Mutti, ick hab Hunger. Jieb mich ne Stulle, bat Manfred. Auch Helga, seine
Schwester, bettelte um Brot. Kinder, vor zwei Stunden habt ihr Mittag
gegessen, wollte die Muter beruhigen. Det war doch nur Wassersuppe aus
Kohlrübenblätern un drei jeriebenen Kartoffeln, entgegneten die Kinder. Weil sie
zu sehr jammerten, ließ die Mutter sich erweichen. Sie verstand die Klagen, aber was
könnte sie machen? Jeden Tag sollte sie kochen, Frühstück und Abendbrot bereiten. Wo
von?
Ich kann euch aber nur Salz darauf streuen und bis zum Abend müsst ihr dann warten. Die Kinder waren froh, der Mutter eine Scheibe entlockt zu haben. Ganz langsam, damit sie es länger genießen konnten, kauten Helga und Manfred die grauschwarze Schnitte. Obwohl ihr Magen immer noch knurrte, mussten sie nun bis zum Abendessen aushalten. Dann gab es zwei Scheiben mit Brotaufstrich, den die Mutter aus Mehl, Wasser, etwas Öl und Gewürzkräutern anfertigte. Diese Stalinschmiere schmeckt mich nich, och wenn ihr sacht, det sei falsche Leberwurst, mäkelte Manfred und bekam zur Antwort, er könne sein Brot auch trocken essen. Das war im Sommer 1946.
In dieser Zeit konnte die Mutter manchmal großzügig sein, denn ihr Mann hatte in der Ölfabrik Arbeit gefunden, und Öl war ein beliebtes Tauschobjekt. Die Eltern hatten in der Kreisstadt einen Bäcker ausfindig gemacht, der Brot gegen Öl tauschte, ohne zu fragen, woher es komme. Helga und Manfred bekamen den Auftrag für das Tauschgeschäft. Eines Tages verpassten sie den Zug für die Heimfahrt. Komm, Manfred, jehn wa zu Fuß. Ick hab keene Lust, hier sechs Stunden zu warten. Wer weeß, ob der Zuch dann fährt. Det sind nur 12 Kilometer. Fröhlich hüpften sie anfangs von Schwelle zu Schwelle, das Gewicht ihrer kostbaren Last kaum spürend. Es dauerte aber nicht lange, und Manfreds Füße schmerzten. Ihm schien es, dass der Weg immer länger würde. Seine schwachen Kräfte ließen nach und, und mühsam schleppte er sich dann auf der Straße dahin. Dreiviertel des Weges lag hinter den Geschwistern, als ein Fuhrwerk sie einholte. Freundlich lud der Kutscher zum Platznehmen ein. Der Heimatort war bald erreicht, und das letzte Stück des Weges fiel nach der Verschnaufpause leichter. Sie sahen, dass die Mutter besorgt nach ihnen Ausschau hielt. Ach Kinder, endlich seid ihr da. Ich hatte Angst um euch. Hätte ich nicht die Venenentzündung bekommen, wäre ich selber gefahren. Mutti, ick mach det jerne, aba nich mehr mit Manfred.
Reichlich eine Woche, in der sie die kaum vorhandenen Kartoffeln und das fast unbekannte Fleisch nicht so sehr vermissten, konnte die Familie von dem zusätzlichen Brot leben. Dann bat die Mutter: Manfred, geh bitte zum Bäcker. Hier hast du Geld und die Brotmarken. Einen winzigen Abschnitt in der Hand haltend, sauste der Neunjährige los und bemerkte im Geschäft, dass er nur noch das Geld hatte. Freundlich meinte die Bäckersfrau, sie schreibe es an, und beim nächsten Mal solle er die Marken mitbringen. Dieses Mal knabberte er das Brot nicht an. Aufmerksam suchend, aber ohne Erfolg, ging er heim, schlich tief bekümmert in die Küche und begann erneut verzweifelt und ohne Hoffnung die Suche. Nur wenige Schritte vom Hauseingang entfernt, stutzte er. Dort im Rinnsteig lag zwischen welken Lindenblüten ein Stückchen Papier. Es waren die Marken. Am liebsten hätte Manfred laut aufgejubelt. Diesen wertvollen Schnipsel krampfhaft festhaltend, rannte er zum Bäcker und kehrte selig heim.
Heute schmeckte ihm das Abendbrot besonders gut, aber er bemerkte, dass die Schwester kontrollierend auf seine Schnitte schielte und knurrte deshalb: Bei Helga is mehr Butter druff. Bei dich is mehr, kam sofort deren Protest. Diese Streitereien hörte sich die Mutter nicht lange an und nahm eine Briefwaage. Jeden Tag dasselbe Theater. Hier habt ihr eure Wochenration. An vier Tagen kratzte Manfred Butter auf seine Stullen, während Helga an einem Abend eine gut bestrichene und an den übrigen trockene aß.
Ein wenig tröstete die Kinder, als sie vom Vater hörten, im Herbst werde ein Sportplatz umgepflügt und in Gartenparzellen aufgeteilt. Die Familie bekäme auch eine. Eifrig planten die niemals Satten, was alles angebaut werden könnte und träumten von großen Ernten.
Manchmal dachten sie auch an das vergangene Jahr. Im Mai war der Krieg zu Ende gegangen und die Versorgung mit allem katastrophal. Bei der Plünderung eines Vorratslagers der Nazis hatte der Vater ein Fässchen Marmelade und Knäckebrot ergattert. Hamsterfahrten der Eltern hatten selten Erfolg. Am Tage versuchten Helga und Manfred beim Spielen und in den Dämmerstunden, wenn Strom und Gas abgeschaltet waren und die wenigen vorhandenen Kerzen geschont werden mussten, bei den Erzählungen der Eltern das Hungergefühl zu vergessen. An vielen Abenden saßen die Geschwister mit dem Vater alleine. Esst ruhig. Mutti hat sich hingelegt. Sie hat Magenschmerzen. Ihr wisst, das hat sie öfter. Die Kinder ahnten nicht, dass es vom Hungern kam und achteten nicht darauf, dass auch der Vater nichts aß.
Einmal in jeder Woche begab sich die Mutter besonders zeitig zur Ruhe, denn am nächsten Tag sollte es wieder Brot geben. Um vier Uhr traf sie bei der Bäckerei ein und zählte vierzig, manchmal gar fünfzig und mehr Personen vor sich. Die ersten waren schon vor Mitternacht erschienen. Alle wussten, wer zu spät kommt, würde leer ausgehen. Stundenweise lösten Helga und Manfred die Mutter dann ab.
Die bange Frage, ob sie auch noch etwas erhielten, wurde im November 1945 von ihnen genommen, denn es gab wieder Lebensmittelkarten. Drei Scheiben Schwarzbrot, einen Esslöffel Marmelade und vier kleine Kartoffeln hatten die Kinder nun jeden Tag zum Essen. Den Geschmack von Wurst hätten sie fast vergessen, wenn der Vater nicht manchmal Hasenbrot mitgebracht hätte. Er sparte es von seiner kärglichen Ration, die ihm die Mutter trotz seiner schweren Arbeit nur mitgeben konnte, ab, weil er an die leuchtenden Augen seiner Kinder dachte.
Sonntags fühlten sie sich wie im Schlaraffenland, denn sie bekamen drei winzige Fleischstückchen. Die schmeckten besser, als das jede Woche einmal servierte Schnitzel. Es sah immer lecker aus, war aber nur aus Kohlrüben entstanden.
Der Herbst 1945 verging. Kälte und Schnee stellten sich ein. Im nur mäßig geheizten Zimmer froren die Geschwister in ihrer ärmlichen Kleidung und konnten kaum die nächste Mahlzeit abwarten.
(c) Dieter Rietz / Pirna
zurück zur Seite Aus Manfreds Kindheit
zurück zur Seite Dieter Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite