Warum nur mußte er ausgerechnet "Zwingler" heißen? Schon im Kindergarten, dann
in der Schule, beim Sport, überall, und eben auch jetzt bei der für ihn so wichtigen
Übersetzerprüfung war er wegen dieses Namens der letzte. Dahinter gab es ja kaum noch
einen halbwegs gängigen Namen im Alfabet, Zylinder zum Beispiel heißt ja wohl kaum
jemand. Und so war er denn auch der letzte in der mündlichen Einzelprüfung, für 16 Uhr
war sein Termin angesetzt.
Den ganzen Tag über war er schon sehr nervös, er hatte kaum etwas essen können, und so
saß er jetzt, um halb vier, schon im Vorraum und wartete darauf, endlich aufgerufen zu
werden. Aber statt dessen kam von draußen der Gerd Achenbach herein, der heute morgen um
acht Uhr als erster dran war. Er machte einen ziemlich miesen Eindruck, und ohne zu
grüßen fragte er den Horst Zwingler: "Ist die Beate Wellersdorf noch nicht fertig?
Ich soll sie nämlich abholen."
"Weiß ich nicht", sagte der Gefragte. "Wie ging es denn bei dir?"
Der Gerd, sonst eigentlich Star der Klasse, machte ein unzufriedenes Gesicht. "Weißt
du, was ein "goupillon" ist?" Horst Zwingler zuckte nur mit den Achseln.
"Nun, das ist ein Weih-Spreng-Wedel." Der andere schüttelte den Kopf. "Was
soll das denn sein?"
"Nun, wenn du als ehemaliger Ministrant es nicht weißt, wieso dann ich als
Protestant? Wie ich inzwischen erfahren habe, handelt es sich dabei um eine Art Bürste
mit Stiel zur Verteilung von Weihwasser."
"So was gibt es doch überhaupt nicht mehr."
Da ging die Tür zum Prüfraum auf, und heraus kam die Beate Wellersdorf, gefolgt von
einem der Prüfer.
"Sind Sie Horst Zwingler? Ja, dann kommen Sie mal gleich rein, vielleicht werden wir
dann etwas früher fertig."
Der gefragte nickte und folgte dem Frager, und dann bekam er auch gleich einen Stuhl
angewiesen und zwei Blätter auf den Tisch gelegt.
Der Vorsitzende der Prüfungskommission begrüßte Horst Zwingler mit den Worten:
"Wir haben hier zwei kleine Texte zur Übersetzung. Schauen Sie sich die mal kurz an,
und dann wollen wir sehen, daß wir bald fertig werden."
Horst überflog kurz das erste Blatt und übertrug den deutschen Text ziemlich zügig.
Doch bei dem französischen stutzte er: da war ja der besagte "goupillon". Er
konnte seine Erregung kaum verbergen. Doch auf einen Wink des linken Beisitzers fing er
auch gleich an, den Text ins Deutsche zu übertragen. Bis zu dem "schweren" Wort
"Goupillon". Er stockte, und da meinte der andere Beisitzer: "Sollen wir
dem Kandidaten nicht einen Hinweis hinsichtlich dieses immerhin recht ungebräuchlichen
Wortes geben?" Doch der Vorsitzende winkte ab und meinte: "Geben wir ruhig dem
Kandidaten eine Chance, vielleicht weiß er's ja!"
Horst Zwingler runzelte die Stirn, schloß die Augen und sagte, ganz leise fragend:
"Ist das ein Weih-Spreng-Wedel?"
Der Vorsitzende richtete sich triumphierend auf und sagte: "Sehen Sie, meine Herren,
wer was kann, der kennt auch ausgefallene Vokabeln. Ich denke, wir können dem Prüfling
eine zwei geben, oder sind Sie da anderer Ansicht?"
Die beiden schüttelten den Kopf und sagten laut und übereinstimmend: "Nein,
nein!"
Der Vorsitzende fuhr fort: "Dann dürfen wir Sie zu Ihrem Erfolg
beglückwünschen."
(c) Heinrich Thyron / Dormagen
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