Seltsam!


Irmgard Korf - Oktober 2010


Klaus erwachte aus einem unruhigen Schlaf. War da was? Ach nein, redete er sich ein, doch sein Herzschlag beruhigte sich nicht. Er erhob sich und ging vorsichtig und leise zur Zimmertür. Durch den Spion sah er den schwach beleuchteten menschenleeren Hotelflur. Dann schaute er auf seine Armbanduhr. Es war gerade 0.32 Uhr. Er zögerte und ging Unschlüssig wieder zu Bett. Die Klimaanlage surrte gut hörbar. Vielleicht störte sie ihn mit ihrem fremdartigen Rauschen. Er drehte sich zu seiner Frau und betrachtete sie. Tanja hatte nichts gehört, denn sie atmete regelmäßig und tief. Er berührte mit der linken Hand ihren arm. Dies half ihm sonst, sich leichter entspannen zu können. Heute Nacht aber nicht. Sein Herz raste, er schwitzte und unzählige Gedanken huschten ihm durch den Kopf.

Gestern war der Flug normal und pünktlich. Über die falsche Hotelwahl hatten sie sich gestritten. Klaus wollte das Zimmer in Wembley, weil es zehn Pfund billiger war als das Zimmer in Greenwich. Und als sie vom Flughafen in die Stadt hinein und in den Vorort Wembley mit U-Bahn und Nahverkehr über drei Stunden fuhren, platzte sie zischend mit der Bemerkung: “Geiz ist geil.” Heraus. Dieses Wembley gefiel ihnen beiden dann nicht. Überall in den Straßen und besonders am Bahnhof lungerten offensichtlich gelangweilte Männer herum, Entweder schwarzafrikanischer oder arabischer Abstammung. Beim Durchqueren der Bahnhofshalle wurden Klaus und Tanja von unzähligen Augenpaaren gemustert und verfolgt. Der Pub, in dem sie abends saßen, war annehmbar. Doch auch dieser mit seinen fünf Überwachungskammeras wirkte auf beide nicht gerade Vertrauen einflößend. Klaus sagte, nachdem er den ersten Schluck Bier getrunken hatte: “Es wird sicher Gründe geben, warum dieser Pub überwacht wird. Ich möchte nicht wissen, wie oft er schon überfallen wurde. Wir sollten nicht zu spät ins Hotel zurückgehen”. “Ja” räusperte sich Tanja. “Essen, zwei Bier und ab ins Zimmer”. Klaus sah ihr immer noch die Verärgerung über die falsche Hotelwahl an.

Unangenehmes geschah an diesem Abend nicht. Überhaupt geschah nichts Erwähnenswertes. Deswegen wunderte sich Klaus über sein plötzliches Erwachen und dieses “sich aufgewühlt fühlen”. Irgendwann döste er dann wieder weg. Am nächsten Morgen klingelte um 6.30 Uhr sein Handy. Es war seine Schwester. Sie teilte ihm mit, dass sie soeben vom Altersheim ihrer beider Mutter informiert worden war, dass Mutter in der vergangenen Nacht um 0.30 Uhr verstorben war.

(c) Irmgard Korf / Köln


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