Manfred und Uwe reisten 1965 mit Jugendtourist in die Sowjetunion. Von Berlin fuhren sie
im Schlafwagen mit Vierbettabteilen nach Moskau. In einem für die Weltfestspiele
errichteten Haus in Ostankino wohnten sie, besichtigten ausgiebig die nahe liegende
Allunionsausstellung, am anderen Tag den Kreml und bummelten durch das GUM. Ein
Vorbeimarsch an Lenin durfte selbstverständlich nicht fehlen. Bei den Grabstellen
bedeutender Sowjetmenschen an der Kremlmauer wunderten sich Manfred und Uwe, weil bei
Stalins Grab keine Büste stand. Es war dadurch sehr auffällig. Eine Stadtrundfahrt
gehörte sowohl in Moskau, als auch in Jerewan und Sotschi, den weiteren Reisezielen, zum
Programm. Eine junge Russin betreute uns als Dolmetscherin bei der gesamten Reise. Am
dritten Tag flog die Gruppe spätabends nach Jerewan.
Dort wurden die Mädchen und Jungen in einem Intouristheim in getrennten Schlafsälen
untergebracht. Auch die mitreisenden Ehepaare mussten getrennt schlafen. Im Zug nach
Moskau achtete niemand auf eine Geschlechtertrennung. Als Liegestatt bekam in Jerewan
jeder einen Strohsack. Es waren die einzigsten Einrichtungsgegenstände im Zimmer. Das
Heim lag am Rande von Jerewan. Mit einem Bus konnte man ins Zentrum fahren. Eine
Haltestelle gab es nur am Anfang und am Ende der Linie. Wer mitfahren wollte, stellte sich
unterwegs an den Straßenrand und winkte. Die Fahrgäste legten dann ihre Kopeken auf ein
Brett beim Fahrer. Wer aussteigen wollte, rief es dem Fahrer zu oder klopfte auf das
Brett. Bei den Geschäften und öffentlichen Gebäuden waren immer zweisprachige
Bezeichnungen, kyrillische Buchstaben und armenische Keilschriftzeichen zu sehen. Bei der
Stadtrundfahrt hörten wir drei Sprachen. Der Stadtführer erklärte in Armenisch, ein
Mann übersetzte ins Russische und die Russin ins Deutsche. Auf einen Marmorsockel zeigend
sagte der Armenier, dort habe Stalin gestanden, aber der sei hinunter gegangen worden. Bei
unserem Stadtbummel spendierte uns ein Einheimischer Melone. Mit Gebärden verständigten
wir uns. Obwohl in Jerewan die Quecksilbersäule 40 Grad anzeigte, verspürten wir kaum
Durst. Es war trockene Hitze und es gab zahlreiche Trinkwasserspender. Die Parkanlagen in
der Stadt waren gut gepflegt und zeigten saftiges Grün. Im Gegensatz dazu sahen wir bei
Ausflügen nur von der Sonne verbranntes Gras. Eine Fahrt führte uns zu einem ehemaligen
Kloster, dessen Räume aus Felsen herausgebrochen waren. Eine kleine Gruppe Russen machte
dort unter Bäumen Rast. Sie boten uns Oliven an, auf die wir verzichteten, denn diese
Frucht war uns unbekannt. Aber die Pappbecher mit Bier, das sie aus Kanistern eingossen,
nahmen wir gern in Empfang. Der Bus brachte uns dann zu einer großen Wallfahrtskirche. An
einem ihrer Eingänge stand ein angebundenes Schaf. Es war verletzt worden, damit sich die
Gläubigen mit dem Blut betupfen konnten. Der armenische Reisebetreuer erklärte uns, das
Schaf würde nach dem Gottesdienst und religiösen Zeremonien geschlachtet und gekocht.
Während wir noch vor der Kirche standen, fuhr ein Wolga vor und brachte ein weiteres
Opferlamm. In der Kirche beobachtete Manfred ein junges Mädchen. Es rutschte auf Knien
zwei Meter bis zu einem dort liegenden Kruzifix, betete an dessen Ende, küsste die Füße
der Jesusfigur und betete erneut. Dieser Vorgang erfolgte dreimal nacheinander. Ein altes
Mütterchen ging von Säule zu Säule, murmelte jedes Mal ein Gebet und küsste die
Säulen. Bei dem Gottesdienst sangen drei Priester gleichzeitig, aber unterschiedliche
Psalmen.
An einem anderen Tag fuhren wir ein großes Stück um den Sewan-See. Wir erfuhren, dass sein Wasserspiegel von Jahr zu Jahr sinkt. Dort, wo wir Rast machten, sahen wir einige Erdhütten und ärmliche Wellblechbehausungen. Wir wollten dürftig bekleidete Kinder fotografieren. Doch sie rannten weg. Ein armenischer Bergführer lud uns zum Besteigen eines Hügels ein. Er sei nur 700 m hoch und winzig im Vergleich zum Ararat. Dessen schneebedeckten Gipfel konnten wir Urlauber vom Intouristheim sehen.Wer nicht mit wollte, könne im See baden, solle sich aber am Strand nicht in die Sonne legen. Ein Jugendlicher unserer Gruppe beachtete diesen Rat nicht und bekam einen schweren Sonnenbrand, der medizinisch behandelt werden musste. Manfred und Uwe beteiligten sich am Bergsteigen. Am Fuß des Berges sahen sie nur sonnverbranntes Gras. Aber je höher sie kamen, desto üppiger wuchs es. Sie kamen beim Aufstieg ganz schön ins Pusten. Das Rauchen rächte sich. Trotzdem steckten sie sich auf dem Gipfel wieder eine an. Von dort konnten sie auf einige türkische Dörfer im jenseitigen Tal blicken.
Nach fünf Tagen Aufenthalt in Jerewan fuhr die Gruppe mit dem Zug nach Sotschi. Sie war in Liegewagen mit sechs Pritschen je Abteil untergebracht. Am Tage diente die heruntergeklappte mittlere Liege als Rückwand für die untere. Sehr lange führte die Strecke an der türkischen Grenze entlang. Der Stacheldraht-Grenzzaun war oft nur fünf Meter entfernt. Musste der Zug auf freier Strecke halten, sprangen von jedem zweiten Wagen bewaffnete Grenzer ab, obwohl in regelmäßigen Abständen bewachte Beobachtungstürme standen. Zum Essen begab sich die Reisegruppe in den Speisewagen. Dabei musste sie durch zwei äußerst primitive Liegewagen. In ihnen gab es keine Abteile. Je drei Liegen übereinander standen mehrfach nebeneinander quer zur Wagenlänge und eine Reihe in Längsrichtung. Auf den Pritschen lagen oder saßen, die Beine vor dem Gesicht des darunterliegenden baumelnlassend, Reisende im Schlafanzug oder in Straßenkleidung, schliefen oder aßen. In beiden Waggons reisten Frauen und Männer, junge und alte. Eine bunte Mischung. Die Luft roch nach Knoblauch und Körperausdünstung. Hielt der Zug in einer Station, dann spazierten männliche Fahrgäste im Schlaf- oder Straßenanzug auf dem Bahnsteig. Einige kauften Obst oder Getränke. Frauen sah Manfred nie auf den Bahnsteigen.
Endlich war Sotschi erreicht. An einem Ende der sich lang am Schwarzen Meer hinstreckenden Stadt waren Intouristhotels mit gemütlichen Vierbett-Zimmern. Der Strand war für Intourist reserviert und steinig. Man konnte dort nur auf Holzpritschen liegen. Auf dem Weg zum Meeres-Bahnhof sahen wir den öffentlichen Badestrand. Auf ihm lagen die Badelustigen dicht gedrängt. Manfred hatte den Eindruck, dass Ölsardinen in ihrer Dose mehr Platz hätten. Bei wolkenlosem Himmel machten wir eine mehrstündige Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer. Eine leichte Brise kühlte angenehm. Im Hotel dagegen schwitzten wir ständig, obwohl es nur 25 Grad waren. Dabei litten wir unter Durst.
Bei einem Tagesausflug zum Riza-See wurde in Gagra eine größere Pause eingelegt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sahen Manfred und Uwe dort Kokospalmen, die nicht in Kübeln wuchsen, wie sie es von Botanischen Gärten kannten. In Gagra war das Aufsuchen einer öffentlichen Toilette möglich. Die Mädchen verzichteten aber darauf, denn es waren französische Toiletten, die nur durch einen Meter hohe Türen verschlossen werden konnten. Auf einer sehr kurvenreichen asphaltierten Straße am Fuß des Kaukasus ging die Fahrt dann weiter. Links ragten Felsen auf und rechts sahen wir ab und an 100 Meter unter uns das Schwarze Meer. Am Hang wuchsen Bäume. Irgendwann bog der Fahrer ab und es ging auf einer holprigen, schmalen, kurvenreichen Straße bergauf in das Kaukasusgebiet. Nur noch vereinzelt waren Sträucher zu sehen. Einen Meter vom Straßenrand entfernt blickten wir in tiefe Schluchten, während auf der anderen Straßenseite Felsen steil emporragten. Näherte sich der Bus einer Kurve, hupte der Fahrer kräftig. Kam kein Echo, fuhr er zügig weiter, wobei das Busheck sich in der Kurve über dem Abgrund befand. Am Riza-See, der mehr als 1000 m über dem Meeresspiegel liegt und von Felsmassiven umrahmt wird, aßen wir Schaschlik. Es war auf 50 cm langen Eisenspießen gebraten und schmeckte vorzüglich. Bei der Rückfahrt vom Riza-See begegneten wir einem Trauerzug. Ein junger Mann lag festlich gekleidet in einem offenen Sarg, von vielen Blumen umgeben, auf einem Pferdewagen. Dahinter schritt eine Kapelle, die fröhlich musizierte. Danach kam ein langer farbenfreudig angezogener Trauerzug. Unsere Dolmetscherin sagte, dass es hier so Sitte sei, denn die Verstorbenen sollen fröhlich ins Jenseits kommen. Nach sieben Tagen in Sotschi, die vor allem als Badeurlaub vorgesehen waren, flogen wir von Adler nach Moskau. Am gleichen Tag begann von dort die Heimfahrt nach Berlin.
Die Teilnehmer der Reisegruppe wussten, dass sie in der Sowjetunion landesübliche Verpflegung erhalten würden. In Moskau bemerkten sie kaum einen Unterschied zur heimischen Kost. Aber in Jerewan war es gänzlich anders. Zum Frühstück gab es Hirsebrot, zu Mittag und Abend Hirsebrei. Dazu bekamen wir im Wechsel Hammelgulasch und Rührei. Beides war in überreichlich Hammelfett zubereitet. Wer das überwiegend fette Hammelfleisch abkühlen ließ, dem schmeckte es dann gar nicht mehr. Aber wir überstanden das ungewohnte Essen und freuten uns, als uns in Sotschi der Speiseplan vorgetragen wurde. Er versprach reichlich Abwechslung. Außer Hackbraten, Klops und Bulette sollte es auch Roulade und Schnitzel geben. Das Aussehen entsprach immer dem angekündigten Gericht, aber es war stets gebratenes Hackfleisch. Eine Woche lang mittags und abends Hackfleisch. Unser Bedarf war gedeckt und wir sehnten uns nach dem Essen daheim. Da wir in Berlin bis zur Weiterfahrt noch Zeit hatten und einige der Reisegruppe Hunger verspürten, kauften sie sich auf dem Bahnsteig ein belegtes Brötchen. Sie bissen hinein und merkten, dass es mit Hackfleisch gefüllt war. Enttäuscht und wütend warfen sie es sofort in einen Abfallbehälter. Wir anderen lästerten: Endlich mal Bulette!
(c) Dieter Rietz / Pirna
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