Der Wunschtraum (eine Phantasiegeschichte)


Irmgard Korf - November 2005


Evelyn Keller arbeitete als Managerin in einem großen deutschen Computerunternehmen. Sie stand stets im Job ihrem Mann. Ihr war keine Aufgabe zu schwierig. Evelyn dachte rational und ließ sich im Job selten von Gefühlen leiten.

Gelegentlich, wenn sie einmal keine Termine oder mit nach Hause genommene Arbeit zu erledigen hatte, besuchte sie den örtlichen Zoo. Dort schlenderte sie gemütlich und entspannt zwischen den Gehegen hin und her und betrachtete sich ausgiebig die unterschiedlichen Tiere. Im Zoo fand sie eine innere Ruhe, die Evelyn eine Kraft zurückgab, welche ihr manchmal fehlte.

Der Zoo hatte eine ganz besondere Attraktion, zwei Pandabären. diese zwei Pandas bewohnten, weil sie ziemlich ungesellig waren, zwei voneinander getrennte Gehege. Besonders beliebt bei vielen Leuten waren die Fütterungszeiten. Und natürlich interessierten sich die Besucher für die Pandafütterung sehr.

Die Futterstelle des einen Bären, er Hieß Bao Bao, lag ganz nah am Rand des Geheges in einer kleinen Ecke. Die Gehegewand an dieser Stelle bestand aus Glas, so dass der Besucher cirka 2 Meter entfernt von Bao Bao stehen und ihn betrachten konnte, wenn dieser gerade seinen Bambus und anderes fraß.

Auch Evelyn hatte es der Publikumsliebling angetan. Sie richtete ihre Zoobesuche immer so ein, dass sie bei einer der Fütterungen dabei sein konnte. Oft bevölkerten Menschen die Glasscheibe, denn die unmittelbare Nähe zum Panda unterstrich ihre Begeisterung.

Der zweite Panda war eine viel zu scheue Pandabärin. Als diese Bärin damals vor vielen Jahren in den Zoo kam, nannte man sie Yan Yan. Sie verhielt sich so zurückhaltend, dass es ein Glücksfall war, von ihr einen Blick zu erhaschen, denn sie versteckte sich immer in ihrer Hütte oder der üppigen Bepflanzung ihres Reviers.

An einem Samstagvormittag Anfang November hatte Evelyne einmal wieder Zeit für eine kurze Stippvisite im Zoo. Das Wetter war sehr unbeständig und kalt. Zwischendurch gab es kleinere Schauer und Windböen wirbelten das Laub und anderes durch die Luft. Doch Evelyn ließ sich durch die Witterung nicht vom Besuch abhalten. Außer ihr waren an diesem Tag nicht viele Gäste im Zoo, vor allem die Leute mit Kindern fehlten.

Nach einem Blick auf ihre Uhr steuerte sie schnurstracks die Futterstelle von Bao Bao an. Da stand sie nun erwartungsvoll und schaute durch das Glas in die Ecke. Doch Bao Bao war nicht da. Evelyn suchte mit ihren Augen den sichtbaren Bereich des Geheges ab und da kam er gemächlich auf sie zugetrottet.

Im Stillen fragte sie ihn: “Na Bao Bao, du scheinst aber heute keinen großen Appetit zu haben, oder? Sie lächelte versonnen und sah nun zu, wie Bao Bao sich auf sein Hinterteil setzte und in aller Ruhe mit einer seiner Tatzen nach einem Stück Bambus griff. Leise sagte sie: “Lass es dir schmecken!” Und weiter dachte sie: “Ach wenn ich es auch so bequem im Leben hätte. Keinen Ärger, keinen Stress, keinen Druck von allen Seiten. Könnte ich doch auch so sorglos sein und von einem Tag zum andern leben. Das fände ich klasse. Na ja, .... Manchmal vielleicht. Wenn ich hier eingesperrt sitzen würde, wäre ich bestimmt todunglücklich, auch wenn die scheinbare Sorglosigkeit ja eigentlich keine ist. Eingesperrt bleibt eingesperrt.”

Nach einigen Minuten stillen Betrachtens kam noch ein jüngeres Pärchen und stellte sich auch an die Glasscheibe. Die Frau schwatzte ohne Unterbrechung und lachte über den ach so süßen Pandabären. “Guck mal, der sieht ja aus, wie ein riesengroßes Stofftier. Ist der nicht niedlich?” Sie klatschte in die Hände und winkte ihm, als wolle sie ihn auffordern, ihr zurückzuwinken. Stattdessen erhob sich Bao Bao und verkroch sich samt des Bambusstücks irgendwo im Gehege, wo man ihn nicht mehr sehen konnte.

Am liebsten hätte Evelyn der Frau gesagt, dass sie sich soeben lächerlich gemacht hatte. Doch Evelyn schüttelte nur mit dem Kopf, schluckte ihre Verärgerung hinunter und verließ ihren Beobachtungsplatz.

Leute, die offensichtlich meinten, sie stünden vor großen Stofftieren, wenn sie nah an irgendein Tier herankamen, verstand Evelyn nicht. Die mussten doch sehen, dass die Wirklichkeit nicht süß war. Sie hatte schon oft erstaunte Äußerungen von Menschen gehört, die plötzlich vor einem Käfig stehend feststellten: “Buh, dies oder jenes Tier stinkt aber.” Oder: “Ist das nicht ekelig, der wälzt sich in seinem eigenen Kot, bah!”

An diesem Tag hatte Evelyn genug vom Zoobesuch. Zwei Wochen später probierte sie ihr Glück erneut. Das Wetter war schlecht und wieder wagten sich nur wenige Besucher in den Zoo. Als sie zu Bao Baos Futterstele kam, saß er bereits da und verspeiste genüsslich irgendeinen undefinierbaren Brei. Es sah aus, als ob der Brei aus Geflügel, Grünzeug und Ei bestand. Aber das konnte Evelyn nicht mit Bestimmtheit sagen.

So stand sie nun da und sah sich den fressenden Bao Bao an. Sie regte sich nicht, denn sie wollte ihn auf keinen Fall stören. Kurz schoss ihr durch den Kopf: “Eigentlich sollte diese Glasscheibe ein undurchsichtiger und schalldichter Zaun sein. Aber dann könnte auch ich Bao Bao nicht so bequem betrachten.” Sie lächelte und schaute interessiert dem Bären zu.

Nachdem Bao Bao seinen Futtertrog zur Hälfte leer gefressen hatte, hob er langsam den Kopf und blickte sie an. Evelyn kam es so vor, als sah er sie an diesem Tag anders an als sonst. Auch er betrachtete sie nun ruhig und plötzlich sagte er mit menschlicher Stimme: “Hallo! Wir kennen uns doch. Wie ich sehe, magst du mich. Ich finde dich auch nett, doch leider kann ich dir nichts von meiner Lieblingsspeise anbieten. Die Scheibe zwischen uns ist zu hoch.”

Evelyn war geschockt. Hatte sie da richtig gehört? Wie konnte ein Pandabär eine menschlich verständliche Stimme haben. Ihr entfuhr ein erstaunt gemurmeltes: “Das gibt’s doch gar nicht. Bären können nicht sprechen.”

“Du siehst doch, dass ich das kann. Ich habe das Sprechen von meinem Pfleger, dem Fritz gelernt. Er erzählt mir von der großen weiten Welt, von den verschiedenen Ländern und den unterschiedlichen Menschen und anderen Tieren, die es hier nicht gibt.”

“Ja aber ... Ja aber ...” stammelte Evelyn.

“Warum bist du denn so erstaunt, ich bin doch schon fast 20 Jahre hier. 20 Jahre sind eine lange Zeit, in der man viel lernen kann.”

Evelyn traute ihren Ohren und Augen immer noch nicht. Sie blickte sich suchend nach allen Seiten um, fand aber nichts ungewöhnlich. Die Stimme des Bären kam durch die Glasscheibe zwar gedämpft zu ihr herüber, doch die Gestik des Tiers war unmissverständlich. Bao Bao schaute ihr direkt in die Augen.

Und dann sprach der Pandabär weiter: “Jetzt habe ich so viel über die Welt und meine Heimat China erfahren, dass ich richtig neugierig geworden bin, dort noch einmal hinzukommen. Ich weiß nur nicht, wie ich das machen soll. Hast du da nicht eine Idee?”

“Ich, eh, ...ja, ... ich weiß nicht!” Evelyn wurde es heiß. Das Blut schoss ihr in den Kopf. Plötzlich konnte sie nicht mehr klar denken.

Ein sprechender Panda, der auch noch etwas von ihr wollte? Das gab es doch nicht. Am liebsten wäre sie weggelaufen, doch ihre Beine wollten einfach nicht weg. Also blieb sie stehen und lauschte weiter.
“Damals als mich Männer zu Hause einfingen, fragten sie mich nicht, ob ich auch wirklich mitkommen wollte. Sie erzählten mir noch nicht einmal von einem sorglosen Leben. Sie überrumpelten mich einfach. Doch nun, nachdem ich hier schon so lange herumsitze und mich langweile, habe ich immer öfter das Bedürfnis, nach Hause zu meinen Ursprüngen zurückzukehren. Und jetzt, wo ich doch auch nicht mehr so lange zu leben habe, wäre das mein letzter Wunsch.”

Evelyn war völlig sprachlos. Was sollte sie dem Pandabären sagen. Wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Es entstand eine Pause. Während diesen quälenden Minuten hörte sie, wie sich Schritte näherten. Sie schreckte auf und drehte sich um. Ein Mann mittleren Alters kam genau auf die Futterecke zu. Da sie nun nicht wusste, wie sie reagieren sollte, entfernte sie sich hastig vom Gehege des ihr hinterher blickenden Bao Bao. Sie hörte nichts mehr. Evelyn sah nur nach vorn, registrierte nur bei einem kurzen Blick nach hinten, dass dieser Mann jetzt vor Bao Bao stand. In ihrem verwirrten Zustand verließ sie den Zoo und lief noch eine Stunde wahllos durch die Straßen. Dann setzte sich Evelyn in ein Café und versuchte, erst einmal wieder zur Ruhe zu kommen.

Es gab doch keine sprechenden Bären. Nein! Oder? In letzter Zeit hatte sie viel gearbeitet, doch so überarbeitet war sie nicht, dass sie jetzt ... Spielte ihr Geist verrückt?

Nach der ersten Tasse Kakao, den sie sich schon seit mindestens 10 Jahren nicht mehr gegönnt hatte, wurde Evelyn etwas ruhiger. Wem konnte sie dieses Ereignis erzählen. Aber war das soeben erlebte eigentlich ein Ereignis? Und hat es denn stattgefunden?

Sie Beschloss, die Sache auf sich beruhen zu lassen und am nächsten Samstag wieder in den Zoo zu gehen.

Während der nächsten Woche beschäftigte sie das erlebte immer wieder. Sie bemühte sich aber, sich durch ihre Arbeit von diesen Gedanken abzulenken. Zumindest versuchte sie es.

Am Samstagmorgen erwachte sie nach konfusen Träumen und machte sich zur gewohnten Zeit auf den Weg zum Zoo. Als sie kurz vor Fütterungsbeginn erwartungsvoll und gleichzeitig ängstlich vor Bao Baos Futterecke stand, stellte sie fest, dass in der Ecke keinerlei Futter lag, kein Bambus, kein Brei Nichts. Sie suchte das gesamte Gehege nach Bao Bao ab. Sie lief um Bao Baos kleines Reich, doch ihn erspähte sie nicht. Was sollte sie tun?

Irgendwo in der Nähe der zwei Pandabär-Gehege fand sie einen Pfleger, der gerade Eimer, Säcke und anderes auf einen Karren lud.

Evelyn lief zu ihm hin und fragte: “Wo steckt denn Bao Bao? Ich kann ihn nirgends finden!”

Der Mann unterbrach seine Beschäftigung und schaute sie traurig an. “Wir mussten Bao Bao vor zwei Tagen einschläfern lassen. Er litt schon seit langem an Krebs und in letzter Zeit hatte er sehr starke Schmerzen. Ich bin auch traurig darüber, denn ich habe Bao Bao die ganze Zeit betreut, als er hier bei uns lebte.”

“Ach, Sie sind dann Fritz?”

Der Pfleger stutzte und begann zu lächeln. “Bao Bao wird es jetzt viel besser haben als hier im Zoo.”

Er bückte sich, nahm einen weiteren Eimer auf und sagte noch: “Ich muss jetzt weitermachen, ich habe noch viel zu tun. Unsere Tiere sind hungrig.”

(c) Irmgard Korf / Köln


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