Also, wenn man immer weiter geradeaus geht, immer immer weiter, wohin kommt man
dann?
Endlich hatte der Junge einmal Gelegenheit, seinen Vater auszufragen. Hier auf ihrer
Wanderung gab es keinen Schreibtisch und kein Telefon, und die Mutter war auch nicht mehr
da, nach einem Streit war sie weggelaufen vor zwei Tagen erst.
Immer geradeaus - da kommt man erst über eine Eisenbahnbrücke -
Nein, ich meine immer weiter, nicht hier, sondern ganz weit weg -
Ja, da kommt dann irgendwann ein Meer und dann wieder Land, ein ziemlich langes
Land -
Norwegen, ja ich weiß, aber noch weiter, so weit wie es nur geht -
Also paß auf: Die Erde ist ja rund, fast wie eine Kugel - hast DU Deinen Ball mit?
Nein, der liegt irgendwo in Deinem Zimmer - also ganz geradeaus geht es natürlich nicht
auf einer Kugel, das ist Dir doch klar.
Man kann aber doch trotzdem -
Ja, die Raketen können das, aber wir nicht, wir müssen schön auf der Erde
bleiben, ihre Anziehungskraft ist so stark, dass wir gar nicht anders können. Wir merken
nicht einmal, dass wir auf einer Kugel sind, das merken wir erst - na, was liegt denn hier
für ein Baumstamm mitten im Weg? Das muß der Sturm gewesen sein, schau mal die
ausgerissenen Wurzeln.
Der Anblick war beiden offenbar neu: Kahl, wenn auch zum Teil von Sand und Erde bedeckt,
ragten die Wurzeln heraus, die Unterseite des Baums lag halb in der Vertiefung, die sich
beim Sturz gebildet hatte. Dem Vater kam er hässlich vor, dieser nackte Abriß, er
gehörte einfach nicht hierher, und wer wusste schon, was für Tiere und Tierchen darin
herumliefen. Überhaupt die ganze Stelle, kein schöner Anblick, und irgendwie auch
gefährlich -
Komm, laß lieber die Hände davon weg, sagte er schnell, und der Junge, trotz
seiner Neugierde, tat im den Gefallen.
Auf einmal wurde dem Vater der Rucksack mit den Vesperbroten und den Getränkeflaschen zu
schwer, und so setzten sie sich auf den gestürzten Stamm, der Sohn bei den abgebrochenen
Ästen, der Vater an der hässlichen Bruchstelle. Ihre Blickrichtung war die, der sie
hatten folgen wollen.
Während von dem Vater ein Seufzer zu hören war, vielleicht der tiefste seines Lebens
überhaupt, kam der Junge von seinen Gedanken nicht weg. Aber wo kommt man dann an
bei einer Kugel, fragte er mit jener Eindringlichkeit, die ein unendliches
Weiterfragen verhieß.
Na, also darauf kommst Du selber, war die Antwort, von einem Gähnen
begleitet. Läßt DU mich jetzt ein bisschen in Ruhe, ich bin furchtbar müde.
Nachher gehen wir dann weiter, ja?
Das war wahr und doch auch wieder nicht wahr, denn trotz seiner Müdigkeit hätte der Vater kaum Schlaf finden können, es gab zu vieles, was in ihm arbeitete, und es war auch alles zu neu und zu fremd.
Der Junge war aufgestanden und bewegte sich zunächst langsam den Weg entlang, wie um dem Vater die Sorge zu nehmen, er entferne sich etwa zu weit. Dann aber überkam es ihn: Ich muß das ausprobieren, und so lief er immer schneller, dem unbekannten Ziel entgegen.
Die Stille, die den sitzenden Mann nun umgab, brachte eine Stimme hervor, die Stimme einer Frau, nicht zornig, aber voll tiefer Trauer:
Was weiß ich eigentlich von Dir, aus Deinem Leben, aus Deiner Tiefe? Die Frage nach Deinem Ursprung, nach Deiner Kindheit, danach, wer und wie DU warst, ist für Dich ein überflüssiger Luxus, ja, das hast DU oft gesagt. Du kommst mir manchmal vor wie, wie - ach ich finde keinen Ausdruck dafür. Nur eines weiß ich jetzt - sie sprach seinen Namen - ich möchte anders, ich möchte tiefer lieben als Du, ich hätte Dich gern gekannt, über den Alltag hinaus, mehr gehabt von Dir als - sie brach ab.
Das Unausgesprochene wuchs in ihm zu einem Wort über alle Worte hinaus.
War denn keine Verteidigung möglich? Gab es nicht Dinge, die er vorbringen konnte, hatte
er nicht dies und jenes getan, hatte er nicht gearbeitet von früh bis spät, nicht selten
über seine Kräfte hinaus? Was hatte ihn daran gehindert, eine Verteidigungsrede zu
halten? ER wusste es jetzt: ES war die Trauer seiner Frau. Zorn hätte einen Gegenzorn
hervorrufen können, aber die Trauer? Gegen die Trauer war nicht anzugehen oder
anzukommen.
Die sonne traf den Sitzenden mit ihrer Mittagskraft. Wenn doch dieser Baum noch
stünde, dachte er. ich würde mich gegen ihn lehnen und säße im
Schatten -
Er griff nach dem Rucksack und öffnete ihn. Das erste, was er dort fand, war sein
Terminkalender - warum in aller Welt hatte er ihn hierher mitgenommen? Kam er nicht mehr
ohne ihn aus, nicht einmal hier auf einer Wanderung, der ersten seit langer Zeit? Er
stopfte den Kalender mit hartem Griff tief zwischen die übrigen Gegenstände und hielt
dann die Wasserflasche endlich in der Hand. Das Wasser war lauwarm geworden, eine kalte
Quelle wäre besser gewesen. Ja, eine kalte, frische Quelle, wie es sie in den Bergen gab,
kühl und unsagbar frisch, frisch und voll unbedingten Lebens mit unmittelbar strömender
Kraft. aus solch einer Quelle hätte er jetzt trinken mögen. In den Bergen kam sie aus
der Tiefe, aber hier? Woher nahmen die Wurzeln ihre Kraft an diesem Baum? Flach mussten
sie wohl gewesen sein, jedenfalls nicht tief - ach dieser komische, nein, rätselhafte
irgendwie unheimliche Begriff, auch seine Frau hatte ihn ja gebraucht. Zu ihrem Haupt-wort
war er geworden, gewachsen in ihr wie nach einem natürlichen Gesetz, groß und nun auch
bedrohlich geworden für ihn, der an jenem Wachstum keinen Anteil hatte. War es denn
möglich: Genügte denn ein einziges Wort, ein einziger Begriff, um sich für immer
voneinander zu trennen?
Da kam ihm jener Streit in den Sinn, jener heftige Streit bei der Planung ihres Hauses.
Um einen Keller ging es, darum, ob er gemauert werden sollte oder nicht. Ich will
doch nicht alle Sachen in der Küche haben oder im Bad, und überhaupt, was ist denn ein
Haus ohne Keller? Ein halbes Haus ist es, unvollständig hatte seine Frau, gereizt
nach einem langen gehetzten Alltag, Ausgerufen. Was unvollständig, hatte er
zurückgerufen, der kostet eine Menge Geld, und es gibt Wandschränke für Deine
Sachen. Ich sehe überhaupt nicht ein, warum das unbedingt nötig ist. Wie hatte der
Streit geendet? Er, der Bau-Herr, hatte sich durchgesetzt, er hatte einfach gehandelt und
nicht weiter geredet oder gefragt. Schließlich war es modern, ohne Keller zu bauen, und
nicht nur wegen der Kosten. Vorräte brauchte man nicht mehr anzulegen, das war lange
vorbei, und für den Einkauf gab es ein Auto mit großem Kofferraum. Aber, dachte er
jetzt, ein Ende des Streits war das wohl nicht gewesen, nichts weiter vielmehr als eine
männlich-herrische Tat, etwa dem Fällen eines Baumes vergleichbar, geopfert dem
Interesse eines einzigen Menschen vielleicht -
Von Tiefe hatte seine Frau immer wider gesprochen, so als wäre das ein menschlicher
Begriff. Ein Mensch ist klein oder groß, schlank oder breit, das kann man messen. Aber
die Tiefe? Unmöglich,einfach nur, man muß es einmal ganz deutlich sagen, das Produkt von
Menschen, die die Romantik noch immer nicht hinter sich haben. Leben ist Augenblick, und
dazu noch höchste Präsenz, es gibt nur eine Zeit, die Grammatik mit den Vergangenheiten
kann abgeschafft werden, sie ist ohnehin überflüssig mit ihren vielen
Unregelmäßigkeiten. Starke und schwache Verben, darauf kommt es nicht an, es gibt nur
noch starke und schwache Menschen, und wollte man zu den Schwachen nicht zählen, so
musste man eben stark und präsent sein, präsent nach dem Lieblingswort seiner gesamten
menschlichen Umgebung, immer und ewig präsent. Krankheit ist verpönt, fast schon so
etwas wie ein anrüchiges Wort, man hat einfach gesund zu sein, ein Baum legt sich
schließlich auch nicht zum Schlafen, er steht da Morgen für Morgen und Tag für Tag.
Mein armer Baum, wer hat dich nur zum Stürzen gebracht, du hättest doch gern noch
weitere 50 Jahre gestanden. Zwei Hände legten sich um die Rinde, wie ein wärmender Trost
sich um eine Seele legen mag, wenn es so einen Trost denn überhaupt noch gibt vor lauter
Präsenz, vor lauter frischer,für alles und jedes gewappneter, gutgelaunter, frei
scheinender und doch versklavter Präsenz. Man hat sich eben verschrieben, einem Menschen
oder einem Ideal, wenn das überhaupt der richtige Begriff dafür ist. Nein, einem Ideal
verschreibt man sich nicht, man folgt ihm. Etwas anderes muß es noch geben neben dem
Ideal, vielleicht auch gegen das Ideal,eine lockende, zwingende, versklavende Kraft. Und
wenn man stürzt, so ist man eben nicht mehr stark genug, um ein Teil jener Kraft zu sein,
dann fällt man aus diesem Kraftfeld heraus und bleibt liegen, wo man eben liegt. Der
Strom derer, die sich verschrieben haben, wird nicht abreißen, auch das Heer der
römischen Sklaven war groß, unendlich groß.
Tiefe: Warum bekam er nur diesen Begriff nicht los? Das Wort hatte sich eingeschrieben
in seinen Verstand, immer wieder drang es hindurch, wie etwa eine Meldung auf einem
Rechner sich durchdrängt, man mag sie unterdrücken wie man will. Er hört das Wort, auch
wenn es schon seit Tagen nicht mehr gesagt wird, es hat sich eingemengt in sein Denken und
in sein Fühlen. Tiefer wollte sie ihn lieben, hatte sie gesagt - was war das nur für ein
Wort, Liebe und Tiefe, vollkommen neu, nie gehört, fremd auch, aber doch nicht feindlich,
anders fremd - als wäre er nie in eine, in diese Tiefe gestiegen - was würde denn dort
auf ihn warten? In den Kellern war es dunkel, man ging hinein, um etwas zu holen und bald
wider oben zu sein, kühle Getränke gab es dort, aber auch Stille und Gerümpel aus alter
Zeit, Vergessenes, unnütz Aufbewahrtes. Das Leben aber, das eigentliche Leben geschah
oben im Hellen, dort gab es Ordnung und Sicherheit, Verlässlichkeit auch im Wann und im
Wo. Und Liebe: Sie konnte sich doch nur auf Verlässliches, auf Greifbares richten, nicht
jedoch auf Dinge im Dunkeln, die sich entzogen. Tiefer lieben: Wo denn, wo lag diese
Tiefe? Hat auch ein Mensch, habe auch ich verschiedene Stockwerke, oben und unten? Und,
einmal angenommen, wie sähe dann eine Treppe nach unten aus?
Wäre sie steil, gar eine Leiter, gefährlich bei etwa fehlenden Sprossen, oder wäre sie
bequem, gar mit einem Teppich versehen? Nein, die Treppen zu den Kellern haben keinen
Teppich, sie sind schmal, und man stößt manchmal auf unerwartete Winkel. Waas würde
geschehen, wenn man vergessen hat, das Licht einzuschalten? -Er spürte jetzt, wie tief er
saß auf seinem Baumstamm, und wenn auch der volle Rucksack neben ihm stand, kam er sich
doch so schwer unt träge vor wie seit langem nicht mehr. Die Hetze der letzten Wochen und
Monate forderte wohl ihr Recht, und jenes Gespräch mit dem Abschied- - jetzt, ausgesetzt
dem Alleinsein, preisgegeben der brennenden Sonne, unbequem bis zum Schmerz in seiner
hallbliegenden Stellung, jetzt war es soweit: Ihm kamen die Tränen.
Wenn wir auf einer Kugel sind, muß ja irgendwann mal eine Kurve kommen. -
Der Junge, geführt und gezogen von seiner Idee, lief mitten im Wald. Nichts hielt ihn
auf, der Weg war breit und bequem. Es ging nach und nach auch ein wenig bergab, kaum
anders wahrzunehmen als im zunehmenden Tempo seiner Schritte. Dann auf einmal wurde der
Weg eng, man musste sich zwischen den Bäumen und dem Unterholz hindurchdrängen, bis, ja,
bis es nicht mehr weiterging. Ein Glück war es nur, dass es noch ein Geländer gab, bevor
es dann steil in die Tiefe ging. Der Schrecken war groß, der nahe Abgrund, so nahe, als
müsse er hinabstürzen ohne Rettung, nie hatte er dergleichen erlebt. Dann, die Hände
noch um das Geländer gekrampft, sah er sich doch um, und er entdeckte den schmalen Pfad
nach links. Erst führte er dicht am Abgrund entlang, und es war besser, nicht nach unten
zu sehen. Also gut, schnell geradeaus am Geländer entlang. Wie der Pfad verlief, ob er
etwa die Richtung wechselte, nahm er nicht war, denn er musste sich nun hindurchkämpfen
zwischen Bäumen und Gesträuch, sogar auf Dornen musste er achten. Jetzt eine
Machete, dachte und wünschte er, aber er musste sich mit Hand und Faust
zufriedengeben. Ohne laute Kampfrufe ging es freilich nicht ab, und wären Tiere in seiner
Nähe gewesen, sie wären sicherlich davongelaufen oder geflogen. Bevor noch seine
Kampfeslust in Müdigkeit umschlagen konnte, hatte er wieder den breiten Weg erreicht, er
war sicher, es war sein Weg von vorhin. Bald musste er wieder - ach du liebe Zeit, was
würde sein Vater sagen! Wie konnte man ihn ablenken, er war ohnehin so traurig in den
letzten Tagen. Eine scharfe Kurve nach links, jetzt hatte er die Idee: Wenn ich einen
Geist spiele, bin ich ja nicht ich, sondern der Geist, und wenn ich von hinten komme, muß
er bestimmt lachen. Ich muß mir noch einen Reim ausdenken, Geister reden ja immer in
Reimen.
Da war endlich der Baumstamm weit vor ihm, und es sah komisch aus, wie der Vater darauf
lag, wie geknickt. Eingeschlafen musste er sein, sonst hält man das doch nicht aus, so zu
liegen. Aber das war ja genau richtig und gut, so konnte man sich bis ganz dicht an sein
Ohr heranschleichen.
Der neugefundene Reim trug ihn leise, wie auf Geistesflügeln, an den Baumstamm heran.
Huh, ich bin da, der Geist von Papa, hauchte er in das freiliegende Ohr. Eigentlich hätte er jetzt lachen müssen, endlich lachen nach all dem Unbekannten, und natürlich sein Vater mit ihm, das ging doch nicht anders. Aber es kam nicht dazu, er spürte vielmehr, wie der Körper seines Vaters von einem Zucken durchschüttelt wurde und wie sich ein Stöhnen aus ihm hervorrang, ein ganz schreckliches, niemals gehörtes Stöhnen. Unwillkürlich richtete der Junge sich auf und wich sogar noch zurück. Es war alles so fremd, so furchtbar fremd! Da saß der Vater, den Kopf in den Händen, so sieht doch nur ein Verwundeter aus, wo ist nur die Wunde?
Endlich hörte es auf, dies seltsame und furchtbare Geschehen, und der Vater versuchte, sich aufzurichten. Er griff nach einem Halt, und eigentlich wäre der Junge der einzige Halt gewesen auf diesem öden Platz. So wurde es zu einer langen, unendlichen Mühe, bis der Vater zum Stehen kam, und der Junge erschrak wieder: So sieht nur ein alter Mann aus, ganz alt und schon fast -
Na, mein Junge, kam es dann aus dem Mund des Stehenden, und es klang so
liebevoll und so hilflos zugleich.
Komm, wir müssen zurück, es wird Zeit
Erst als sie dann wirklich einige Schritte gegangen waren, drehte sich der Vater um: Sag mal, wo warst DU denn die ganze Zeit?
Der Junge dachte über etwas nach, vielleicht so gründlich wie noch nie. Dann sagte er mit männlicher Stimme:
Wir machen einen Tausch, Vater.
Nanu, der Vater blieb stehen und sah auf seinen Sohn herab. Was denn für einen Tausch?
Ja: Ich sage Dir, wo ich war, und DU erzählst mir heute Abend von DIR, wie DU als Kind warst.
Der Vorschlag brauchte eine lange Zeit, um auf den Vater, den Partner des Tausches, zu wirken. Dann streckte der Vater ihm die Hand entgegen: Versprochen, sagte er, und noch einmal: Versprochen.
(c) Helmuth Zedlitz / Berlin
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