Zur Mittagszeit traf Manfred in der Ochsenquelle, einem Ferienheim bei Wurzbach ein. Im Speiseraum saßen, von einigen Damen und Herren im vorgerückten Alter abgesehen, fast nur Familien mit schulpflichtigen Kindern. Nun wäre das Haus ja voll, begrüßte eine Frau den Ankömmling und sagte, sie sei Frau Lehmann, die Küchenchefin. Dann wies sie auf den freien Stuhl in der Ecke. Manfred stellte sich den Tischgenossen, anscheinend ein älteres Ehepaar mit Tochter, vor. Das Mädchen, dessen straff sitzender Pulli Manfreds Blicke auf sich zog, lächelte ihn an. Schlank, schwarzlockig, nicht mehr Kind, aber noch nicht Frau, stellte er fest.
Das Essen wurde serviert, und Manfred erkundigte sich, wo er einen Film kaufen könne, worauf das Mädchen anbot: Ich kann es Ihnen zeigen. Nachher wollte ich sowieso nach Wurzbach.
Unterwegs äußerte Manfreds Begleiterin: Hoffentlich falle ich Ihnen nicht auf
den Wecker, aber ich bin so froh, dass Sie gekommen sind. Ich befürchtete schon, alleine
wandern zu müssen, denn die anderen sind mir zu alt.
Ihre Eltern? wollte Manfred wissen.
Denken Sie an unsere Tischnachbarn? Gott bewahre!
Na, na, und wie heißen Sie?
Haha, so rufen mich meine Freundinnen, Hanna Hampel.
Eine ulkige Nudel sind Sie, Fräulein Haha. Aus welcher Ecke von Mecklenburg kommen
Sie? Von der Küste nicht, das merke ich.
Staunend blickte das Mädchen auf: Aus Dömitz.
Dort möchte ich auch einmal hin und mir ansehen, wo Reuter seine
Festungstid verbrachte.
Hanna schwieg. Erst nach Minuten sprach sie, wobei ihre Stimme bedrückt klang: Es
geht nicht. Dort ist Sperrgebiet.
Na und?
Ach, Herr Mautke, lassen Sie uns von angenehmerem reden.
Der Nachmittag war schnell vergangen. Nach dem Abendessen saßen Hanna und Manfred
abseits vom Trubel der Urlauberfamilien und berieten über Wanderziele.
Hatte Manfred anfangs in Fräulein Haha nur eine attraktive Begleiterin gesehen, so
fühlte er sich jetzt auch durch ihr Wesen immer stärker angezogen. Hanna plauderte
anregend über Bücher und Filme, erzählte von ihren Eltern, die in Dömitz eine Glaserei
besaßen und von den Behörden scheel angesehen würden und sprach auch über ihre Arbeit
als Laborantin in der Papierfabrik in Neu Kaliß. Das interessierte Manfred besonders,
denn er war Student an einer Ingenieurschule für Papiertechnik.
Knapp eine Woche war schon vergangen, als Manfred seine Wanderkarte studierte. Die
Weggefährtin trat neben ihn: Die ist aber alt! Da ist ja gar keine Grenze
eingezeichnet.
Fräulein Hanna, das macht nichts. Es werden Schilder stehen, so dass wir nicht aus
Versehen in der BRD landen. Aber auf der Karte sind selbst die kleinsten Wanderwege drauf.
Sehen Sie mal, dort ist ein Aussichtsturm. Wollen wir dahin?
Klar, Herr Mautke.
Am nächsten Morgen brachen die Wanderer auf. Der Weg war kaum benutzt. Urplötzlich
sahen sie den Turm vor sich. Von einer Tür waren nur noch spärliche Reste zu erkennen.
Im Turminneren schüttelte sich das Mädchen: Igittigitt, hier ist doch alles voller
Spinnweben und Vogelkot, und bei der Leiter fehlen viele Sprossen. Da können wir nicht
rauf. Schade.
Manfred überlegte laut: Wenn ich mich bis auf die Turnhose ausziehe, müsste es
gehen.
Sie können das, aber ich kann doch nicht im Unterrock hochklettern.
Warum nicht? schmunzelte Manfred. Was nun? Er wollte Hanna nicht alleine auf
der menschenleeren Lichtung zurücklassen. Aber Hanna drängte ihn: Nun machen Sie
schon. Ich passe auf Ihre Sachen auf, und Sie berichten mir dann, was Sie alles sehen
konnten.
Die Kletterei ging besser als erwartet, und bald darauf stand Manfred auf der Plattform. Er blickte weit hinaus ins Thüringer und ins Bayrische Land. In der Ferne entdeckte er Berge. Wie könnten sie heißen? Schade, dass er seine Landkarte nicht mit hinauf genommen hatte. Er prägte sich die Himmelsrichtung ein, um unten nachschauen zu können. Reichlich dreiviertel seines Rundganges auf dem Turm lagen schon hinter Manfred, als Hanna wieder im Blickfeld auftauchte, und er sah, wie sie heftig gestikulierend ihm etwas zurief. Manfred ging drei Schritte weiter und entdeckte nun ein Krad mit zwei Grenzsoldaten, die anscheinend auf Hanna einsprachen. Was ging da vor? Unruhe ergriff Manfred. Rasch begann er den Abstieg und bekam jetzt mit den ungleichen Sprossenabständen Schwierigkeiten. Die dicken Turmwände schluckte alle von draußen eindringenden Laute und warfen als leises Echo Manfreds unanständigen Ausdrücke zurück, die er von sich gab, wenn er ins Leere trat oder ausrutschte und sich dadurch die Schienbeine abschürfte. Trotzdem trieb er sich zu größter Eile an.
Kaum war der Turmbesteiger ins Freie getreten, als Hanna auf ihn zustürzte, die Arme
um seinen Nacken schlang und ihren Kopf an seine Brust sinken ließ. Unter Schluchzen
brach es aus ihr heraus: Die, die
, die wollen mich
, Manfred, die
wollen dich
, mich, die
Einer der Grenzposten trat auf Manfred zu: Was wollen Sie hier im Grenzgebiet? Ihren
Ausweis!
Der Angesprochene war so erregt, dass er unwillkürlich in seinen Kindheitsjargon
verfiel: Mein Jott, ick hab mich die Jejend anjesehen. Is det etwa vaboten? Denn
hätten Se Schilda herstellen müssen, det wer nich herdürfn. Wozu ham wa denn
nen Schein
.
Quatschen Sie nicht. Ihre Papiere, aber bisschen dalli!
Behutsam löste sich Manfred aus Hannas Umarmung und zeigte dem Grenzer Personalausweis
und Sperrgebietsgenehmigung. Als der Posten die Personalien notiert hatte, ordnete er an:
In spätestens zwanzig Minuten sind Sie beide in unserem Stützpunkt. Dort werden
wir uns näher mit Ihnen befassen, und denken Sie nicht, Sie könnten einfach abhauen. Wir
würden Sie schon finden. Das Motorrad heulte kurz auf und ließ die Ausflügler in
eine Qualmwolke eingehüllt zurück. Hanna weinte nur noch leise. Lass mich nie mehr
allein, bitte, bitte.
Hanna, ich bleibe bei dir.
Nach Minuten flüsterte das Mädchen: Verzeihen Sie, Herr Mautke, aber ich konnte
nicht anders.
Nun bleib mal schön beim du und erzähle, was passiert ist.
Mit langen Pausen berichtete Hanna.
Die spinnen wohl brauste Manfred auf.
Ach, Manfred, du kennst das Sperrgebiet nicht.
Als Hanna sich beruhigt hatte, gingen sie zum befohlenen Ort. Dort musste sich Manfred
sehr beherrschen, als er fragte: Wozu haben wir von unserem Heimatkreis die
Genehmigung zum Betreten der 5-km- und auch der 500m-Zone? Der Unteroffizier warf
einen kurzen Blick darauf und entgegnete scharf: Der Wisch interessiert uns nicht.
Ihr Kreis hat gar kein Recht dazu. Erwischen wir Sie noch mal im 500-m-Streifen, werden
Sie festgesetzt, und nun verschwinden Sie!
Bedrückt trottete Hanna neben Manfred her. Als sie aus dem Sperrgebiet heraus waren,
setzten sie sich auf eine Bank, und Manfred berichtete: Im Sommer 1950 fuhr ich mit
meinem Vater zur Garbe, Schnakenburg, eine Kleinstadt in der BRD, liegt in der
Nähe. Mein Vater wollte mir zeigen, wo er aufwuchs. Damals stand ich unmittelbar an der
Grenze, war vielleicht sogar schon auf westdeutschem Gebiet, und niemand störte das. In
den Jahren danach fuhr ich mit dem Rad auch in viele Dörfer, die direkt an der Grenze
liegen. Ich wollte meine Heimat kennen lernen. Ende Mai 1952 las ich von der Einrichtung
einer 5 km breiten Sperrzone an der Grenze zur BRD. Aber Verbotsschilder oder gar Posten
sah ich nie. Auch nach dem Dezember 1955, als Bewaffnete die Bewachung der Grenze
übernommen hatten, konnte ich in diese Nester. Vielleicht hatte ich Glück, dass ich
nicht erwischt wurde, oder man passte noch nicht so auf, wie die hier. Jedenfalls kam ich
hin, wohin ich wollte. Aber leider nicht nach Dömitz. das war mir zu weit. Hätte ich
gewusst, dass dort ein gewisses Mädchen mit schwarzen Locken lebt, wäre ich bestimmt
hingeradelt.
Ein Lächeln überflog Hannas Gesicht. Du Schelm, dort hätten sie dich bestimmt
weggefangen und außerdem, damals hättest du mich überhaupt nicht beachtet. Ich war doch
höchstens fünfzehn und du schon neunzehn.
Aber Hanna, ich hätte dich sogar geküsst.
Und warum tust du es jetzt nicht?
Weil ich schüchtern bin.
Amüsiert lachte sie: Feigling.
Sie umschlangen sich.
Unvorstellbar, dass wir uns trennen müssen., seufzte Manfred.
Schweig. Küss mich lieber.
Wenn ich Semesterferien habe, komme ich nach Dömitz, um dich immer wieder in den
Arm zu nehmen.
Hannas Lippen schlossen seinen Mund. Das wäre schön. Traurigkeit schwang in
ihrer Stimme mit, als sie fortfuhr: Es geht nicht. Ich lebe wie ein Vogel im Bauer.
das ganze Sperrgebiet ist wie ein einziger Käfig. Aber die Gitterstäbe siehst du nicht.
Nur Verwandte dürfen mich besuchen und brauchen dazu auch eine Genehmigung, und wer der
Polizei nicht in den Kram passt, kriegt keine.
Manfred wollte das Mädchen wieder an sich ziehen, aber es wehrte ab: Bitte nicht.
Ich bin nicht mehr in der Stimmung, weil ich an zu Hause denke.
Sachte strich Manfred ihr über das Haar. Kannst du ein Jahr auf mich warten? Dann bin ich
mit dem Studium fertig und könnte in der Papierfabrik anfangen.
Wenn dus schaffst, dorthin zu kommen, wäre ich glücklich.
Aus der Ferne hörten sie eine Turmuhr schlagen und blickten sich erschrocken an, denn
vor einer halben Stunde hätten sie zum Abendessen im Heim sein müssen. Los,
Dauerlauf! ordnete Hanna an. Keuchend trafen sie in der Ochsenquelle
ein. der Speiseraum war leer. Pech gehabt stöhnte Manfred laut.
In diesem Moment erblickte die Küchenchefin die beiden. Da sind Sie ja. Kleinen
Moment, das Wissen ist gleich warm. Für ein Liebespaar macht man, was man kann. Nun
werden Sie nicht gleich rot. Ich war doch auch mal jung.
Während Hanna und Manfred aßen, erzählte Frau Lehmann, ohne eine Pause einzulegen, aus
ihrem Leben und meinte zum Schluss: Hoffentlich bleibt Ihnen soviel Kummer und Leid
wie ich erlebte, erspart und jetzt, husch, raus mit Ihnen. Genießen Sie noch die
Abendstunden.
Unaufhaltsam rückte die Stunde des Abschieds von der Ochsenquelle heran, und
dann saßen Hanna und Manfred aneinander geschmiegt viele Stunden in der Bahn. In
Wittenberge musste er sich losreißen. Ein letzter Kuss, das Versprechen, immer fleißig
zu schreiben, und kurz darauf konnte Manfred nur noch dem Zug hinterher winken
Im Frühjahr konnte Manfred Hanna mitteilen: Am 1.August fange ich in Neu Kaliß an. In Gedanken malte er sich aus, wie überrascht sie sein wird, wenn er eher vor ihr stehe. Sie meinte zwar immer wieder, ohne Einreiseerlaubnis könne er nicht zu ihr kommen, aber er wollte es doch versuchen.
Am letzten Junisonntag 1960 ging Manfred mit banger Erwartung und gleichzeitig
zuversichtlich hinter den wenigen Reisenden, die mit ihm in Dömitz angekommen waren, ins
Bahnhofsgebäude. Die Fahrgäste nickten einem etwa dreißigjährigem freundlich
lächelndem Mann in der Uniform der Grenzsoldaten zu und waren bald darauf aus Manfreds
Blickfeld verschwunden.
Junger Mann, wo wollen Sie denn hin? erkundigte sich der Grenzposten.
Ich möchte meine Braut besuchen. Könnten Sie mir bitte sagen, wie ich zur
Elbstraße finde?
So, so. Ihre Braut. Wer ist es denn, wenn ich mal neugierig sein darf?
Fräulein Hampel, Hanna Hampel.
Ach, die Hanna. Ein prima Mädel. Hampels sind Nachbarn von mir, müssen Sie wissen.
Anständige Leute, und ihre Glaserei geht gut. Der Herrmann, Hannas Vater, schimpft zwar
manchmal, weil er nicht genug Glas bekommt. Aber wer schimpft heutzutage nicht? Also Sie
sind Hannas Freund. Sie wird Augen machen, dass Sie kommen. Dann zeigen Sie mal ihre
Einreiseerlaubnis.
Kleinlaut gestand Manfred, dass er keine habe.
Ai - jai - jai, ist das ein Mist. Ohne darf ich Sie nicht durchlassen. Ich könnte
in Teufels Küche kommen. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als zurück zu fahren. In
zehn Minuten geht der Zug. So ein Mist aber auch. Hätte ich heute bis Mittag Dienst,
würde ich bei Hampels anrufen und Hanna herkommen lassen. Aber das klappt nicht. Mein
Ablöser ist ein ganz Scharfer. Bei dem kriegten Sie Ärger und ich auch. Verpassen Sie
den Zug nicht! Soll ich Hanna von Ihnen grüßen?
Manfred nickte und ging wortlos zum Bahnsteig.
Unzufrieden mit sich und der Welt schrieb Manfred zu Hause seinem Mädchen von der
missglückten Überraschung und bat es, am nächsten Sonntag nach Neu Kaliß zu kommen,
weil er nur bis dorthin dürfe. In den Abendstunden des Dienstags klingelte ein Bote bei
seinen Eltern: Ein Telegramm für Manfred Mautke. Beunruhigt öffnete er es.
dann fiel er vor Freude seiner Mutter um den Hals. Lies, Mutti.
erwarte dich Sonntag 9.12 uhr in lulu - dein hannchen
Wie üblich hatte der Schnellzug Verspätung. Zwanzig kostbare Minuten. Suchend blickte Manfred den Bahnsteig entlang, aber Hanna hatte ihn schon an der Abteiltür stehen sehen und flog auf ihn zu: Endlich hab ich dich wieder! Komm mit in den Schlosspark. Dort kenne ich aus meiner Oberschulzeit eine Parkbank, wo wir ungestört bleiben.
Auch die anderen Julisonntage verbrachten sie hier, und im August begann Manfred als Laborleiter in der Papierfabrik. Nun sah er sein Mädchen fast jeden Tag. Hatte Hanna Frühschicht, blieb sie meistens bei ihm und wartete, bis auch er Feierabend hatte. Dann suchten sie sich einen Flecken, wo sie alleine waren. Aber immer mussten sie darauf achten, dass Hanna vor Beginn der nächtlichen Sperrstunden heimfuhr, denn die Kontrolleure des Sperrgebietes waren unerbittlich.
Die Sonntage hätte Manfred gern in Dömitz verbracht, aber sowohl seinen, als auch Hannas Antrag auf Einreiseerlaubnis ins Sperrgebiet lehnten die Behörden ohne Begründung ab.
Über ein Jahr lebte Manfred nun schon in Neu Kaliß, als Hanna meinte, diesmal würde es bestimmt klappen. Ihre große Schwester würde in zwei Monaten heiraten und lade Manfred, den zukünftigen Schwager, dazu ein. Den unentbehrlichen Antrag dafür habe sie bereits gestellt. Hanna flüsterte Manfred ins Ohr: An dem Tag werden wir uns verloben.
Drei Wochen danach gab Hanna Manfred weinend ein Schreiben: Im Interesse von Ruhe und Ordnung im Sperrgebiet müssen wir Ihren Antrag auf Einreisegenehmigung für Herrn Mautke ablehnen. Bitte haben Sie Verständnis für diese Entscheidung. Mit sozialistischem Gruß
Was nun? Ob sie in der Ochsenquelle Verlobung feiern könnten? Sie
brauchten nicht lange auf Antwort warten. Lasst den Kopf nicht hängen. Mutter
Lehmann wird es schon einrichten.
Die gute. Aber man wird uns auch diese Freude nehmen, vermutete Hanna.
Der März 1962 brachte die ersten warmen Tage.
Schade, dass Hanna wieder Spätschicht hat, dachte Manfred, blickte auf die
Uhr, und wunderte sich, dass das Mädchen noch nicht da war. Hanna erschien nicht zur
Arbeit. So etwas war noch nie vorgekommen. Krank konnte sie nicht sein, denn gestern klang
noch ihr Lachen durch den Betrieb. Manfred wählte die Telefonnummer von Hampels Glaserei.
Niemand meldete sich. Er versuchte es am nächsten und übernächsten Tag. Vergeblich. Das
Telefon war taub, und kein Lebenszeichen kam von seiner Hanna. Besorgt erkundigte sich
Manfred im Lohnbüro, ob eine Krankmeldung eingetroffen war. Nichts. Er schrieb nach
Dömitz und wartete ungeduldig auf Antwort. Die kam nicht, aber sein Brief mit dem
Postvermerk: Empfänger verzogen. Neue Anschrift unbekannt.
Ungläubig, verständnislos legte Manfred den Brief hin und stutzte im gleichen
Augenblick. Sorgfältig untersuchte er den Umschlag. Das Kuvert war geöffnet worden. Wer
konnte Interesse daran haben? Manfred überlegte, was er machen könnte. Er ging zur
Kaderleiterin. Vielleicht wusste sie etwas. Von ihr erfuhr er, dass aus dem Sperrgebiet
mehrere Familien ausgesiedelt wurden, aber warum und wohin wisse sie noch nicht, und sie
dürfe sicher keine Auskunft geben, wenn ihr die entsprechenden Informationen vorliegen
werden.
Niedergeschlagen ging Manfred aus dem Raum. Sollten Hannas Befürchtungen Wirklichkeit
werden?
Trübsinnig, lustlos schlich Manfred nun Tag für Tag durch den Betrieb. Zu vieles
erinnerte an Hanna. Endlich war wieder Samstag, und Manfred konnte entfliehen. Die Mutter
übergab ihm einen Brief. An der Schrift erkannte Manfred sofort, dass er von Hanna kam.
Ungeduldig riss er den Umschlag auf und las:
Mein Liebster, verzeihe mir, dass ich es wage, Dir zu schreiben, denn ich bin
eine Verbrecherin, eine Verstoßene, oder was weiß ich. Ich weiß nur, dass ich
todunglücklich bin.
Im März, ich schlief noch, als um sechs Uhr an unserer Haustür getrommelt wurde. Auf der
Straße standen ein LKW und Grenzsoldaten. Ein Offizier befahl uns, sofort zu packen, denn
innerhalb von zwölf Stunden müssten wir Dömitz verlassen. Mein Vater fragte,
Warum? Der Offizier schnarrte bloß: Das weiß ich nicht, geht mich auch
nichts an. Es ist ein Befehl für mich. Meine Mutter und ich, wir heulten um die
Wette, aber das interessierte den Offizier auch nicht. Nachbarn wollten uns helfen, aber
sie durften nicht ins Haus, und wir nur bis zum LKW. Abends um fünf waren wir fertig,
körperlich und seelisch. Wir wollten zu Verwandten gehen, um uns zu verabschieden, aber
auch das wurde uns untersagt. Nicht mal ans Telefon durften wir. Kurz vor achtzehn Uhr
traf ein Bus vor unserem Haus ein. Einige Familien, die meisten kannten wir, saßen schon
darin. Meine Mutter wandte sich an die ihr am nächsten sitzende und sagte nur: Sie
auch? Sofort hakte ein mitfahrender Offizier ein: Ruhe! Keine
Unterhaltung! Es stiegen noch einige ein. Der Bus war bis auf den letzten Platz
besetzt, und dann fuhren wir stundenlang, ohne zu wissen, wohin. In der Nacht kamen wir in
einem Lager an.
Auf alle unsere Briefe kam keine Antwort. Den anderen erging es ebenso. Auch von ihnen
wusste niemand, warum sie aus Dömitz fortgebracht wurden und warum ihre Post
unbeantwortet blieb.
Allmählich leerte sich das Lager. Nach sechs Wochen bekamen wir eine winzige Wohnung in
einem Dorf, weit ab von jeder Grenze. Den Absender auf diesem Brief habe ich erfunden. Sei
mir nicht böse, mein Liebster, wenn ich so handle, aber ich habe Angst um Dich, dass die
vielleicht auch noch dir schaden könnten. Wir können nämlich immer wieder feststellen,
dass unsere Post kontrolliert wird, und vor einigen Tagen hörte ich zufällig, wie der
Bürgermeister den Hauswirt fragte, wie wir uns verhalten, denn er müsse wieder Meldung
machen.
Meine Schwester hat seit dem März Schwierigkeiten, wenn sie unsere Verwandten in Dömitz
besuchen will. Ihr jetziger Wohnort liegt zwar auch im Sperrgebiet, aber in einem anderen
Kreis. Deshalb muss sie jetzt jedes Mal einen Einreiseantrag stellen.
Ich habe dir jetzt genug Trübsal vorgejammert. Wenn ich ein freies Vöglein wär, flöge
ich zu dir, doch ich muss dich vergessen. Meine Flügel wurden zu sehr gestutzt. Dein Dich
immer noch liebendes Hannchen.
PS: Schreibe bitte der lieben Frau Lehmann, dass wir nie mehr kommen können. Schreib ihr
aber nicht die Wahrheit über das, was mir angetan wurde. Hanna.
Fassungslos ließ Manfred die Blätter fallen und rannte aus dem Zimmer. Niemand sollte sehen, wie er hemmungslos weinte. Nur allmählich konnte er wieder klare Gedanken fassen. Hanna hatte ihn nicht vergessen, und er sollte sich damit abfinden, dass sie von ihm fortgerissen wurde? Niemals! Aber wie könnte er herausbekommen, wo sie lebendig begraben wurde? Die Polizei einschalten? Würde die helfen? Ihm fiel ein, Hanna schrieb von der Überwachung. Die Polizei musste also aus dem Spiel bleiben.
Manfred fand keine Ruhe. Er musste Hannas Adresse erfahren! Zu mitternächtlicher Stunde schrieb er an Hannas Schwester. Nur sie könnte helfen. In gelöster Stimmung fuhr Manfred Montag wieder nach Neu Kaliß. Er hatte es sich am Schreibtisch gerade bequem gemacht und sann nach, welche Tätigkeit er in dem Nest, wo Hanna steckte, ausüben könnte, denn eine Papierfabrik würde es dort kaum geben. Aber er wollte bei seinem Mädchen sein. Das Telefon riss ihn aus seiner Grübelei. Die Kaderleiterin bat ihn zu sich. Was die wohl wollte?
Kollege Mautke, ich muss mit Ihnen sprechen wegen der ehemaligen Kollegin Hampel.
Ich möchte Sie darüber informieren, dass es besser ist, wenn sie jegliche Versuche zur
Kontaktaufnahme unterlassen, denn die Familie Hampel ist als politisch unzuverlässig
anzusehen und wurde aus diesem Grund aus dem Sperrgebiet entfernt.
Meine Hanna soll gegen die Republik sein? Das glauben Sie doch selber nicht!
Das habe ich auch nicht behauptet und steht auch gar nicht zur Diskussion. Ich kann
Sie nur den Rat geben, beherzigen Sie meine Worte und denken Sie daran, dass Sie auf
Kosten des Staates studierten. Mehr wollte ich Ihnen nicht sagen. Auf Wiedersehen.
Demonstrativ legte sie die Akten vor sich hin. Grußlos, wie betäubt, ging Manfred
hinaus.
Rutsch mir den Buckel runter, knurrte er vor sich hin. Ich suche doch
nach meiner Hanna. Als er Dienstagabend in sein Zimmer ging, lag Post für ihn da.
Es war sein Brief an Hannas Schwester, und auch er trug einen Postvermerk: Empfänger
unbekannt.
Empfänger unbekannt? Wieso? ging es Manfred durch den Kopf, und im gleichen
Augenblick fiel ihm ein: Ich Esel! Sie ist doch verheiratet.
Wieder ging Manfred zur Kaderleiterin: Ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel:
Den neuen Familiennamen suche ich Ihnen heraus.
Manfreds Arbeitstag war noch nicht zu Ende, trotzdem setzte er sich sofort hin, um Hannas
Schwester erneut zu schreiben. Und wieder begann das Warten, Warten, Warten, Tag um Tag.
Manfred hielt es nicht mehr aus. Er nahm einen Tag Urlaub, um beim Volkspolizeikreisamt
einen Antrag auf Einreiseerlaubnis zur zukünftigen Schwägerin zu stellen. Einem
freundlichen, verständnisvollen Polizisten konnte er sein Anliegen vortragen.
Ausnahmsweise, damit Manfred nicht noch einmal die Fahrerei hätte, wolle er sich heute
noch damit befassen, aber vier bis sechs Stunden brauche er sicherlich, denn er müsse
sich telefonisch erkundigen, ob der andere Kreis die Genehmigung erteile.
Manfred musste die Zeit totschlagen. Rastlos wanderte er zwischen Hoffnung auf Erfolg und
Zweifel schwankend, durch die Straßen von Ludwigslust und saß dann auf der
verschwiegenen Bank im Schlosspark. Bilder der Erinnerung an die mit Hanna verbrachten
Stunden tauchten auf. Wird es wieder so werden? Irgendwo in der DDR?
Nun war Manfred erneut beim Polizisten. Es tut mir leid, Herr Mautke.
Warum die Ablehnung?
Ich kann es Ihnen nicht sagen. Versuchen Sie es in einem Vierteljahr noch mal.
Vielleicht haben Sie dann Glück
Woche um Woche verging. Manfred bekam Post. Die Schrift war ihm unbekannt und kein Absender vermerkt. Der Poststempel unleserlich. Nur wenige Zeilen hatte Manfred zu lesen:
Sehr geehrter Herr Mautke! Durch meine ältere Tochter erfuhr ich von ihrem Wunsch, Hannas Adresse zu bekommen. Seien sie bitte nicht enttäuscht, wenn ich sie Ihnen nicht mitteile, aber unsere Hanna hat durch das Erlebte einen schweren Schock erlitten, und es ist besser, wenn sie alles vergisst. Wenn Sie Hanna auch nur ein klein wenig lieben, müssen Sie mich verstehen und meine Bitte beherzigen. Mit freundlichen Grüßen, unbekannterweise, . H. Hampel
Am liebsten hätte Manfred seinen Kummer, seine Wut über das Sperrgebiet herausgebrüllt. Aber hätte das Sinn? Er gab sich geschlagen und schwieg, wie so viele in der Republik schweigend das Unrecht duldeten.
Am nächsten Tag bat Manfred um seine Versetzung. Weit fort von Neu Kaliß wollte er. Sein Wunsch wurde erfüllt.
Wieder kam er in die Nähe einer Grenze, aber diesmal einer freundlichen. Er durfte an ihr entlang wandern, sie auch überschreiten.
Jenseits dieser Grenze sprechen die Menschen tschechisch.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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