Sommerausklang (Aus Manfreds Kindheit)


Dieter Rietz     ( 1987 )


Im Schrank mit der, in vielen Jahren abgelegten Kleidung kramend, betrachtete die Mutter aufmerksam Stück für Stück und seufzte leise: “Wenn die Kinder nur nicht so schnell wachsen würden.” Sie hielt einen alten Rock in der Hand und stellte fest, dass sie daraus für Helga einen nähen könnte, es bliebe sogar noch Stoff übrig. ’Manfred braucht unbedíngt eine Hose. Aber der Rest wird zu gering sein’, überlegte sie. Ihr Blick fiel auf ein Mäntelchen, aus dem Helga schon lange herausgewachsen war. “Für eine kurze Hose reicht das gerade”, murmelte die Mutter. Einige Hemden und Hosen des Vaters legte sie auf die Seite und dachte daran, dass er seine Bekleidung auch tragen muss, bis sie fast auseinander fällt, und Schuld daran ist der verfluchte Krieg, der voriges Jahr endlich endete.

Schritte näherten sich. Überrascht bemerkte die Suchende, dass ihr Mann von der Arbeit heimkehrte. Nach der kurzen Begrüßung bemerkte er, eine Bekannte habe ihm gesagt, dass jetzt aus dem Zellwollewerk viele Ballen auf die Müllhalde gebracht würden. Sie waren beim Phosphorbombenangriff angebrannt. Wenn wir die angesengten und verkohlten Zellwolleflocken entfernen, würde die Bekannte sie für uns verspinnen. Er solle dafür Bretter zersägen, denn sie hätte kein Feuerholz mehr. “Herrliche Eichenbretter. Schade, dass wir selbst kaum etwas zum Heizen haben”, meinte er. Die Mutter freute sich über das Angebot. Bis Weihnachten könnte sie für Helga und Manfred dann vielleicht etwas stricken.Sie konnte nicht ahnen, dass die Pullover bei der Wäsche immer länger würden und dass Helga klagen würde: “Hast du Flöhe mit reingestrickt? Das juckt und kratzt.”

“Ich sehe gerade die Schuhe”, unterbrach der Vater die Suche, “im kommenden Winter werden sie für die Kinder zu klein sein. Noch können sie ja barfuss laufen, solange der September warm bleibt. Horche mal ’rum, wo wir Holzpantinen auftreiben können.”

Bekümmert kam Manfred vom Spielen. “Mutti, in meine Hose is een Loch. Ick weeß nich, wie det kommt.” “Junge, Junge” schüttelte die Mutter den Kopf, “du weißt doch, du musst dich vorsehen mit deinen Sachen. Wenn Vati gegessen hat, nähe ich dir einen Flicken auf die Hose, aber solange musst du drin bleiben.” Erleichtert atmete Manfred auf, denn er hatte mit Schelte gerechnet.

Am Fenster sitzend blickte er sehnsüchtig auf die Straße, wo die Freunde spielten, und er musste warten. Missmutig nahm er die bunt lackierten Holzstücke, seine Eisenbahn, das Lieblingsspielzeug und zugleich auch sein einziges. Nur mit einem Schlüpfer bekleidet kroch Manfred auf dem Fußboden der einfach eingerichteten Wohnküche umher. Eifrig rangierte er. Beim Rattern der Nähmaschine glaubte er seine Bahn fahren zu hören. Aus der großen Stadt, wo seine Oma wohnt, kehrte der Zug mit vielen Stoffen zurück, woraus die Mutter Hosen und Hemden für ihn und Kleider und Blusen für Helga nähen könnte.

Manfred war so vertieft, dass er kaum bemerkte, wie Helga, seine zehnjährige Schwester, mager, in einem zu kurzen, verwaschenen Kleidchen, fast weinend in die Küche trat: “Auf der Straße lagen drei Kohlen, aber die großen Jungen nahmen sie mir weg.” Die Mutter wusste Trost: “Schade, aber weine nicht, mein Mädchen. Im Stadtwald könnt ihr Kienäpfel sammeln, die helfen im Winter auch beim . . .”. Manfred fiel der Mutter ins Wort: “Christa, Hellmut und Frank wollen heute, wenn’s finster is, beim Bahnhof Brikett holen. Ick hab ihnen jesacht, det ick mitjehn will.” “Ich auch”, äußerte Helga sofort. Die Eltern taten so, als hätten sie nichts gehört.

Endlich dunkelte es. Das Abenteuer konnte beginnen. Von dem schwarzen Gold schleppten die Kinder so viel sie tragen konnten. Viele Gleise mussten überquert werden. Plötzlich stolperte Manfred über einen Signaldraht, stürzte auf den Schotter und heulte auf. Mit gedämpfter Stimme schimpften Hellmut und Frank: “Willst du, dass wir erwischt werden?” In sicherer Entfernung vom Bahnhof wurden die Taschen geleert und Helga befahl: “Manfred, du passt hier uff. Zum Klauen bist de zu blöde. Wir holen noch mehr.” Nach der erfolgreichen Aktion schafften die Kinder, mit kohlenstaubverschmierten Händen und Gesichtern, aber glücklich, ihre Beute heim.

Beim Lichtschein eines Kerzenstummels schrubbten sich Helga und Manfred mit Tonseife. Die Mutter drängte: “Beeilt euch, sonst müsst ihr euch im Dustern weiter waschen. Im Augenblick habe ich keine andere Kerze. Wenn ich noch Reste finde, wird Vati neue gießen. Übermüdet konnten die Geschwister kaum einschlafen.

Am nächsten Morgen sprach die Mutter: “Eigentlich müsste ich mit euch schimpfen, denn man darf nicht stehlen. Aber die jetzige Zeit, mein Gott . . .”. “Hab keene Angst, Mutti, wir wer’n keene Diebe”, erwiderte Helga und Manfred fügte hinzu: “Wenn allet besser wird.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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