Anfeuerungsrufe, vereinzelt Schimpfworte begleiten das Fußballspiel der Zwölf-,
Dreizehnjährigen. Eddie steht im Tor und hat nicht nur die beiden Minimannschaften im
Blickfeld. Er kann auch einen Teil der Straße vom Gasthof bis zur nahe liegenden Kirche
überblicken. Einige Erwachsene sind in einen lebhaften Plausch vertieft. Langsam rollt
ein Volvo vorüber, hält auf dem Parkplatz neben der Kirche. Ein großer, schlanker
Mittdreißiger steigt aus, sieht sich kurz um und lenkt seine Schritte nach dem Gasthof.
Eddie betrachtet den Fremden aufmerksam und vergisst, dass er Torwart ist. Das ist,
das ist er! ruft er laut. Seine Spielkameraden sind ärgerlich, aber Eddie hat nur
noch den Mann im Auge. Das ist er. Wir müssen ihn festhalten! Der Unbekannte
geht unbeirrt weiter, und Eddie wird lauter: Der Mörder! Das ist der Mörder!
Bei diesem Ausruf zuckt der Fremde zusammen, kehrt schnellen Schrittes zum Volvo zurück
und braust mit hohem Tempo davon. Diese unerwartete Reaktion lässt auch die Plaudernden
stutzig werden. Alle umringen Eddie.
Wer war das?
Woher kennst du den?
Das ist ein Mörder?
Nun red schon.
Endlich lassen sie Eddie zu Worte kommen: Unser Kantor, der erstochen wurde. Ihr
wisst doch. Damals sah ich den Mann. Ich hatte doch ein Gipsbein und saß am Fenster,
hörte die Orgel. Plötzlich stand der Mann dort. Dort neben der Kirchenpforte. Er stand
und stand. Lauschte auf irgendwas. Dann ging er rein. Kurz danach war Ruhe. Der Mann kam
wieder, guckte vorsichtig in alle Richtungen und ging ganz schnell weg. Und nächsten Tag
fand man den toten Kantor. Das ist der Mörder, das sag ich euch. Ich hab ihn
wieder erkannt. Ganz deutlich erinnert sich Eddie wieder daran, dass er damals über
seine Beobachtungen gesprochen hatte. Aber sie wurden ignoriert, weil er schon immer eine
lebhafte Phantasie hatte und man nie wusste, was man ihm glauben durfte.
Vielleicht hat Eddie doch Recht. Warum rannte der Mann jetzt regelrecht fort? Wir
sollten die Polizei verständigen un das Autokennzeichen mitteilen, äußerte einer
der Erwachsenen.
Wenige Tage später steht in der Presse eine Polizeiinformation: Hinweise der Bevölkerung führten zur Festnahme des seit längerem gesuchten Kantor-Mörders. Der Verdächtigte gestand die Tat ein und gab als Motiv an, er hasse perfektes Orgelspiel, weil er darin immer ein Stümper geblieben sei.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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