Es war am Vormittag eines Sommertages. Wolkenlos, warm, aber noch nicht heiß. Ich stieg
einen steilen Pfad, aus dem Felsbrocken ragten, hinan und erreichte ein Plateau. Links sah
ich einen breiten, zerfurchten, sandigen, trockenen Fahrweg. Auf ihm ging ein Bekannter.
Ich rief ihm zu, dass wie doch rechts, am Waldrand entlang wollten und hörte, er käme
nach. Lange wanderte ich neben einem Buchenwald. Junge und sehr alte Bäume konnte ich
betrachten. Ihre silbergraue Rinde glänzte im Sonnenschein. Ringsum Stille. Nicht einmal
Vogelgezwitscher vernahm ich. Eine kräftige Birke ragte schräg über den Weg. Aus ihrem
Wurzelstock wuchs senkrecht eine mickrige. Eine Tonbandstimme erklärte, dass diese
sonderbare Wuchsform ohne menschliches Eingreifen entstand. Ein Stückchen entfernt
erblickte ich eine umgestürzte junge Birke. Ihr Laub war schon gelb. Ich spazierte einige
hundert Meter weiter. Der Wald hörte auf. An seinem Rand sah ich ein paar Häuser. Ich
glaubte am Ausgangspunkt meiner Wanderung angekommen zu sein. Ich ging zu dem Grundstück
mit dem weiten Hof und den ihn einschließenden Gebäuden. Erstaunt bemerkte ich, mich
geirrt zu haben. Wo war ich jetzt? Ein Ortseingangsschild oder einen Wegweiser konnte ich
nicht entdecken. Ich müsste jemanden fragen. Aber wen? Niemand war zu sehen. Nur ein Mann
mit seiner etwa zehnjährigen Tochter und ihrem sechsjährigen Bruder. das waren bestimmt
Urlauber, die zu fragen nicht lohnte. Kurz entschlossen folgte ich ihnen. Wir bogen von
der Straße ab und nutzten einen gepflegten Wanderweg. Rechterhand zog sich ein lang
gestreckter bewaldeter Bergrücken hin. Auf der linken Seite war er abschüssig. Der
Spaziergang erfreute mich. Ich überlegte, ob ich bis zum Mittagessen noch genug Zeit
hätte. Wie weit der Weg noch wäre, konnte ich nicht einschätzen. Ich brannte mir eine
Zigarette an. Von dem Jungen hörte ich, dass man im Wald nicht rauchen dürfe. Das war
mir bewusst, aber ich würde aufpassen. Der Weg machte eine scharfe Biegung nach rechts.
An dieser Stelle führte ein Trampelpfad zu einer großen Wiese und den sie begrenzenden
Wald. Vater und Kinder stiegen vorsichtig hinab. Ihnen zu folgen hätte für mich keinen
Sinn. Sie hatten sicherlich ein anderes Ziel als ich. Ich blieb auf dem herrlichen
Wanderweg. Später sah ich im Tal eine Straße. Hinunter konnte ich nicht. Wäre es
überhaupt sinnvoll? Käme ich auf ihr zu dem Objekt, zu dem ich wollte? Wohi8n wollte ich
eigentlich? Welchen Namen hatte es? Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich dort als Urlauber
oder als Betreuer in einem Kinderferienlager angereist war. Ich erinnerte mich nur an
vier, fünf barackenähnliche Gebäude und an viele Menschen, die ich dort gesehen hatte.
Man hatte mir auch von einem Badesee erzählt. Er wäre in der Nähe. Aber welchen Namen
trägt das Objekt? Wie sollte ich es finden? Selbst wenn mir jemand begegnete, könnte ich
nicht fragen, denn ich wusste doch selbst nicht, wohin ich wollte.
So etwas Verrücktes träumte ich in einer kalten Frühjahrsnacht.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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