Es war Anfang April 1945. Der Führer sprach immer noch vom Endsieg der
deutschen Truppen. Die sowjetischen näherten sich langsam dem zur Festung ernannten
Wittenberge, dessen jenseitiges Elbeufer am Abend des 12.April von der 5.US-Panzerdivision
erreicht wurde. Die von den Nazis an diesem Tage gesprengte kombinierte Eisenbahn- und
Straßenbrücke sollte den weiteren Vormarsch der Amerikaner verhindern. Diese setzten
keine Pontonbrücke ein, sondern begnügten sich mit dem Beschuss der Stadt. Verhielten
sie sich so, weil ihnen bekannt war, dass Wittenberge zur sowjetischen Besatzungszone
gehören würde? Wahrscheinlich wollten sie das Leben ihrer Soldaten dafür nicht aufs
Spiel setzen.
Viele der deutschen Soldaten wussten oder ahnten zumindest, dass der Krieg verloren war. Wie lange er noch dauern würde, konnte kaum einer einschätzen. Sie wollten überleben, aber nicht in russische Gefangenschaft geraten. Die nazistische Propaganda hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Darüber waren die Amerikaner informiert und forderten die Wehrmachtsangehörigen auf, sich ihnen zu ergeben. So geschah es auch bei Wittenberge.
Die deutschen Soldaten beobachteten, sobald eine grüne Leuchtkugel aufflammte, fiel von der anderen Seite kein einziger Schuss. Wer nun die Angst vor den eigenen Leuten überwunden hatte, versuchte die hier 150 m breite Elbe zu durchschwimmen. Wenn nach ein oder zwei Stunden, manchmal aber bereits nach fünf Minuten eine rote Leuchtkugel zu sehen war, setzte sofort MG-Feuer ein, das erst abebbte, wenn auch der letzte der noch Schwimmenden getroffen war.
Handelten die Amerikaner human? Es war Krieg.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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