- frei nach Reinhard Mey -
Es war soweit: Ich musste mich um einen Antrag auf Arbeitslosengeld 2, kurz ALG 2 genannt,
kümmern.
Ich gehe zur Information bei der Bürgerberatung:
Guten Tag, ich hätte gerne einen Antrag auf ALG 2
und, - bekomme ohne
ein einziges Wort die Antragsformulare. Nur 2 Blätter!
Sooo einfach hatte ich mir das nicht vorgestellt. Beim genaueren Hinsehen stelle ich fest,
dass ist das Antragsformular für die Weiterführung des bereits genehmigten
Arbeitslosengeldes II, also nicht das richtige für mich.
Ich erfahre, dass ich den richtigen Antrag bei Arbeitplus in der Ehrmannstraße 9
erhalten kann. Ich gehe da hin. Ich finde im 1. Stock im Treppenaufgang einen langen
Tresen mit einem jungen, freundlichen Mann mit Computer, Schreibmaschine und viel
Langeweile:
Guten Tag, ich hätte gerne einen Antrag auf
.
Wo wohnen Sie denn?
Ich antworte.
Ach Gott, die Straße ist lang und 3 mal unterteilt, Sie gehören zum Mittelteil.
Sie bekommen den Antrag nur in der Pastorenstraße 43, beim Team 234, die sind für Sie
zuständig.
Warum sagt mir dann die Bürgerberatung, dass ich den Antrag bei Ihnen
bekomme? Er beugt sich zu mir und sagt mit verhaltener Stimme: Gute Frage!
Diese Frage haben wir auch schon unserem Vorgesetzten gestellt. Er meint, das geht uns
nichts an, wenn die Konkurrenz falsche Angaben macht.
Ich bin paff und sage:
Dann sollte ich vielleicht mal einen Liebesbrief an die Ämter schicken
Sein Gesicht bekommt einen erschreckten Ausdruck und er sagt - noch etwas leiser als
vorher: Aber bitte, verpetzen Sie mich nicht!
Also gehe ich zur Amtsstelle Arbeitplus in die Pastorenstraße 43. Nach der
Eingangstür stehe ich in einem schmalen Flur mit Treppenaufgang und an der Wand eine
Sitzbank. Auf dieser sitzen ausländische Menschen mit hoffnungslosen Gesichtern. An der
Wand ein DIN A4-Blatt mit Tesafilm befestigt und der Aufschrift Bitte warten, Sie
werden aufgerufen! Nein, ich will ja nur ein Antragsformular abholen und quetsche
mich durch den Spalt von Menschen und Treppengeländer und sehe an der Wand ein zweites
Blatt mit rotem dicken Pfeil und dem Wort ANMELDUNG. Ich gehe diesem Pfeil nach und stehe
vor einer Feuertür mit dem Hinweis den Platz frei zu lassen. Wieder zurück, sehe ich
unter dem Treppenaufgang eine weitere Feuertür ohne Aufschrift, trete da ein und stehe in
einem Büro mit 4 Schreibtischen und dazugehörigen Beamten und davor sitzenden Besuchern.
Aha! Ein Büro. Alles sieht so diskret, fast anonym aus. Bin ich da richtig? Bei diesem
Gedanken höre ich neben mir:
Bitte setzen Sie sich!
Mein Blick geht der Stimme nach. Der Herr mit gesenktem Haupt hat mich vermutlich
angesprochen.
Nein danke, ich möchte nur ein Antragsformular auf ALG 2 abholen.
Jetzt sieht er mich an und sagt: Setzen sie sich trotzdem, ich muss ihre Daten
aufnehmen.
Die bekommen sie doch mit meinem ausgefüllten Antrag.
Das Antragsformular kann ich ihnen nur geben, wenn ich ihre Personalien kenne!
Ich sitze und gebe nach und nach meine Daten preis, die fleißig in einen Computer
eingegeben werden. Eigentlich ist der Mann ganz nett, er heißt Michael Donner und hat
einen weichen Blick und aschfahle Haut, wie ein mehlierter Beamter. Er tut mir leid und
ich beschließe mit ihm freundlich und charmant umzugehen. Er geht darauf ein, es tut ihm
gut und er erklärt, warum er was tut. Ich bekomme eine Kundenkarte und auf die Klärung
ob ich trotz ledig alleine lebe, kann er mich einordnen und kann den Drucker für die
Einzelblätter zum Gesamtantrag beauftragen. Der Drucker läuft und spuckt die
Einzelblätter aus. Wir warten. An mir gehen Menschen vorbei mit einer Plastikkarte in der
Hand und verschwinden in einer Zimmerecke. Auf meinen fragenden Blick an Herrn Donner
erfahre ich, dass da hinten der Geldautomat für die Notzahlungen steht. Sozusagen eine á
Konto Zahlung auf die bereits genehmigte ALG 2 - Monatszahlung. Herr Donner reicht mir
lächeln die Formulare für meinen Antrag auf ALG 2!
Hurra, das ist geschafft!
Da macht er mich noch darauf aufmerksam, dass ich einen passiven und aktiven Vermittler
bekomme.
Beim passiven Vermittler muss ich mir einen Termin für die Abgabe des von mir
ausgefüllten Antrags einholen. Bei diesem Termin wird mein Antrag kontrolliert und bei
Richtigkeit weiter bearbeitet.
Der aktive Vermittler bemüht sich für mich um Arbeit. Herr Donner sagt: Da müssen
Sie gleich hin. Allerdings sitzt mein Kollege, Herr Verti, im hinteren Teil unseres
Amtsgebäudes, zu erreichen über den Zugang von der Berliner Straße Nr. 27. Ich melde
Sie dort telefonisch an.
Ich bedanke mich ganz herzlich, dass er so freundlich und hilfsbereit zu mir war. Das
freut ihn - und mich auch.
Berliner Str. 27
In einem roten langen Klinkerbau gibt es eine einzige Eingangstür ohne Nummer. Vor der
Tür sitzt ein Kater und sein Miauen hört sich traurig an.
Am Türrahmen ist ein kleiner, aufgeklebter, abgekratzter, wieder aufgeklebter Zettel mit
der Aufschrift Arbeitplus in der Schriftgröße 11. Die Klinker sind
verdreckt, Müll liegt auf dem Boden und Spinnweben zieren die Türecken. Die Türe mache
ich mit dem Ellenbogen auf; es ekelt mich die klebrige Klinke anzufassen. Ist dass das
Niveau von Arbeitslosengeld 2?
Ich finde die angegebene Zimmernummer und betrete nach meinem Klopfen den Raum. Herr
Verti cremt sich das Gesicht ein. Er macht einen sehr verspannten Gesichtsausdruck.
Sie sind Frau Gebauer?
Ja.
Sie wollen einen Antrag?
Nein, ich soll mich bei ihnen melden.
Ja richtig; ich brauche ihre Daten
Die habe ich eben schon bei Herrn Donner abgegeben; sie können das doch sicher per
Intranet einsehen.
Ja, dann brauche ich ihre Kundenkarte.
Bitteschön.
Es folgt eine wortlose Computerarbeit.
Ich warte.
und sie wohnen noch im Akazienweg?
Ja, immer noch.
Ihre Telefonnummer bitte.
Ich gebe sie ihm.
Ihre Handynummer bitte.
Ich habe kein Handy.
Herr Verti schaut mich ungläubig an.
Wieder sprachlose Computerarbeit. 4 Minuten lang.
Herr Verti reicht mir meine Kundenkarte über den Tisch und meint: Schauen Sie
gelegentlich wieder rein, ob sich was getan hat bei Ihnen. Ich nicke verbindlich,
bekomme auf meinen Abschiedsgruß keine Antwort und verlasse erleichtert das Zimmer.
Fertig! 4 Amtsstellen um überhaupt das Antragsformular zu bekommen!
Gerade will ich das Gebäude verlassen, da kommt in heller Aufruhr ein Herr auf mich zu
und sagt: Sie sind doch sicher vom Amt, ich brauche ihre Hilfe. Können sie mir
sagen wo der Geldautomat zum ALG 2 ist?
Na sowas denke ich und antworte: Ja, dass kann ich. Der ist im Gebäude von
Arbeitplus in der Pastorenstraße Nr. 43. Gehen sie dort einfach durch den großen
Eingang, links am Treppenaufgang vorbei, durch eine Tür ohne Beschriftung im toten Winkel
der Treppe, dahinter ist ein Büro. Gehen sie um den ersten Schreibtisch rechst herum,
hinter der großen Blume auf dem Tisch mit dem karierten Tischtuch, - da steht der
Geldautomat! Das Gesicht des Herrn leuchtet kurz auf, wird wieder müde und beim
Weggehen schenkt er mir ein kleines Lächeln mit den Worten: Danke. Bei Ihnen habe
ich das Gefühl, Sie verstehen mich!
(c) Roswitha Gebauer / Bielefeld
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