Wieder zusammengeführt


Karin Klasen


Auf meinem Weg zum Briefkasten schlendere ich heute Morgen in aller Ruhe durch die Straßen meines Wohnortes. Tief atme ich die klare Luft des Morgens ein. Schön, hier kenne ich mich aus, denn hier bin ich zu Haus.

Mit einem Mal hört sich mein Schritt auf dem Asphalt anders an; dumpfer und weicher. Ich halte inne und beginne neugierig nachzuforschen.

Ich ertaste einen Arbeitshandschuh und erkenne, dass er aus Schweinsleder ist. Ähnliche trägt mein Mann bei schwerer Gartenarbeit oder beim Reifenwechsel. Auch dieser hier ist mit buntem Stoffeinsatz kombiniert, damit er besseren Halt um das Handgelenk der Hand findet, die ihn trägt.

Seine fünf unterschiedlich langen Lederfinger zeigen in die Luft, so, als wollten sie, obwohl ohne Lebensinhalt, nach etwas greifen. Im Dämmerlicht würde er aussehen wie eine nach mir greifende Hand, und ich hätte mich nie und nimmer nach ihm gebückt. Immer wieder aufs Neue von meiner Regung überrascht, beginne ich an meinem Findling zu schnuppern. Tatsächlich rieche ich sozusagen die Bestätigung, dass es sich bei ihm um einen Lederhandschuh handelt, und ergründe neugierig weiter.

Nass ist er nicht, bemerke ich. Das bedeutet, dass er erst seit kurzer Zeit hier liegen kann, denn gestern Abend hat es in Strömen geregnet; aber schmutzig ist er. Bestimmt ist Arbeiten kein Fremdwort für ihn, zeigt doch sein Aussehen deutliche Gebrauchsspuren. An den Innenseiten seiner ledernen Finger ist das Material dunkel verfärbt und glänzt ein wenig.

Quer über seine lederne Handfläche verlaufen Reifenspuren und lassen erkennen, dass er, im wahrsten Sinne des Wortes, schon Schweres durch/mitgemacht hat. An seinem Bund, der einst ein Handgelenk umschloss, ertaste ich deutlich den Gummizug, der für eine gute Passform sorgen kann. Bestimmt vermisst ihn sein Handwerksbesitzer, jetzt, da er ohne ihn auskommen muss. Er hätte besser auf seine Hilfe achten sollen. Über meine linke Hand gezogen stelle ich erstaunt fest, dass er mir wie angegossen passt.

Was und wie viel mag mein “Linker”, jetzt hat er sogar schon einen Namen, bisher gearbeitet haben? Vielleicht hat er unterstützend bei einem Hausbau geholfen? Das könnte stimmen, stehe ich doch mit meinem Schaffenshandschuh unmittelbar vor einer solchen Baustelle. Mit Sicherheit war er noch gestern ein wichtiger Teil eines arbeitenden Paares.

Zu meinem Erstaunen erscheint einer der Arbeiter, kommt auf mich zu und sieht mich fragend an. Dann deutet er auf meinen Findling, den ich ihm mit beinahe mahnenden Blick mit den Worten hinhalte: “ Ich glaube, er wartet schon auf seine Arbeit”. Lachend bedankt er sich in einer, mir fremden Sprache, und zieht den Schaffer über seine, noch freie/nackte linke Hand. Jetzt sehe ich, dass er an seiner Rechten schon behandschuht ist. Nun ist es an mir zu lächeln, denn ich denke: “Endlich hat sich das arbeitsame Paar wieder.

(c) Karin Klasen / Wirscheid


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