Wenn ich mich nachts unruhig von einer Seite auf die andere wälze, gehen meine Gedanken
auf Wanderschaft und flößen mir die seltsamsten Ideen ein.
Hör mal, wir würden uns freuen, wenn du Bundespräsident oder wenigstens Minister
wirst., sagen mir einige Bekannte.
Wenn es aber keiner, außer euch, will? Was dann? entgegne ich.
Aber darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen. Wir rühren für dich
die Werbetrommel.
Wenn ihr meint, es hätte Sinn, dann los. Ihr aber tragt die Verantwortung, wenn es
schief geht.
Warum sollte es?
Was sagt ihr aber, wenn ich mir als Politiker so ganz nebenbei einen einträglichen
Job bei einem Unternehmen oder bei einer Bank suche und die Medien dann über mich
geifern?
Die beruhigen sich wieder. Aber wenn du in der DDR staatsnahe Funktionen hattest
oder wenn du sogar für die Stasi arbeitetest, fangen wir gar nicht erst an,
erklärte einer der Bekannten.
Aber das ist doch absurd, erwiderte ich. Ich war zwar 12 Jahre
Parteimitglied, habe aber, so wie Mielke es von sich behauptete, niemandem geschadet. Mir
könnt ihr es glauben. Ich trat aber aus der Partei aus, weil ich mit ihrer Politik nicht
mehr einverstanden war. Mit der Wirtschaft und der Versorgung der Bevölkerung ging es
doch immer weiter bergab.
Da hast du aber lange gebraucht, um das zu merken.
Ich gebe es ja zu. Aber wenn ich geahnt hätte, welche Folgen sich für mich ergeben
würden, wenn ich meinen Austritt erkläre, wäre ich wahrscheinlich drin geblieben. Aber,
so waren nun meine berufliche Karriere und damit jegliche Gehaltserhöhungen im Eimer. Von
der Liste der Auslandskader wurde ich gestrichen. Na ja, wenn das liebe wenn nicht
wär.
Aber warum wurdest du Genosse?
Das waren jugendlicher Leichtsinn und politische Unerfahrenheit. Aber wenn ich auf
Ältere gehört und wenn ich gewusst hätte, wie sich alles entwickelt, wäre mir vieles
erspart geblieben. Das lässt sich jetzt aber nicht mehr ändern. Doch aus Erfahrungen
lernt man. Auch wenn die jetzigen Parteien von großartigen Zielen und Strategien faseln,
kriegt mich keine überzeugt. Bei keiner werde ich eintreten. Aber wenn es eine
Sommerpartei gäbe, die im Frühjahr kommt und im Herbst verschwindet, würde
ich vielleicht wankelmütig. Aber ich glaube es nicht, denn ich habe meine eigenen
politischen Erfahrungen gesammelt und denen will ich trotz allem wenn und aber treu
bleiben. Wenn ihr aber glaubt, ich werfe sie über Bord, wenn ich Regierungsverantwortung
übernehme, dann seid ihr auf dem Holzweg. Desgleichen, wenn ihr denkt, ich könnte die
millionenfache Arbeitslosigkeit beseitigen. Von einer Eindämmung sprechen alle Parteien,
die gerade das sagen haben, aber keine erreicht es. Und da soll ich es schaffen? Aber nun
Schluss mit dem Palaver über wenn und aber.
Im Hintergrund höre ich leise singen: Wenn aber das Staatssäckel ein Loch hat . .
. Aber wenn ich daran denke, bin ich um den Schlaf gebracht.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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