Meine Mutter war umgezogen, von einer großen in eine kleine Wohnung, vom 20-Familienhaus
in ein kleines überschaubares Gebäude für vier Familien. Endlich, denn sie hatte lange
gesucht. Sonst ist sie kein wählerischer Mensch, aber die eine war ihr zu dunkel, eine
andere lag an einer befahrenen lauten Straße, die nächste hatte zu viele Dachschrägen,
die vierte befand sich im dritten Stockwerk, die fünfte .... Doch nun hatte sie die für
sie genau richtige Wohnung gefunden.
Ihr altes Zuhause war ihr unerträglich geworden. Immer wenn sie das Esszimmer betrat, sah sie noch das Pflegebett, in dem sie zwei Jahre lang ihren Mann, meinen Vater, pflegte. Und als dies vorbei war, wollte sie die Erinnerungen nicht mehr haben.
Der Umzug war problemlos. Zum Kisten packen und entrümpeln der nun viel zu großen Wohnung waren wir Kinder zur Stelle. Den Transport von Möbeln und Hausstand übernahm ein professionelles Unternehmen.
Und so lebte meine Mutter nun in ihrer feinen behaglichen drei-Zimmer-Wohnung. Zum ersten Weihnachtsfest in dieser Umgebung lud sie uns alle ein. In dem kleinen Wohnzimmer war es zwar für neun Erwachsene und ein Kind zu gedrängt, doch eng ist ja bekanntlich gemütlich. Wir waren alle in guter Stimmung und lachten viel. Keinem von uns war so richtig weihnachtlich zumute, obwohl ein Weihnachtsbäumchen und Kerzen an dieses Fest erinnerten. Als wir beim Abendessen saßen und mein Schwager gerade von einer langen Amerikareise berichtete, fuhren wir plötzlich alle zusammen. Auf einer Seite des Wohnzimmerschrankes hörten wir ein lautes Krachen, dann ein Rutschen und dann öffnete sich wie von Geisterhand eine der Schranktüren. Teller, Tassen und Schüsseln purzelten aus dem Schrank und zerbrachen laut klirrend auf dem Fliesenboden.
Alle saßen wir wie erstarrt. Keiner sprach ein Wort. Meine Mutter, kreidebleich geworden, erhob sich und ging zum Scherbenhaufen hinüber. Eine Tasse lag obenauf und schien nicht zersprungen zu sein. Diese Tasse nahm sie nun, betrachtete sie und warf sie mit dem Kommentar: Die brauche ich jetzt auch nicht mehr. Zurück auf den Berg von Splittern und Scherben. Dann fing sie an zu weinen.
Wir alle waren geschockt. Jeder für sich rang um Fassung. Irgendwer besorgte einen Besen und ein Kehrblech. Als das gröbste beseitigt war, und wir uns wieder um den Tisch versammelt hatten, gaben wir uns alle Mühe, meine Mutter davon zu überzeugen, dass dieses Ereignis nicht mit meinem Vater zu tun haben könne. Die Monteure hätten den Zwischenboden im Schrank nur nicht ordnungsgemäß angebracht. Doch Mutter behaarte auch Jahre Später noch darauf, dass dieses Missgeschick ein Zeichen von ihrem Mann gewesen sei.
Mir ist persönlich nicht klar, was ein Verstorbener aus dem Jenseits bewirken will, wenn er ein solch zerstörerisches Signal sendet. Aber meine Mutter glaubte bis zu ihrem eigenen Tod daran.
(c) Irmgard Korf / Köln
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