichzeitig und können ihre Blicke von dem kleinen Wandbehang nicht losreißen. So finden sie bald zwischen den grünen Grashalmen die feine, goldfarbene Schrift: Wo Glaube, dort ist Liebe. Oh, das ist wirklich wahr, sagt Viola begeistert und die anderen Stimmen zu. Ein ausdrucksstarker Spruch ist das, stellt Walther fest. Er zwingt uns direkt tief nachzudenken, fügt er leise hinzu.
Inzwischen nimmt Viktoria aus einem Kasten, der in der Ecke steht, eine Flasche
Rotkäppchen heraus und stellt sie auf den Tisch. Rolf, bitte fülle die
Gläser!
Mit diesen edlen Perlen mögen wir die Freiheit der Seele preisen, sagt
Viktoria feierlich und hebt das Glas zum Anstoßen hoch.
Auch für deine Gesundheit wollen wir anlässlich des Tages das Glas leeren, sagt Rolf auch im Namen der anderen.
Dann beginnt ein lebhaftes Gespräch über die verschiedenen Themen gewürzt mit Witz und Humor. Während sie einige Geschichten, die das Leben geschrieben hat, erzählen, beginnt Viktoria, den Tisch zu decken. Die Zwillingsschwestern, Viola und Vera, sind in der Küche tätig. Fleißig tragen sie die mit Speisen lecker gefüllten Schüsseln auf den Tisch. Appetitanregend verbreitet sich der Duft des Bratens aus der viereckigen Jenaer Schüssel, die Viktoria in den Händen hält und vorsichtig in die Mitte der Tafel stellt, sozusagen zur Krönung des Abends. Die erschrockene Wirkung vom Anblick des Inhaltes überrascht Viktoria nicht.
Die Schwager, Walther und Werner, beobachten schon seit einiger Zeit die gefeierte
Gastgeberin. Was ist mit dir, Viktoria, du gehst so komisch?, fragte der
neugierige Walther.
Hast du Schmerzen?, will Werner wissen.
Jawohl, antwortet sie und setzt sich an den Tisch, wünscht ihren Gästen
Guten Appetit und sagt: Ich erzähle euch, was ich heute erlebt habe.
Während sie sich bedienen, schildert Viktoria ihr Erlebnis. Also, heute
Vormittag war ich im Fleischerladen. Vor mir an der Theke stand ein älterer Mann und war
mit dem Einpacken der gekauften Sachen beschäftigt, als ich der Verkäuferin meinen
Wunsch äußern durfte. Ich möchte bitte vierhundert Gramm gehacktes
in
diesem Moment trat der Alte auf meinen Fuß, direkt auf mein Hühnerauge
Schweinehund, sagte ich mit demselben Tonfall.
Die Verkäuferin lächelte verständnisvoll. Ich schaute sie an: Schweinefleisch
meine ich selbstverständlich. So habe ich die richtige Sorte erhalten. Das Ergebnis als
Hackbraten könnt ihr jetzt ruhig verzehren. Und noch einmal wünsche ich euch Guten
Appetit. Damit beendet sie ihren Erlebnisbericht. Nach einer kurzen Denkpause, wobei
die Angehörigen herzlich lachen, fügt sie noch hinzu: Ich hoffe, dass meine
Geschichte in der Familie bleibt.
Selbstverständlich und keine Angst, beruhigen sie Viktoria.
Mit Lachen, amüsanten Bemerkungen und in einer überaus heiteren Stimmung verspeisen sie das in Form eines Hundes gebratene Hackfleisch mit allen Zutaten drum und dran. Anschließend spülen sie mit der bekannten Sorte Stierblut von Eger den Geschmack herunter bei dieser Geburtstagsfeier.
(c) Sara Rietz / Pirna
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