Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben.
Ich hätte vielleicht doch lieber die Läden schließen sollen..." dachte Inga.
Sie lag auf dem Bett und sah ins Dunkel. Der Schlaf wollte nicht kommen; heiße Tränen
liefen ihr die Wangen hinunter. In den Händen hielt sie eine Bernsteinkette - ein
Geschenk ihres Vaters. Gestern hatte man ihn in eine viel zu kleine verschlissene Uniform
gezwängt. Mit geschultertem Karabiner musste er sich in einen Trupp Volkssturmmänner
einreihen. Inga erinnerte sich, dass das schmale Gesicht des Vaters aschfahl wurde, als
ein hysterisch herumschreiender Feldwebel die Gruppe zum Abmarsch trieb.
Mutter und Inga standen wie versteinert am Straßenrand.
Inga hatte die Hand der Mutter ergriffen und schaute hilfesuchend zu der hochgewachsenen
Frau mit den ruhigen grauen Augen auf.
Wo nimmt sie nur die Kraft her?" dachte sie.
Vater winkte den beiden ein letztes Mal. Mit einer raschen Handbewegung strich er sich
über die Augen.
Als Inga erwachte, stellte sie fest, dass sie in ihren Kleidern geschlafen hatte. Sie
hörte die Mutter in der Bodenkammer hantieren. Nach einem Blick auf die Wanduhr stand sie
unwillig auf und ging zur Waschschüssel, die die Mutter bereits mit warmem Wasser
gefüllt hatte. Sie wusch sich das Gesicht und sah in den Spiegel. Das lange rotbraune
Haar lag wirr zerzaust um ihren Kopf herum. Müde kämmte sie sich und flocht die Haare zu
langen Zöpfen.
Inga ging in die Küche, um den Frühstückstisch zu decken.
Zwei Gedecke würden ungenutzt stehen bleiben; zu dem des in Stalingrad verschollenen
Bruders nun auch noch das des Vaters.
Dass Inga die Schule beendet hatte und nun hoffte, eine Lehre beginnen zu können, war im
Moment völlig unwichtig. Daran war jetzt einfach nicht zu denken.
Die Front lag bereits im eigenen Landkreis. Und das, was sie beim BdM über die Russen
hörte, war alles andere als beruhigend.
Die Mutter setzte sich zu ihr an den Tisch, ihre Augen waren gerötet. Zaghaft legte sie
Vaters Taschenuhr vor sich hin. Er hätte es so gewollt," sprach sie
verbittert. Inga, du musst heute noch einmal zum Bauern gehen und versuchen, etwas
zum Essen zu bekommen!"
Sie nickte beklommen und steckte die Uhr in ihre Tasche.
So wie jeden Tag hörte man das Grollen der Geschütze. Und manchmal flogen Tiefflieger
über die Stadt hinweg. Es gab keinen Zweifel, der Krieg hatte sie eingeholt!
Die große Milchkanne in der Hand, lief sie die Straße entlang. Ihr Weg führte sie am
Bahnhof vorbei, auf dessen Vorplatz viele Flüchtlingsfamilien ein Lager errichtet hatten.
Wann würde dieser Alptraum nur ein Ende haben?!" dachte sie und wandte die
Augen ab. Am Rand des Stadtparks sah sie etwas Weißes in den Sträuchern stecken. Sie
trat heran, zog ein großes Blatt Papier hervor und las:
An den Stadtkommandanten!
Übergeben Sie die Stadt bis zum 10. April 1945! Das Oberkommando der Roten Armee.
So steht es also um uns" dachte sie und faltete das Blatt zusammen. Plötzlich
stand neben ihr ein Luftschutzwart, entriss es ihr grob und mahnte sie stirnrunzelnd,
Stillschweigen darüber zu wahren. Erschrocken lief Inga schnell weiter und erreichte nach
wenigen Minuten die Hauptstraße. Hier herrschte hektisches Treiben. Soldaten und junge
Burschen waren damit beschäftigt, Geschützstellungen und Panzersperren zu bauen. Andere
wurden von einem Offizier in schwarzer Uniform angetrieben: Die Brücken müssen
weg! Nur so kann die rote Flut zum Stehen gebracht werden!"
Man wird die Stadt nicht übergeben", dachte Inga.
Aber war denn dieser Krieg überhaupt noch zu gewinnen?
Sie lief jetzt schneller, so als würde sie ahnen, dass nur noch wenig Zeit blieb.
Inga betrat den Bauernhof und ging auf das Wirtschaftsgebäude zu.
Die Bäuerin packte Kisten, die von der ältesten Tochter Helga zum Vater gebracht werden
sollten. Inga schloss sich ihr an, und so zogen die beiden Mädchen den schweren Karren
über die Wiesen. Sie kamen an den Fluss, an dem Bauer Lüdke seinen großen Kahn belud.
Inga kicherte staunend bei diesem Anblick. Immerhin waren eine Kuh, ein Schwein und gar so
manches Federvieh inzwischen auf dem Kahn verstaut worden.
Der Bauer schaute ihnen freundlich besorgt entgegen und nahm die mitgebrachten Kisten in
Empfang.
Inga griff in ihre Tasche und zog Vaters Uhr heraus. Leise sprach sie: Mutter
schickt mich mit der Bitte, ein wenig Essen einzutauschen ...". Die Augen des Bauern
wurden ernst. Betroffen schob er die Uhr zurück. Mädchen, es ist fünf Minuten vor
zwölf, wer soll da noch auf die Uhr schauen?! Ich werde heute noch das bisschen, was mir
blieb, tief in den Spreewald fahren! Dort kommt kein Russki hin!"
Helga stupste den Vater an. Er verstand. Mit einer seiner großen Hände griff er in einen
Sack und füllte einen Beutel mit Kartoffeln. Obendrauf legte er einige Zwiebeln. Ingas
Kanne wurde mit Milch gefüllt und vorsichtig von ihr verschlossen.
Glücklich und dankbar lief sie nach Hause.
Am Abend erzählte ihr die Mutter, dass die Nachbarin der Meinung wäre, alle müssten die
Stadt verlassen.
Sie sollte tatsächlich Recht behalten.
Am nächsten Morgen brachte ein Bote die Aufforderung, innerhalb von vierundzwanzig
Stunden die Stadtgrenze hinter sich zu lassen.
Nur - wohin sollte man gehen?
Zu Fuß und mit Gepäck würde man nicht weit kommen.
Ein kleiner Handwagen wurde mit allem gepackt, was ihnen wichtig und notwendig erschien.
So zogen sie durch die Stadt, deren Häuser und Straßen einer Festung glichen. Auf dem
Kirchturm wurden Maschinengewehre in Stellung gebracht. Soldaten rannten mit
Flammenwerfern von Haus zu Haus; krachend stürzten die Fassaden auf die Straße.
Mutter und Tochter wandten die Gesichter ab und zogen ihren Wagen.
Sie kamen in ein kleines Dorf und fanden gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingen
Unterschlupf in einer Scheune.
Hier war es stickig und dunkel. Inga schlich nach draussen. Sie hörte ununterbrochen die
Geschütze donnern, der Himmel färbte sich rot vom Feuerschein und selbst den Rauch
brennender Häuser konnte sie noch wahrnehmen.
Tage und Wochen vergingen und kein einziger russischer Soldat zeigte sich.
Das Grollen der Geschütze war verstummt, und so ganz allmählich machte sich
Erleichterung breit. Einige Leute packten ihre Sachen und zogen zurück ins Ungewisse.
Endlich erreichte auch sie die Nachricht, dass von nun an wieder Frieden sein sollte.
In der Hoffnung, noch ein wenig vom Zuhaus vorzufinden, zogen Mutter und Tochter in die
zerstörte Stadt zurück. Mutter hatte Inga in einen schäbigen Mantel gehüllt, ihr
Gesicht mit Ruß geschwärzt und ein dunkles Tuch um ihren Kopf gebunden; sie meinte, es
wäre besser für sie und würde ihr vielleicht so manch unangenehme Situation ersparen.
Es war inzwischen frühsommerlich warm geworden und der Flieder blühte, als wäre nichts
geschehen. Nur - das war es gerade nicht.
Berge von Trümmern und Schutt säumten ihren Weg.
Mit Mühe zogen sie ihren Handwagen an den Ruinen und leeren Fenstern, die schon fast wie
tote Augen wirkten, vorbei.
Wie durch ein Wunder war ihr Haus stehen geblieben. Mutter faltete die Hände und dankte
Gott für diese Gnade. Wie es sich herausstellte, war das Haus inzwischen Unterkunft für
mehrere Familien geworden. Für Inga und ihre Mutter blieb nur die Bodenkammer, die sie
sich teilen mussten. Von nun an warteten sie täglich auf eine Nachricht über den
Verbleib des Vaters. Noch konnte man Hoffnung haben.
Eine russische Garnison ließ sich in der ortsansässigen verwaisten Jägerkaserne nieder.
Mutter hatte das Glück, dort mit einigen anderen Frauen die Küche bewirtschaften zu
dürfen, so brauchten die beiden zumindest keinen Hunger mehr zu leiden.
Jeden Abend saß die Mutter am Radio und hörte die Suchmeldungen des Deutschen Roten
Kreuzes. Doch der Vater blieb verschollen.
Auch Inga musste nun einer Arbeit nachgehen; so half sie, die Trümmer der Stadt zu
beseitigen. Oft schmerzten ihr davon der Rücken und die Arme. Etwas leichter wurde es,
als russische Soldaten eine Lorenbahn bauten und damit viele Wagen voller Schutt auf eine
Insel mitten in der Stadt bringen konnten. Dort gab es nichts ausser sumpfigen Boden und
niedriges Strauchwerk. Tag für Tag rollten nun große Mengen des unsäglichen Erbes auf
die Insel. Kleine Hügel wuchsen an und wurden schließlich mit schweren Planierraupen
gebändigt.
Jahre vergingen und ein zarter Bewuchs bedeckte das Grauen des Krieges.
Im Winter kletterten die Kinder mit dem Schlitten auf ihren Mont Klamott", um
wieder und wieder mit lautem Johlen hinunter zu sausen.
Es ist Sommer in der Stadt und Inga geht einen schmalen Sandweg entlang. Die warme
Julisonne scheint ihr ins Gesicht. Der Wind spielt leicht mit ihrem grauen Haar.
Sie geht an einem Plakat vorüber und bleibt sinnend stehen.
Herzlich willkommen zum Inselsommer 1994"
Ihr Blick fällt auf einige Kinder, die sich unbeschwert und voller Freude auf dem
Wasserspielplatz tummeln. Sie winkt ihnen zu und steigt einige steinerne Treppenstufen
hinauf Von hier aus hat sie einen guten Ausblick.
Durchzogen von kleinen Kanälen bietet die Insel nun jedermann Erholung, Abwechslung und
Entspannung.
Mädchenlachen dringt von der Minigolfanlage herüber und Urlauber geniessen die
Nachmittagssonne beim Kaffee auf der Terrasse.
(c) Matthias Schulz / Lübben
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