Silbervögel (Aus Manfreds Kindheit)


Dieter Rietz     ( 1994 )


Ein schöner Spätsommertag des Jahres 1947 neigt sich. Leuchtend rot strahlen Himmel und Wolken. Sirenen ertönen. Manfred erschrickt. Tropfen kalten Angstschweißes perlen von seiner Stirn. Erregt schweift sein Blick umher. Wo, wo könnte er sich hier im einsamen Park verbergen, wo Sicherheit finden vor dem sich ankündendem Unheil? Bange Sekunden vergehen, ehe Manfred aufatmend begreift, dass es Feueralarm ist.

Vor reichlich zwei Jahren vernahm der jetzt Zehnjährige zuletzt dieses furchtbare Heulen. Einige Jahre vorher hatte er ab und zu Sirenen gehört. Neugierig fragte er damals seine Mutter, was das bedeute und erfuhr, es wäre Fliegeralarm. Mit dem Wort konnte der Kleine nichts anfangen, aber er bemerkte bald, kaum war der Sirenenton verklungen, erschienen am Himmel immer viele winzige Silbervögel, die mit leisem Brummen in keilförmigen Schwärmen dahinzogen. Ein interessanter Anblick. Tod und Vernichtung trügen sie mit sich? Das konnte er sich nicht vorstellen. Sie sahen wie Spielzeug aus. Gern hätte er sich eines genommen und es nach Herzenslust fliegen lassen. Später sollte er erleben, dass diese scheinbaren Spielzeug-Silbervögel Todesvögel sind.

In den ersten Schulferien, es war 1943, besuchte Manfred die Großeltern in Kiel. Wie freute er sich darauf, mit seiner Tante eine Dampferfahrt zu machen. Diese hatte kaum begonnen, als Sirenen aufheulten. Das Schiff kehrte sofort zurück. Angsterfüllt rannten die Fahrgäste zu einem nahen riesigen Betonklotz, einem Hochbunker. Auch Manfred sollte laufen. Warum die Aufregung? Fliegeralarm erlebte er in Wittenberge schon einige Male, aber nie passierte etwas. Eingezwängt zwischen vielen Fremden fand Manfred Platz. Dumpfes Dröhnen explodierender Bomben, begleitet vom wütenden Bellen der Fliegerabwehrkanonen und von Zeit zu Zeit das Zittern der meterdicken Wände erschreckten ihn. Was sollte das alles bedeuten? Minuten schlichen dahin, wurden zu Stunden. Endlich durfte er wieder ins Freie.

An eine Dampferfahrt war nicht mehr zu denken. Ein langer Fußmarsch durch eine gelähmte Stadt begann. Manfred sah in seinem Leben die ersten Ruinen, das Werk der Silbervögel. Erschüttert erblickte er einen Straßenbahnfahrer, der die Scherben der Fensterscheiben zusammenfegte. Trostlos erschien dem Jungen die zerstörte Bahn. Aufgeregte Menschen liefen hin und her. Einige suchten krampfhaft in den Trümmern. Manfred hörte Frauen klagen: “Der verflixte Krieg!” Vor einem riesigen Trümmerberg blieb seine Tante wie angewurzelt stehen, und ihr entrang sich der Seufzer: “Hier, Manfred, hier stand der Hauptbahnhof.” Mit zitternder Stimme setzte sie fort: “Hoffentlich ist meinen Eltern nichts passiert. Manfred, wir müssen schneller gehen, ich habe keine Ruhe mehr.” Sie passierten einen langen Straßenabschnitt, in dem es keine Häuser mehr gab. Totenstille lastete auf den Ruinen. “Schneller, Manfred, schneller”, zerrte die Tante den Kleinen hinter sich her. Er konnte es nicht, denn seine Füße schmerzten.

Nicht einmal ein Jahr verfloss, und auch in Wittenberge fielen Bomben. Ängstlich schmiegte sich der Siebenjährige an die Mutter, suchte bei ihr Schutz. Seine bange Frage, ob sie am Leben bleiben, wenn das Haus getroffen würde, konnte die Mutter nicht beantworten. Beruhigend strich sie ihm über das Haar. Zusammengekauert hockte Manfred im Kellergang, zitternd vor Angst. Sehnsüchtig wartete er jedes Mal auf das Entwarnungssignal. Dann konnte er weiterschlafen, wieder spielen. Die Gefahr war vorüber. Aber wie lange? Wann musste er wieder in den Keller? In einigen Tagen oder schon in wenigen Stunden? Niemand wusste es.

Aus dem Bodenfenster blickend sah der Junge im 300 m entfernten Stadtzentrum den Feuerschein brennender Häuser, hörte Feuerwehren. Dort waren doch viele Geschäfte , ein schönes Kino. Sollte das alles zerstört sein? Und vor allem, dort lebten Menschen, auch Klassenkameraden von Manfred. Was geschah mit ihnen? Nach dem Krieg erfuhr er, dass in seiner kleinen Heimatstadt mehr als 200 Personen den Bomben zum Opfer fielen. Aber nicht nur im Stadtzentrum sah Manfred Trümmer. Die geschmolzene Eisenkonstruktion einer zuvor imposanten Halle erinnerten ihn an den tagelang anhaltenden Flug brennenden Strohes über der Stadt. Phosphorbomben hatten das Strohzellstoffwerk getroffen. Wann wird das ein Ende haben? Fragten nicht nur die Kinder. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Amerikanische Truppen hatten das Elbufer erreicht, und auch die Sowjetarmee näherte sich unaufhaltsam. Deshalb erklärte der deutsche Stadtkommandant Wittenberge Anfang April 1945 zur Festung. Von nun an wurde der Keller für Manfred zum Wohn-, Spiel- und Schlafplatz. An den unregelmäßigen Beschuss der Stadt durch die Amerikaner, den immer wiederkehrenden Fliegeralarm und die mal sehr fernen, mal sehr nahen, nur nachts zu hörenden Abschüsse von einem deutschen Eisenbahngeschütz hatte sich Manfred gewöhnt. Aber was in der Stadt vor sich ging, erfuhr er von keinem Hausbewohner. Erst als am frühen Morgen des 3. Mai die Festung kampflos der Roten Armee überlassen worden war, sah Manfred, was in einer für ihn furchtbaren Nacht geschehen war. Beim Nachbarhaus fehlte das obere Stockwerk, und auf den Rangiergleisen abgestellte Lokomotiven waren durchsiebt. Manfred erinnerte sich wieder an das in jener Nacht unüberhörbare Jaulen heranjagender Tiefflieger und das Pfeifen der Geschosse aus ihren Bordkanonen.

Zu dieser Zeit ahnte er noch nicht, dass er in Alpträumen 20 Jahre lang durch Bomben- und Tieffliegerangriffe , die er stets zufällig überlebte, gepeinigt würde.

Auch an diesem Sommerabend 1947 beruhigt sich Manfred wieder und sieht den von der untergehenden Sonne feurig rot gefärbten Himmel.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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