Ostseebekanntschaft (Aus Manfreds Kindheit)


Dieter Rietz     ( 1987 )


In seinem 15. Lebensjahr war Manfred in die Höhe geschossen und schien dadurch, obwohl er sich immer sattessen konnte, noch magerer geworden zu sein. Der Schularzt hatte deshalb eine Kur verordnet.

Auch die Sonne schien sich darüber zu freuen. Sie sandte ihre wärmenden Strahlen, als Manfred an einem frostigen Spätfebruartag 1952 mit einigen Wittenberger Mädchen und Jungen in einen kleinen Bus stieg. Stundenlang fuhren sie an verschneiten Feldern und Viehkoppeln vorbei, durch Städte, Dörfer und Wälder. Interessiert betrachtete Manfred die ihm unbekannte Landschaft. Ihm gefiel die Reise. Trotzdem atmete er erleichtert auf, als Bansin erreicht war, denn im Heim umfing wohlige Wärme die Reisenden. Nachdem sie sich erfrischt hatten, durften sie zum Abendessen Platz nehmen. Anschließend wurden schnell die Koffer ausgepackt. Dann fielen die Kinder todmüde ins Bett.

Am nächsten Morgen begrüßte die Heimleiterin alle. Sie wurden von einem Arzt untersucht und gewogen. Dann besichtigten sie das Erholungsheim. Es war eine alte Villa, mit kleinen, hellen Schlafräumen, in denen fünf, manchmal nur vier Betten standen und dazwischen Nachtschränkchen. Tisch und Stühle vervollständigten die Einrichtung. Das größte Zimmer im Hause diente als Speise- und Aufenthaltsraum. Hier lernte Manfred nun viele neue Gesellschaftsspiele. Aber am schönsten waren für ihn die Spaziergänge am Meer.

Immer wieder schaute er auf die scheinbar unendliche Wasserfläche. In Wittenberge konnte er die 150 m breite Elbe betrachten, die bei Hochwasser sogar zehnmal breiter wurde. Trotzdem blieb das andere Ufer dann noch sichtbar. Aber hier war nur Wasser, Wasser, Wasser. Ein imposanter Anblick. Fasziniert blickte Manfred auf die unaufhörlich heranrollenden Wellen und lauschte auf das dadurch entstehende eigentümliche Rauschen. Stundenlang hätte er verweilen mögen, denn so etwas Herrliches bot ihm die Elbe nie. Langsam segelten Wolken seewärts. Sobald sich die Sonne hinter ihnen versteckt, verändert die See ihre Farbe, stellte Manfred verwundert fest und entdeckte bei ihr auch bei späteren Wanderungen immer neue Gesichter.

Eine bleigraue, dicke Wolkenschicht hing über den Kindern. Kalter Wind blies ihnen Gischt ins Gesicht. Meterhohe Wellen eilten donnernd, sich überschlagend, weiße Wogenkämme tragend, ans Ufer. Aufgeregt kreischten Möwen und stürzten sich aufs Wasser, sobald sie etwas Fressbares erspähten. So sehr Manfred dieses Schauspiel auch gefiel, war er doch froh, als sie ins Heim zurückkehrten, denn in seinem dünnen Mäntelchen fror er.

Wenige Tage später wölbte sich ein zartblauer Himmel über der fast reglos liegenden Ostsee. Sie glitzerte und flimmerte so stark, dass Manfred kaum hinsehen konnte. Heute wollte die Gruppe zur Seebrücke nach Ahlbeck wandern. Dort standen sie, weitab vom Strand, hoch oben über dem großen Wasser. Diese Minuten genoss Manfred. Kaum hörbar sprach er das Lied von den Ostseewellen, die an den Strand trecken, vor sich hin. Das Niederdeutsche klang ihm wie Musik.

Aufmerksam lauschte Manfred, als Frau Schulze, die Betreuerin, über das Meer in den verschiedenen Jahreszeiten erzählte. Im Sommer würden sich Urlauber am breiten Strand Sandburgen bauen. “Ich würde mitbuddeln”, warf Manfred ein. Die Herbststürme würden die Wellen in Bansin dann bis an die große, lange Düne peitschen und die Bauwerke wieder einebnen. In manchen Wintern entstünden am Ufer bizarre Eisgebilde. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass die Ostsee zufror. Die Kinder lachten: “Jetzt haben Sie aber Spaß gemacht” und wollten es nicht glauben, als die Betreuerin ihnen schilderte, wie sie in dem sehr strengen Winter 1946/47 viele Kilometer auf dem Eis über die See wanderte, ohne das Ende der Eiswüste zu sehen. “Bansin hatte auch eine Seebrücke”, erklärte Frau Schulze, “aber mächtige Eisschollen ließen sie einstürzen. Die Stümpfe der ehemaligen Pfähle habt ihr schon gesehen.”

Anderthalb Wochen war er schon fort, als er erfuhr, sie würden ein Wannenbad aufsuchen. Er rümpfte die Nase. Was sollte er dort? Jeden Tag wusch er sich doch ordentlich. Ein Bad nehmen bei der Kälte draußen? Nee. Im Sommer, da war es etwas anderes. Da hatte er immer die Gelegenheit genutzt, wenn die Mutter mit der großen Wäsche fertig war und hatte sich dann im Waschhaus in einen Tubben, das ist ein großer Holzbottich, gekauert, um sich zu erfrischen. Manfreds Sträuben half nicht. Er musste mit.

Das erste Mal stieg er in eine Badewanne. “Ei, ist das heiß!” erschrak Manfred und zog seinen Fuß gleich wieder zurück. Nach vielen Sekunden überwand er sich, tauchte die Beine vorsichtig ein und glitt langsam ganz hinein. Schnell hatte er sich dann an die Temperatur gewöhnt, und nun rekelte und streckte er sich in der Wanne. War das angenehm! “Bitte, noch nicht”, wünschte Manfred, als der Bademeister nach 25 Minuten das Wasser ablaufen ließ. Der Junge wurde getröstet, dass sie noch einmal das Bad aufsuchen würden, was auch geschah.

Einen Abend, den Manfred während des Kuraufenthaltes erlebte, wird er wohl kaum vergessen. Noch nie hatte er eine Varieteveranstaltung besucht, und nun nahm ihn Frau Schulze mit, denn die Eintrittskarte für die Heimleiterin solle nicht verfallen. Manfred bewunderte die Geschicklichkeit der Jongleure und Akrobaten und staunte über verblüffende Kunststücke eines Zauberers. Überrascht folgte er dessen Aufforderung, auf die Bühne zu kommen und konnte nun aus nächster Nähe beobachten, was mit einem Ei vorgeführt wurde und sah zum Abschluss des Experimentes ganz deutlich, wie der Magier sich das Ei in die Achselhöhle klemmte und gleich darauf den Arm hob. Es war verschwunden. Wohin? Die Hand war leer. Manfred wurde gebeten, sich zu bücken und laut zu krähen. In dem Moment plumpste das Ei in ein Beutelchen, das hinter ihm gehalten wurde. Unter dem Gelächter der Zuschauer wurde Manfred zum Eierleger von Bansin erklärt.

In diesem Ort gefiel es ihm sehr gut, nur vor der Nachtruhe fürchtete er sich. Von klein auf war er daran gewöhnt, sich zeitig ins Bett zu legen. Seine Schwester spottete manchmal, er gehe mit den Hühnern schlafen. Dieser Tradition blieb er auch bei der Kur treu. Während die Zimmerkameraden noch leise plauderten, schlummerte er bereits und fing an zu schnarchen. Dadurch störte er die anderen beim Einschlafen. Sie sannen auf Abhilfe. Pantoffeln, mit denen sie den Schnarcher bombardierte, schienen ihnen das Richtige zu sein, und davor graute es Manfred Abend für Abend. Aber morgens war alles vergessen.

Die vier Wochen waren viel zu schnell vergangen, und es hieß: “Ostsee, Ostsee, du bist so schön, wer weiß, wann wir uns wiederseh`n?”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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