Eine Dienstreise führte den vierzigjährigen, vollschlanken und leicht ergrauten Rudi
nach Essen. An einem sonnigen Sommerabend saß er in einem Lokal, blätterte beim Essen in
der Lokalpresse und blickte ab und an auf die qualmenden Essen. Sei Blick blieb an einer
sonderbaren Notiz hängen. Das konnte nur eine Ente sein. Unwillkürlich dachte Rudi, als
im Vorgarten eine Ente durch das Gras watschelte, an seinen schon lange zurückliegenden
Krankenhausaufenthalt. Da er dort nicht aufstehen durfte, musste er eine Ente
benutzen. Auf dem Tisch stand eine Vase mit exotischen Blumen. Ihre Blüten dufteten sehr
stark, aber angenehm. In Rudis Jackentasche knisterten Blüten, die er sich bei einem
krummen Geschäft andrehen ließ. Er stellte sein Bierglas hart auf die Glasplatte neben
sein Fernglas und konstatierte dabei, schon tief ins Glas geschaut zu haben. Aber die
Schuld gab er einem Bekannten. Mit dem verband ihn eine enge Freundschaft. Gemeinsam
besuchten sie Feiern beim Anglerverband. Angeln konnte Rudi zurzeit nicht. Der Verband am
linken Arm hinderte ihn daran. Aber er konnte wenigstens der Enge seiner Wohnung
entfliehen. Doch das war einmal. Deutlich erinnerte sich Rudi an die Worte des Bekannten:
Er zöge den Hut vor mir, denn in der Firma hätte ich den Hut auf und nicht der Boss.
Aber ich solle auf der Hut sein, sonst müsse ich eines Tages den Hut nehmen. Dieses
Gefasel ging Rudi über die Hutschnur und jedes Mal, wenn er es wieder hörte, ging ihm
der Hut hoch. Aber Schwamm drüber, dachte er. Wann schwamm ich eigentlich das
letzte Mal? Ach ja, das war in einem Kanal. Ich hatte den Kanal voll, weil ich nicht den
richtigen Fernsehkanal fand und dadurch das groß angekündigte Kanalschwimmen
verpasste. Eine Band riss Rudi aus seinen Gedanken. Sie spielte Oldies am laufenden
Band. Da es ihm warm wurde, band er seine Krawatte ab. Plötzlich fiel ihm ein, dass er
den geliehenen Gedichtband noch nicht zurückgab. Sein Rücken begann zu schmerzen. Der
Bandscheibenschaden machte sich wieder einmal bemerkbar. Der haut mich bestimmt einmal auf
die Bretter. Es wurde kühl. Rudi bekam eine Gänsehaut und legte sich einen Schal um.
Dann trank er sein schal gewordenes Bier. Würde er morgen einen Kater haben, wenn er sich
noch einen Schwarzen Kater genehmigte? In der Nähe maunzte ein Kater, der
vergeblich auf Brautsuche war. Apropos Braut. Der Boss wollte im Herbst auf Rügen
Hochzeit feiern und hatte alle seine Mitarbeiter zu dem Fest eingeladen. Sie könnten mit
dem Wagen anreisen. Aber Rudi war fest entschlossen, eine Absage zu wagen, obwohl er
ahnte, dass der Chef ihn deshalb rügen würde. Aber er fühlte sich gekränkt, denn der
Chef hatte einmal geäußert und das sollte ein Scherz sein, ehe Rudi eine Ehe einginge,
würden Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen. So arm wie er sei, müsse ein Wunder
geschehen, dass ihm eine Reiche den Arm reiche. Der Klang der Stimme war dabei unangenehm
und klang noch lange in Rudis Ohren. Aber das ist nun mal mein Los? und damit ging
er los zu seinem Quartier. Es war spät geworden.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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