Warme, sonnige Vorfrühlingstage ließen 1985 die Forsythie zeitiger blühen. Manfred
freute sich beim Anblick des leuchtenden Gelbs, bemerkte aber erstaunt, dass ein Teil der
Blütenzweige beige aussah. Sobald er näher kam, wurden aus den beigefarbenen Blüten
gelbe und andere, die zuvor gelb waren, erschienen beige. Für diesen Farbwechsel fand er
keine Erklärung. Unterwegs fiel ihm auf, dass die Passanten nicht aufrecht gingen. Ihre
Körper waren etwa 45° geneigt, und ihr Mund schief. Sie sahen entstellt aus. Auch die
Häuser, deren Fenster und die Bäume zeigten Schräglage. Manfred erschrak. Da diese
sonderbaren Erscheinungen auch noch am nächsten Tag blieben, rief er von der
Arbeitsstelle aus den Augenarzt an und wurde aufgefordert sofort zur Untersuchung zu
kommen. Er stellte fest, dass bei Manfred infolge extremer Kurzsichtigkeit eine
Netzhautblutung eingetreten war und verordnete Bettruhe und Arnikakompressen. Manfred
hatte Angst, große Angst. Wie wird es für ihn ausgehen? Muss er zukünftig im ewigen
Dunkel leben?
Er war schon immer kurzsichtig. Entzündungen der Horn- und Netzhaut hinterließen Narben, so dass sein Sehvermögen im Laufe der Jahre abnahm. Mit dem rechten Auge sah und sieht er alles nur bruchstückweise. Durch eine Kontaktlinse konnte beim linken eine gute Korrektur erreicht werden. Beim rechten war das nicht möglich.
Nach Abschluss der Behandlung war die Kontaktlinse für ihn wertlos geworden. Aber Gebäude, Bäume, Personen zeigen nicht mehr die Schräge. Allerdings sieht Manfred alles nur noch unscharf und kann Personen erst erkennen, wenn sie nahe vor ihm sind. Beim Schreiben und Lesen nutzt keine Brille. Da muss er das Papier fast mit der Nase berühren, und in größerer Entfernung Befindliches bleibt für ihn verborgen.
Traurig ist Manfred über die erhebliche Verschlechterung seines Sehvermögens, aber es hätte tragischer kommen können.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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