In nur zwei Gehminuten bin ich im Wald.
In diesen Wochen trägt er sein herbstliches, malkastenfarbiges Gewand, und ich komme, wie
in jedem Jahr, aus dem Staunen nicht heraus. Wie herrlich ist es anzusehen, das leuchtende
Gold des Waldes. Hell strahlendes Birkengold vor dem dunklen Kupfergold der Buchen - ein
Kontrast, der seinesgleichen sucht! Etwas abseits zeigen feurig-rote Pappelspitzen ihr
Können. Wie züngelnde Flammen heben sie sich von ihrem Umfeld ab. Die Lärchen, gleich
daneben, zeigen sich schon in gelb-grünem Kleid. Für das nächste Frühjahr werden auch
sie sich neu einkleiden.
Noch ist das gefallene Laub trocken, denn es hat viele Wochen nicht mehr geregnet. Übermütig scharren meine Füße über den mit einem dichten Blätterteppich bedeckten Weg. Jetzt wirbeln die bunten Leichtgewichte erneut nach ihrem Erdenflug durch die klare, würzige Luft. Wie es raschelt und knistert, wenn ich sie mit Schwung nach oben kicke. So wie früher, denke ich und lächle glücklich über die Erinnerung aus Kindertagen.
Ein wagemutiges Eichhörnchen flitzt vor mir über den Weg, um an die leckeren Bucheckern auf der anderen Seite zu gelangen. Geschickt hebt es einige Früchte mit seinen kleinen Händen auf, steckt sie in sein Mäulchen und huscht ebenso schnell wieder davon.
Ging ich noch vor ein paar Minuten auf einem knackigen Teppich aus Eicheln, ist es jetzt ein dicker Läufer aus Bucheckern und deren Gehäusen, der unter meinen Füßen knackt.
Kreuz und quer liegt noch immer viel Totholz auf dem Waldboden; Spuren von zerstörerischen Stürmen der letzten Jahre. Die Waldtiere sind sich jedoch einig: sie wurden reich beschenkt, finden sie doch genau hier jede Menge schicker Eigentumswohnungen.
Dunkle Baumstümpfe sind besiedelt mit hunderten kleiner Pilzwinzlinge; vergehendes Holz gespickt mit neuem Leben!
So wie das vergehende Laub einen unschätzbaren Energieschatz für die kommende Generation ist, wird alles Organische im Wald recycelt, nichts geschieht hier ohne Sinn. Verschwenderische Vielfalt wird dringend gebraucht!
Zu diesem Zeitpunkt ist der Herbst auf dem Höhepunkt seiner Macht, seines Reichtums; bunter, herrlicher geht es nicht!
Schon in wenigen Wochen wird das Gold des Waldes für dieses Jahr verschwunden sein. Dann heiße ich den Winter mit seiner weißen Pracht willkommen.
(c) Karin Klasen / Wirscheid
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