Morgen, teilte der Lehrer den Schülern der 4.Klasse mit, werdet ihr
untersucht. Vielleicht kommt einer von euch zur Kur. Gebrauchen könntet ihr es
alle. An dem kühlen Herbsttag des Jahres 1946 fröstelten die Kinder in dem noch
ungeheizten Klassenzimmer. Ein Kind nach dem anderen trat vor den Arzt. Nun war Manfred an
der Reihe. Gutmütig spottete ein Klassenkamerad: Bei dir könnte man auf den Rippen
Klavier spielen. Der Doktor entschied: Junge, für dich werde ich eine Kur
beantragen. Hoffentlich klappt es. Es gelang. Ende November war es soweit, dass die
Mutter für Manfred ein Köfferchen packen durfte. Eine alte Villa in Golm, in einem
schönen Park am Ufer der Havel liegend, war das Ziel.
Schüchtern und verstohlen blickte der noch nicht zehnjährige Manfred auf die mit ihm angereisten Mädchen und Jungen. Aber bald legte sich seine Scheu. Die Leiterin begrüßte alle: Ich wünsche euch erholsame, erlebnisreiche Tage und eine schöne Adventszeit in unserem Hause und möchte euch die Betreuerinnen vorstellen. Dann erklärte sie den Kindern, dass sie hier im Aufenthaltsraum Gesellschaftsspiele machen, wenn draußen schlechtes Wetter sei und schloss mit den Worten: Nun seht ihr euch gemeinsam das Heim an.
Die Erzieherinnen führten die Kinder durch das Gebäude. Sie betraten einen großen
Raum mit mehreren langen Tischreihen und erfuhren, es sei der Speisesaal. Können
wir uns hier richtig sattessen? piepste aufgeregt ein kleines Mädchen und sprach
damit auch Manfreds sehnlichsten Wunsch aus. Die Frage verhallte unbeantwortet. Getrennt
betraten die Mädchen und Jungen nun ihre Schlafsäle, in denen zehn Doppelstockbetten
standen und zwischen diesen Blechspinde. Manfred, du schläfst oben, denn du bist
schon groß, ordnete die Betreuerin an. Nachdem die Koffer ausgepackt waren, durften
die Kinder im Park umhertollen.
in Gong schallte und rief zum Mittagessen. Manfreds Augen strahlten, als er seinen bis zum
Rand gefüllten Teller mit Eintopf sah. Kann ich noch mehr bekommen? Ich habe noch
solchen Hunger, bat nicht nur Manfred. Jetzt nicht, Kinder, sonst platzt euch
der Bauch, erwiderte lächelnd die Heimleiterin. Nun werdet ihr erstmal ein
Mittagsschläfchen machen, fuhr sie fort. Das kannte Manfred nicht mehr, aber wenn
es sein musste. Auch diese Zeit verging, und auf jeden wartete eine Scheibe Marmeladenbrot
und eine Tasse Milch. Hurra, es gibt schon wieder etwas klang es fröhlich aus
dem Munde der Kinder. Dann begann erneut lebhaftes Treiben.
Rasch gewöhnten sich die Kinder an den Tagesablauf. Bei einer Wanderung staunte Manfred, denn er sah das erste Mal in seinem Leben einen ihm riesig erscheinenden Berg. Ungläubig schüttelte er den Kopf, als er von einem Thüringer Jungen vernahm, das wäre doch nur ein Hügel. Spaziergänge, Spiele im Park, Basteln und gemeinsames Singen füllten die Tage aus Viel zu schnell kam immer der Abend.
Vor dem Einschlafen plauderten die Jungen noch. Manfred wunderte sich, dass einige statt von Stulle, von Schnitte oder Scheibe, ein Dresdener sogar von Bemme, sprachen. Kanten oder Ränftel waren ihm auch unbekannt. Für ihn gab es nur Knust. Ist doch egal. Wie ihr es nennt, warf Walter, der von der Ostseeküste kam, ein. Hauptsache ist doch, man kann es futtern und nicht so wenig! Du hast recht, stimmten alle zu.
Über Essen und essen können war am häufigsten die Rede. Die Jungen schwatzten darüber, wie sie Getreideähren abschnitten, Kartoffeln, Kohlrüben und Obst mausten und wie sie dabei vor Angst geschwitzt hatten. Auch von erfolgreichen und enttäuschenden Hamsterfahrten der Eltern war zu hören.
Manfred mischte sich in das lebhafte Gespräch ein: Da muss ich euch mal was erzählen. Etwas Tolles erlebte ich im Sommer. Auf dem Hof des Hauses, wo ich wohne, war ein größeres Stück unbefestigt und bei Regenwetter musste man durch Schlamm waten. Ich kam auf die Idee, die Fläche mit herumliegenden Ziegelsteinen auszulegen. Der Hauswirt lobte mich und versprach mir ein Geschenk, wenn ich es ordentlich mache. Das spornte mich an und ich gab mir die größte Mühe. Was denkt ihr, was ich bekam? Ihr ratet es bestimmt nicht. Ein oder zwei Mark, äußerte Walter, während der Sachse meinte: Abgelegte Kleidung vielleicht? Alles falsch, unterbrach Manfred, ein halbes Brot. Die Jungen staunten. Du hast Schwein gehabt. Der Thüringer ergänzte: Ob ich auch mal so was erlebe? Allmählich schliefen alle ein.
Am nächsten Morgen erhielten die Kinder - wie an jedem Tag früh und abends - einen vollen Teller Eifo-Suppe; ein Erzeugnis aus Futterhefe, von dem keiner ahnte, dass diese Jahre später, nur noch als Mastfutter in der Viehzucht verwendet werden würde. Gespannt warteten die Kinder beim Abendessen, wer als Belohnung, weil er besonders artig war, einen der großen Kochtöpfe auskratzen dürfte, denn das bedeutete einen fast halbvollen Teller zusätzlich. Zweimal kam Manfred in den Genuss. Ihm hätte es an jedem Tag gefallen, aber alle waren ebenso oft brav gewesen.Die Kinder merkten nicht, dass die Erzieherinnen an alle dachten und keinen bevorzugten. Sie erreichten aber, dass alle Kinder immer brav waren.
Das Weihnachtsfest rückte näher. Beim Schein brennender Kerzen sangen die Kinder andächtig Weihnachtslieder. Dann tanzten sie ausgelassen. Es war der letzte Abend im Erholungsheim. Tags darauf hieß es am späten Nachmittag Abschiednehmen von den lieb gewonnenen Spielgefährten und den reichlicheren Portionen, als es zu Hause geben konnte.
In einem unbeleuchteten, ungeheizten Zugabteil fand Manfred gemeinsam mit den wenigen Kindern seines Heimatkreises kaum Platz zwischen den Reisenden. Aufgeregt nahm der Kleine seine Reiseverpflegung von einer Hand in die andere und überlegte, ob er gleich alles verzehre oder etwas aufhebe. Dann dachte er an seine Schwester und stellte sich deren Freude vor, wenn er ihr Wurstbrot mitbringen würde. Für Manfred war die Kur wie ein Weihnachtsgeschenk, und Helga sollte auch etwas davon haben.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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