"Halt" schrie Frau Kampmann auf, "Halt! Hilfe!
Ich muss doch noch aussteigen!"
Doch es war schon zu spät. Die Tür war zugeschlagen, und langsam setzte sich der
Nachtzug in Bewegung. Er würde erst 3 Stunden später wieder halten, und es würde nachts
nicht einmal mehr einen Zug zurück geben.
Der Schreck war groß. Frau Kampmann hatte ihre Tochter Monika doch nur zum Zug bringen
wollen, sich selbst traute sie als stark sehbehinderte verwitwete Frau seit mehreren
Jahren keine größere Urlaubsreise mehr zu. Im Gegenteil, sie hatte sich immer mehr in
ihr Haus zurückgezogen und war dabei zunehmend vereinsamt.
In das lange hilflose Schweigen hinein sagte Monika plötzlich: "Ach was, Mama, fahr
doch einfach mit mir in den Urlaub."
Die verblüffte Mutter reagierte spontan und heftig: " Was denkst du dir! Ich habe
doch nicht mal eine Fahrkarte, und erst recht kein Hotel!"
"Kein Problem", erwiderte Monika nach kurzem Nachdenken, "ich gebe dir
meine Fahrkarte und fahre dann als Begleitperson einer Sehbehinderten kostenlos mit. Und
in meinem Hotel habe ich sowieso ein Doppelzimmer nehmen müssen, da ist das Bett neben
mir noch frei."
Die Mutter schien irritiert, zögerte einen Moment, und sagte dann, kaum weniger
energisch: "Aber ich habe doch gar nichts dabei für einen Urlaub, nur meinen Mantel
und die Handtasche."
"Macht doch nichts", sagte Monika sofort und nun auch bestimmter, "ich habe
viel zu viel Kleidung mit, und du hast meine Körpergröße, das passt und steht dir auch.
Und in dieser Jahreszeit ist es dort immer warm, ein
Gewitter mit Blitzschlag und Donner zieht schnell vorbei."
Die Mutter schien zunehmend verunsichert, aber schnell fiel ihr der nächste Vorbehalt
ein: "Aber zu Hause ist doch der Kater
unversorgt, ein Tischtuch hängt noch an der
Wäscheleine, die große Blume muss gegossen werden
und meine Schreibmaschine steht noch auf dem
Gartentisch, und so weiter ..."
"All das ist kein Problem", sagte Monika, "wir rufen einfach Frau Wilke mit
dem Handy an und erklären ihr, was sie tun soll, die ist doch sonst auch immer so
hilfsbereit!"
Die Mutter blickte um sich, als suche sie verzweifelt nach einem Rettungsanker.
Schließlich fasste sie sich und sagte mit einer etwas schwermütigen Stimme: "Mag
sein, das du recht hast, all das könnte irgendwie klappen. Aber eins bleibt doch: Wenn
ich mitfahre, falle ich dir ja unterwegs zur Last, und du hast gar keinen schönen Urlaub
mehr!"
"Das lass mal meine Sorge sein, so oft schon habe ich dich zu einer gemeinsamen Reise
eingeladen, und du bist mit immer neuen Vorwänden ausgewichen. Nun hat das Schicksal in
deinem Sinne zugeschlagen, nimm das doch einfach an!"
Es entstand eine gedankenschwere Pause. Dann gab sich die Mutter einen erkennbaren Ruck,
fiel ihrer Tochter um den Hals und schluchzte:
"Ich danke dir, du hast recht. Ich bin wohl doch in die richtige Bahn geraten."
(c) Konrad Gerull / Bielefeld
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