Zu dieser Tageszeit war die S-Bahn gut besetzt. Nur vereinzelte Sitzplätze gab es noch.
Walter konnte nur einen Klappsitz nutzen. Das gefiel ihm zwar nicht, weil er weder vor-
noch rückwärts zur Fahrtrichtung sitzen konnte und der Ausblick auf die Landschaft nur
auf der gegenüberliegenden Waggonseite möglich und durch die dort Sitzenden
eingeschränkt war. Aber Walter tröstete sich :,Lieber schlecht gesessen, als gut
gestanden. Außerdem fahre ich nur 25 Minuten`. Er musterte die mit ihm reisenden. Zu
seiner Rechten saß ein junges Mädchen. Ach nein, es war eine Frau, denn unwillkürlich
blitzte ihr Ehering auf. ; ,Ein Tischlermädchen`, entschied Walter im Stillen, ohne an
die damit verbundene Begründung zu denken. Das Ehepaar daneben streifte sein Blick nur
flüchtig. Links von Walter hatte ein Dickleibiger Platz genommen, von dessen Nachbarn
kaum etwas zu sehen war. Die gegenübersitzenden betrachtete Walter aufmerksam. Seine
Augen wanderten fast automatisch immer wieder zu einer gut proportionierten
Schwarzhaarigen. Neben ihr hatten sich zwei ältere Herren niedergelassen, die Walter
uninteressant fand. Am anderen Ende der Reihe saßen zwei Frauen, die sich angeregt über
die Strapazen der täglichen Fahrerei zur Arbeitsstelle unterhielten, aber gleichzeitig
beteuerten, froh zu sein, überhaupt Arbeit zu haben. Walter bemerkte, dass ihn der
gegenübersitzende Mann ununterbrochen aufdringlich anstarrte. Am liebsten wäre Walter
aufgestanden. Endlich hatte er sein Reiseziel erreicht und fühlte sich erleichtert.
Da er jetzt viel Zeit hatte, suchte er die Bahnhofsgaststätte auf. Ein Schreck fuhr ihm durch alle Glieder, als sich der Fremde an seinen Tisch setzte. Ungeniert begann der Unbekannte: Während der Fahrt überlegte ich, ob Sie sich im Beisein Ihrer Frau auch so verhalten hätten. Ich denke dabei an die Dame in der Ecke. Sehen konnte ich sie nicht, mir von ihr aber ein Bild machen auf Grund Ihrer Gedanken. Welcher Art die waren, brauche ich Ihnen nicht darzulegen. Daran werden Sie sich ja noch erinnern, auch an das, als sie mit einem Blick Ihre Nachbarin streiften. Einerseits ist es schade, dass Ihre Frau in der S-Bahn nicht mitfuhr, andererseits hätte ich Sie dann wahrscheinlich nicht auserkoren. Jetzt denken Sie, der Kerl wird immer unheimlicher. Sie mögen Recht haben. Aber mein Hobby ist das Gedankenlesen.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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