Jeder kramt manchmal aus Langeweile oder Neugier in Kästen und Schubfächern. Warum
sollte ich eine Ausnahme sein? Bei derartigem ziellosen Suchen nehme ich hin und wieder
eine Schachtel in die Hand und weiß sofort, was sich darin verbirgt: ein winziger
Kasperle. Er ist aus bunten Glasstücken geformt, die auf einem Faden aufgezogen sind.
Diese Figur ist massenweise hergestellter Tand, aber trotzdem trenne ich mich nicht von
ihr, denn bei ihrem Anblick denke ich an meine Kindheit.
Es war Weihnachten, Fest des Friedens und der Freude. Für unsere Wohnungsnachbarin ein besonderes Fest, dieses Weihnachten 1943. Ihr Mann durfte für wenige Tage der Ostfront den Rücken kehren, um seine im Jahr zuvor geborenen Zwillinge das erste mal sehen zu können, und aus diesem Grunde brachte er für jedes Kind im Hause einen Glaskasperle als kleine Aufmerksamkeit mit. Ich bat meinen Vater, dieses Geschenk zu verwahren, damit ich es unserem Nachbarn zeigen könne, wenn er aus dem Krieg heimgekommen sei. Es war ihm nicht vergönnt.
Nicht erst seit damals warten irgendwo auf der Erde immer wieder Kinder mit ihrem Kasperle. Wird sich das einmal ändern?
(c) Dieter Rietz / Pirna
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