Ich bummelte zwischen den Ständen mit Blusen, Pullovern und Röcken herum. Zwei Stimmen
drangen an mein Ohr. Hier, sieh mal, die Grüne, die passt gut zu deinem Rock.
Nein, die will ich nicht. Und hier die schwarz-weiße, nein, die ist nichts und die
dunkelblaue- ich sah auf. Zwei Frauen besahen sich die Blusen auf einem Ständer.
Nein, auch die ist nichts, sagte die Ältere. Wieder fing die Jüngere an:
Und wie ist es mit der Weißen, dazu der schwarze Rock und die rote Weste. Damit
siehst du schnuckelig aus. Rot kann man auch tragen, wenn man älter ist. Doch die
Ältere stellte wieder fest- Das ist nichts. Die Jüngere machte den nächsten
Versuch. Der Lurex-Pullover ist nobel und auch preiswert. Doch wieder kam.
Das ist nichts. Nun reichte es der Jüngeren. Was willst du überhaupt?
Es muß einschlagen, einschlagen wie ein Blitz. Sie machte eine Bewegung, die
einen Blitz nachmachte, dann kauf ich sie, dann ist es richtig. So
einschlagen wie dein Paul, lachte die Jüngere. Ja, genauso. Ich hätte nie
gedacht, dass ich mich mit 81 noch einmal so verlieben kann, richtig verlieben, so mit
Schmetterlingen im Bauch, bekam sie zur Antwort. Ja, Oma, je oller desto
doller. Hast du Mutti eigentlich gesagt, dass er um deine Hand angehalten hat ?
Ja, es kam mir doch komisch vor, in meinem Alter noch einmal zu heiraten. Ich wollte
hören, was sie darüber denkt. Ich weiß, dass ich zu meinem Paul gehöre, aber
heiraten
Er ist ja auch schon 85 und drei Jahre allein. Auch er hatte sich damit
abgefunden, allein zu leben, nun ja, wie es im Altersheim eben ist. Ich bin nun schon 15
Jahre dort und habe niemand kennen gelernt bis Paul kam. Er kam, ich sah, er siegte.
Ich weiß, Oma, er ist eben ein toller Typ. Ihr seid beide cool und ich finde es
fetzig, dass ihr heiraten wollt. Was hat nun Mutter dazu gesagt? fragte die Enkelin.
Ich hatte meine Bedenken und war auch aufgeregt, als ich sie fragte. Deine Mutter
ist einverstanden. Sie gönnt mir mein, nein unser Glück. Das hätte ich nicht gedacht.
Andere Kinder hätten bestimmt ein Faß aufgemacht, dass man mit 81 noch heiraten will.
Aber ich habe sie auch tolerant erzogen. Was werden nur die Nachbarn dazu sagen?
Das ist doch nicht wichtig, Oma, Hauptsache zwei Menschen sind glücklich, egal wie
alt sie sind. Aber was sagen die Bewohner des Altenheims dazu? Und was ist mit der
Hochzeitsnacht? fragte lachend die Enkelin. Unsere Mitbewohner freuen sich
schon, denn es gibt eine schöne Feier. Und Hochzeitsnacht, na ja, wir dürfen nicht
zusammen wohnen. Aber die Gefühle, die Bedürfnisse nach Zärtlichkeit, nach Küssen sind
im Alter nicht gestorben. Sie sind anders als in jungen Jahren, aber sie sind da. Nun ja,
da ist auch das Alter erfinderisch. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Gebüsch,
kicherte die Frau. Ja, ja, wenn ich da so an Charlie Chaplin und einige andere
denke, Oma, Oma, bei deiner Fantasie und deinem Erfindungsreichtum, da müssen wir euch
noch die Pille und Kondome besorgen, lachte schallend die Enkelin.
(c) Karin Ziegler / Wuppertal
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