Die Gewitternacht


Irmgard Korf - November 2010


Karin lag seit einer halben Stunde in ihrem Bett und drehte sich hin und her. Da schrak sie von einem lauten Knall hoch. Was war das? Ein Flugzeug? Nein, ein Gewitter zog auf. Seufzend schaute sie auf ihre Uhr. 23.45 Uhr. Ob sie in dieser Nacht wohl ein Auge zumachen könnte? Dann hörte sie es an die Fensterscheibe trommeln. Hoffentlich läuft der Keller nicht voll, dachte sie. Vor einigen Jahren war es einmal so weit. Es goss wie aus Kübeln und die Kanalisation schaffte die Wassermassen nicht, so dass sie mit ihren Nachbarn zusammen zwei Stunden im Keller standen und mit Eimern, Besen und Kehrschaufeln das Wasser hinausbeförderten.

Wieder seufzte sie. Als sie heute Morgen aufstand, war die Welt noch in Ordnung. Liebevoll hatte sie ihrem Mann Klaus den Koffer gepackt. Eine kleine Schachtel Pralinen lag zwischen der Wäsche. Wie gut, dass er keine Zeit gefunden hatte, sie anzurufen. Karin hätte ihm ihre Angst nicht verbergen können. Wenn er sich auf Dienstreisen befand, hielt sie Probleme zu Hause immer von ihm fern.

Aber wie konnte es sein, dass von jetzt auf gleich ihr inneres Gleichgewicht ins Wanken gekommen war? Diese Routineuntersuchung. Karin sah den Arzt vor sich, wie er freundlich sagte: “Nur zur Sicherheit. Damit Sie sich keine Sorgen machen müssen.” Für den Nachmittag hatten sie ihr einen Termin in der Röntgenpraxis besorgt. So schnell, wunderte sie sich, als man ihr dies mitteilte. Und dann? Die Ärztin schaute Karin distanziert an. “Ja, ich kann da etwas sehen. Ob diese kleine Verdickung was Ernstes ist, kann ich nicht sagen. Ich glaube nicht. Doch besser ist besser.” Morgen früh würde die Sekretärin aus dem Krankenhaus anrufen und ihr mitteilen, an welchem Tag sie in die Klinik kommen solle. Dort werde dem Problem auf den Grund gegangen, sagte die distanzierte Ärztin beim Hinausgehen.

0.30 Uhr Wieder grollte der Donner. Laut spritzte der Regen auf der nassen Straße. Karin schwitzte. Ruhelos drehte sie sich hin und her. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu diesem kleinen drei Millimeter großen Etwas. Ein harmloser Knoten, eine Kalkablagerung, eine gutartige Geschwulst? An ein bösartiges Karzinom mochte sie nicht glauben. Doch je länger sie hellwach, fast aufgedreht und nervös im Bett lag, umso wirrer wurden ihre Gedanken. Mit der Hand befühlte sie die Stelle, an der die Verdickung liegen sollte. Da war aber nichts. Nur die Untersuchung bewies das Gegenteil.

Karins Schwester lachte früher immer über sie und ihre regelmäßigen Arztbesuche. “An dir sieht man, wie die Jahreszeiten vergehen.” bemerkte sie scherzhaft. Bitterkeit erfüllte Karins Herz. Würde sie nun einer Odyssee von Untersuchungen, Krankenhausaufenthalten und nicht enden wollenden Behandlungen entgegensteuern?

Aus weiter Ferne kündigte die Kirchturmuhr 2.00 Uhr an. Der Regen wurde wieder stärker. Das laute Rauschen empfand sie als unerträglich. Doch vollkommene Stille würde ihr noch mehr Angst einflößen. Bis gestern hatte Karin geglaubt, dass man nicht ernsthaft krank werden könne, wenn man zufrieden und ausgeglichen durchs Leben ginge. Man würde auf jeden Fall erkennen, wenn mit dem Körper etwas nicht mehr stimmte. Sie trank einen Schluck Wasser. “Da habe ich mich wohl vollkommen geirrt.” Flüsterte sie in die Dunkelheit. Wieder ein Blick auf die Uhr. 03.10 Uhr. Karin verfiel in einen unruhigen konfusen Schlaf. Im Traum saß sie in einem Bus mit vielen unbekannten Menschen. Erst fuhr der Bus durch eine belebte Stadt mit riesigen Kreuzungen und verwirrenden Ampelanlagen. Und dann plötzlich waren sie auf einer Landstraße, die sich über Hügel und Felder schlängelte. Sie sah zahlreiche Abzweigungen. Zu Beginn der Fahrt fühlte Karin sich ganz entspannt. Irgendwann aber merkte sie, dass der Bus überhaupt nicht anhielt und auch niemand ein- oder ausstieg. Karin betrachtete die Gesichter der anderen Fahrgäste, konnte aber keins davon erkennen. Gerade so, als ob die Leute keine Gesichter hätten. Und dann bekam sie Angst. Panisch geworden sprang Karin auf und lief zur hinteren Tür des Busses. Sie hatte nur noch das Verlangen, den Bus zu verlassen. Sie drückte auf den Signalknopf für den Fahrer, doch der Bus fuhr unbeirrt weiter. Nochmals und nochmals drückte sie. Karin wollte nach vorne zum Fahrer stürmen, um ihm zu sagen, dass er anhalten solle, doch plötzlich bekam sie ihre Hand vom Signalknopf nicht mehr los. Karin zog heftig am Arm und dann schrie sie. Und dann ...

Schweiß gebadet wachte Karin um 5.45 Uhr auf. Es regnete immer noch. Zwei aufeinander folgende kurze Blitze wiesen auf das abziehende Gewitter hin. Was würde der Tag bringen? Hoffentlich meldete sich Klaus. Sie musste ihm ihre Seelenqualen sofort anvertrauen. Dies ging doch nicht anders. Es gibt Banalitäten und Notsituationen. War dies eine Notsituation? Sie wusste es nicht, denn sie wusste ja noch überhaupt nichts. Ihr erschien die Zukunft so ungewiss zu werden. In ihren düsteren Gedanken versunken stand Karin um 06.30 Uhr auf. Die heiße Dusche tat ihr gut und entspannte sie. Und da hörte Karin plötzlich das Telefon klingeln.

(c) Irmgard Korf / Köln


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