Das clevere Schaf


Irmgard Korf - April 2005


Ein kleines weißes Schaf liegt gemütlich am Wegesrand und knabbert genüsslich an einigen Grasbüscheln herum. Es zupft frische hellgrüne Blättchen von den Blumen und freut sich seines Lebens.

Da kommt der Hütehund mit hängender Zunge angelaufen und sagt tief nach Luft schnappend: “Eh, hör mal! was soll das! Ich laufe mir hier die Beine krumm und du liegst faul im Gras und lässt dir die Sonne auf den Hintern scheinen!” jappst und setzt an, das kleine Schaf in die Hinterbeine zu zwicken.

Das gefällt dem Schaf aber nicht. Mit einem Satz springt es zur Seite und schimpft: “Kannst du mich denn nicht einmal eine Stunde alleine lassen? Du bist echt stressig! Ich wollte doch nur ein wenig Ruhe haben. Das Gemeckere in der Herde finde ich voll nervig. Und das ständige Herumgeschubse von den andern ist auch ätzend. Also geh und lass mich. Ich komme nachher schon wieder zurück.”

Der Hütehund ist über so viel Bockigkeit erbost, bewundert das kleine Schaf aber, weil es so offen seinen eigenen Willen zeigt.

Mit seiner Weigerung hat das kleine Schaf den großen Hütehund aus dem Konzept gebracht. Er war bisher immer zuverlässig, pünktlich, gewissenhaft, ordentlich, penibel und überhaupt der beste Hütehund in der ganzen Gegend. Und da sitzt nun das Schaf und sagt ganz einfach, dass es gerade keine Lust auf Herde hat! So geht’s aber nicht!

Der Hund kratzt sich am Ohr und überlegt, was er nun unternehmen soll. Er könnte das störrische Schaf kräftig beißen und mit Gewalt zur Herde zurücktreiben.

Das möchte er aber eigentlich nicht, denn im Grunde seines Herzens ist er sehr friedfertig. Gewalttätigkeit ist nicht sein Ding. Bei Streitigkeiten mit anderen Hunden droht er nur und die Schafe haben normalerweise sowieso vor ihm Angst.

Also wägt er ab und fragt dann das Schaf, das sich soeben wieder bequem hingelegt hat: “Hast du überhaupt eine Uhr?"

Das Schaf schaut ihn erstaunt an. “Ich brauche keine Uhr. Mir reicht die Sonne. Sag bloß, du läufst mit einer Uhr herum, weil du zu blöd bist, an der Sonne die Zeit abzulesen?"

Nun setzt der Hund sein formelles Gesicht auf. Er streckt sich und sagt: “Wenn du keine genaue Uhrzeit hast, können wir keinen Termin für deine Rückkehr vereinbaren. Was machen wir, wenn du dich verspätest und das Tor der Weide schon geschlossen ist? Wenn der Schäfer das merkt, bekomme ich Ärger.”

Das Schaf zieht einen Flunsch und sagt: “Ach Mann, sei doch mal ein bisschen kooperativ. Ich bin pünktlich wieder da. Du kannst mir ruhig vertrauen. Ich will doch auch nicht nachts allein irgendwo herumlaufen. Und außerdem ... Und außerdem ...”

Der Hund knurrt: “Und was außerdem? Was willst du mir noch sagen?”

Das Schaf zögert und sagt dann: “Und außerdem habe ich bestimmt schon fünfmal gesehen, wie du dich nachts zum Schlafen in den Schuppen verzogen hast, obwohl du Wache schieben solltest. Das könnte ich ja mal deinen Kollegen erzählen.”

Jetzt wird der Hund sauer und gleichzeitig traurig, denn damit hat er jetzt nicht gerechnet. Bisher war er es doch immer, der die Fäden in der Pfote hatte und nicht ein dummes Schaf.

Er ist baff, dass er plötzlich von den Launen eines Schafes abhängig sein soll. Wenn das Schaf nicht pünktlich wieder da ist, bekommt er Ärger wegen grober Pflichtverletzung. Und wenn er das Schaf unter Druck setzt, verpfeift es ihn. Diese zwei Möglichkeiten ergäben für ihn eine beschämende Situation.

Also gibt der Hund klein bei und macht sich mit den Worten auf den Heimweg: “Na gut, ich will dir glauben. Irgendwie geschieht ja immer alles auf Gegenseitigkeit. Du bist pünktlich wieder da und ich hab’ nichts gesehen.”

Das Schaf blickt ihm schmunzelnd hinterher und denkt, Warte ab, Morgen kommt vielleicht schon deine nächste Lektion. Gegenseitigkeit! das ich nicht lache!

Es schaut sich nach weiterem interessantem Grünzeug um und setzt sein Knabbern fort.

(c) Irmgard Korf / Köln


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