An diesem Sonntagmorgen waren sie besonders früh aufgebrochen, denn der Wetterbericht
hatte einen herrlichen Tag versprochen. Nun radelten sie im klammen Frühdunst das
wunderschöne stille Bachtal hinab.
Es war idyllisch: Nebelschwaden vor den noch dunklen
Berghängen,verwaschene Spiegelungen auf dem träge dahinströmenden Bachlauf, geisterhaft
geformte Weidenbüsche in den dunstigen Uferzonen, ein Reiher im Wasser,
ein noch fest schlafender Zeltplatz, ein wunderschön angelegter Schrebergarten, silbrige Sonnenstrahlen durch den Wald, weiße Felsblöcke am Hang gegenüber im ersten warmen
Sonnenlicht. Rosi und Ulrike ließen sich auf ihren Rädern langsam durch die stille
Landschaft treiben und nahmen beglückt jedes neue Detail dieser friedlichen
Morgenstimmung wahr.
Gerd und Uwe dagegen nutzten das leichte Gefälle und die morgendliche Frische zu einer
sportlichen Herausforderung: Sie traten, sich wechselseitig anspornend, mit aller Kraft in
die Pedalen und setzten sich schnell weit ab.
Erst nach fast 2 Stunden kamen Rosi und Ulrike nach: am Ortseingang einer Kleinstadt kurz
nach dem Ende des schönen Tals. Dieses Städtchen war offenbar gerade vom ersten
wärmenden Sonnenlicht erwacht, es roch nach Kaffee und Brötchen.
In die besinnliche Stille hinein schlug die Glocke der
übermächtigen gotischen Kirche. Rosi schlug eine kurze Besichtigung vor,und so stiegen
sie ab und traten ein. Die Orgel begann gerade zu spielen, erst in feinsilbrigen
spielerischen Läufen, dann mit immer vollerem Klang, bis sie schließlich mit mächtigen
Akkorden den gewaltigen sonnendurchfluteten Kirchenraum ausfüllte, um schließlich mit
festlichem Glanz zur Melodie eines Chorals überzuleiten. Aber was war das? Erst ein
seltsam schluchzendes Geräusch, und dann weinte plötzlich Rosi laut und hemmungslos,
hörte gar nicht wieder auf.
Die drei anderen standen irritiert und ratlos um sie herum. Schließlich schluchzte sie,
sich mehrfach unterbrechend: "Bitte verzeiht mir. Die Kraft der Orgelmusik in dieser
prächtigen Kirche trifft mich wie ein Schlag. Es ist wie ein Traum,
es ist die Heimkehr in meine religiöse Kindheit, die
ich seit vielen Jahren völlig vergessen und verdrängt hatte. Und nun kommt es so
urgewaltig und plötzlich, und das direkt nach dem stillen Morgen,
den ich so tief empfunden habe, wie das Nacherleben der Schöpfung."
Nur für sich selbst fügte sie ganz leise und gedankenvoll an: "Gottes Wille?"
Und dann sagte sie, ein paar Tränen trocknend, mit festerer Stimme: "Bitte lasst
mich eine halbe Stunde allein, ich brauche diese Zeit für mich."
Ulrike schaute sie ganz überrascht und mitfühlend an, als wolle sie fragen: "Du?
Das bist du?" Und sichtlich mitgetroffen zog sie sich auf eine abseits gelegene
Kirchenbank zurück.
Uwe, der zuvor am ehrgeizigsten vorausgebraust war, ging hinaus und ließ sich wie
benommen auf ein kleines Rasenstück fallen und blieb dort lange reglos liegen, die Hände
vor das Gesicht geschlagen. Plötzlich rief er vor sich hin: "Danke!"
Und danach blieb er genießerisch ausgestreckt im nun schon warmen Sonnenlicht liegen,
keine Eile mehr kennend.
Gerd stand unterdessen verlegen und ratlos abseits in der Nähe der Fahrräder. Er schaute
immer wieder verstohlen auf die Uhr. Was ist denn jetzt auf einmal los, dachte er, der Tag
hat doch so schön angefangen!
(c) Konrad Gerull / Bielefeld
zurück zur Seite Konrad Gerull
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite