Hunger und Not herrschten noch im Lande, denn erst reichlich zwei Jahre waren seit dem
Ende des Krieges vergangen. Das Obstgeschäft blieb wie leer gefegt. Sehnsüchtig warteten
die Kinder auf den Herbst. Bei einer Spazierfahrt hatten sie Birnbäume gesehen, und
wollten endlich wieder einmal solche saftigen Früchte essen. Nun war die Erntezeit
gekommen.
Eine kleine Gruppe begab sich auf den Weg. Mit seinem Kinderrad, das Manfred von einem sowjetischen Soldaten bekommen hatte, fuhr er neben Helga, die Mutters Rad nahm. Hellmut benutzte das seines Vaters. Christa und Frank saßen bei den beiden auf den Gepäckträgern. Es war unbequem, aber angenehmer, als laufen zu müssen. Schularbeiten interessierten die fünf heute nicht, auch nicht, wem die Bäume gehören. Auf den Gedanken, dass ein Wächter auftauchen könnte, kam keiner. Nach einer knappen halben Stunde Fahrzeit tauchten die Silhouetten der alten, knorrigen Bäume auf. Auch Manfred trat kräftiger in die Pedalen, und bald war das Ziel erreicht.
Die an die Stämme gelehnten Räder ersetzten eine Leiter. Aus dem Wipfel der Bäume konnten die Kinder das nahe liegende Dorf sehen. Zum Pflücken waren ihre Arme zu kurz, aber kräftiges Schütteln der Äste genügte, und die fast reifen Birnen plumpsten ins Gras. Plötzlich rief Hellmut: Achtung, ein Alter kommt! Was wird uns nun geschehen? ?dachten alle und spähten nach dem Mann. Dieser war inzwischen herangekommen, sah die kleinen Diebe ängstlich in den Kronen hocken und die vielen unten liegenden Früchte. Die kannst du auch brauchen? sagte er sich. Nachdem sein Rucksack voll war, rief er hinauf: Schönen Dank, ihr habt mir Arbeit abgenommen. Für euch sind hier noch genug. Eine weitere Überraschung wollte die Gruppe nicht mehr erleben. Deshalb stiegen sie schnell hinab und beluden die Räder so voll wie möglich. Jetzt mussten Christa und Frank den Heimweg zu Fuß antreten. Zehn Minuten waren die Birnenholer schon unterwegs, als sie einen leisen Knall vernahmen. Unmittelbar darauf stieg Hellmut ab, denn der Reifen seines Hinterrades war geplatzt. Fast endlos wurde den Fünfen nun der Weg.
Die Mütter freuten sich über den unerwarteten Segen und fragten nicht, woher er komme. Drei Tage später starteten Helga, Christa und Manfred noch einmal. Hellmut verzichtete darauf, denn sein Vater konnte zwar den Schlauch flicken, aber nirgendwo einen Ersatzreifen auftreiben. Auch Frank verspürte zu der langen Wanderung keine Lust. Die kleine Gruppe erreichte die Bäume und glaubte zu träumen. Das gibts doch nicht, nur noch eine Birne! rief Manfred aus. Auch er hatte nicht damit gerechnet, dass die Besitzer lieber selbst ernteten.
Auf dem Rückweg überlegte Helga halblaut: Im Krieg war ich bei einer entfernten Verwandten, und ich weiß noch, dass ich weit weg vom Dorf Bäume mit herrlich schmeckenden Äpfeln entdeckte. Zur Tante waren es zwei Stationen mit dem Zug und dann einige Kilometer zu laufen. In den Herbstferien suche ich die Bäume.
Die Ferien hatten begonnen. Die fünf fast Unzertrennlichen stiegen in den gerade bereit gestellten Zug. Ungeduldig warteten sie auf die Abfahrt. Nun ging es los. Nach der Bahnfahrt führte Helga die Gruppe, und wie durch ein Wunder fand die jetzt Zwölfjährige die Stelle wieder, wo sie vor vier Jahren einmal gewesen war. Starkes Rütteln an den noch jungen Bäumen reichte aus, und die saftigen Äpfel prasselten auf die Kinder hinab. Sorglos stillten sie ihren Apfel-Heißhunger. Dann stopften sie Taschen und Beutel voll und begannen den Rückmarsch, der ihnen schwer fiel, denn die Last zerrte an den schwachen Armen.
Auf dem Bahnhof warteten viele Reisende auf einen Personenzug, der schon vor einer Stunde hätte fahren müssen. Endlich kam er, aber übervoll. Sogar auf den Trittbrettern, die über die ganze Länge der Abteilwagen 3.Klasse reichten, standen viele, sich irgendwo festhaltend. Sie wollten unbedingt mitfahren. Los, wir machen es ebenso, schlug Hellmut vor. Christa, Helga und Frank waren einverstanden. Manfred, der Kleinste, begann zu weinen: Ick hab Angst, janz dolle Angst, ick fall da runta. Ihren Bruder mochte Helga nicht zurücklassen. Ratlos standen die Kinder da, und die Schaffnerin hatte Mitleid: Rein mit euch ins Dienstabteil. Aus Dankbarkeit erhielt sie eine Portion Äpfel, und die Kinder spürten, welche Freude sie damit bereiteten.
Auch die nächsten drei Apfeltouren verliefen erfolgreich. Aber bei der darauf folgenden wurden die Diebe, sie wollten sich bald auf den Rückweg begeben, von einem Bauern überrascht. Hab ich euch endlich erwischt, polterte er los. Manfred war nicht so schnell wie die anderen auf ein frisch gepflügtes Feld entkommen, und der Knüppel des kräftigen Besitzers tanzte auf Manfreds Rücken. Vor Angst bekam er eine nasse Hose, aber auch Helga, weil sie über das Schauspiel lachen musste. Endlich konnte der Kleine seinen Gefährten nachlaufen und erhielt einen Beutel zum Tragen. Obendrauf prangte ein Rossapfel. Der ist von mir. verkündete Hellmut, damit du einen Apfel mehr hast. Manfred nahm den Pferdemist und warf damit nach dem Spötter: Den kannst selbst behalten. Auf Hellmuts Hemd war ein bräunlicher Fleck zu sehen. Volltreffer jubelte Manfred und mischte sich in das fröhliche Geplapper der anderen mit ein. Aber es verstummte, als sie den Bahnhof erreichten und erfuhren, dieses Mal hätte der Zug kaum Verspätung gehabt. Nun mussten sie auf den nächsten warten und fanden keine freundliche Schaffnerin. Der Zug fuhr ohne die Erntehelfer weiter. Erst am späten Nachmittag gelang es ihnen, sich in ein Abteil zu quetschen, und hatten dadurch Glück, denn auf dieser Strecke fuhren nur drei Züge an jedem Tag. Nach diesen Erlebnissen hatten die Kinder die Lust zur Obsternte verloren.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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