Ein Kästchen mit Fotos steht vor Manfred. Besonders aufmerksam betrachtet er eine
Aufnahme. Sie zeigt einen Jungen mit einer kleinen Zuckertüte. Manfred erinnert sich
daran, dass ihm seine Eltern manchmal erzählt hatten, er wollte auch eine Zuckertüte.
Nicht nur Helga, seine Schwester, sollte eine bekommen. Sie wurde eingeschult, und er war
erst vier Jahre. Das war 1941. Mensch, wie lange det schon her is. In paar Wochen
komm ick aus de Schule. Wat erlebte ick eijentlich in die janze Zeit?
überlegt Manfred.
Nach den Osterfeiertagen 1943 begann für ihn dieser bedeutende Lebensabschnitt. Bekam er da eine Zuckertüte? Es wurde nie davon gesprochen. Den Schulanfang feiern konnte die Familie nicht, denn die Eltern hatten andere Sorgen im schon fast vier Jahre dauernden Krieg. Nur eine kleine Torte stand auf dem Tisch. Hatte der kleine Schüler eine Fibel? Wie sah sie aus? Manfr4ed kann sich nicht mehr daran erinnern, aber an eine Schiefertafel mit Linien auf der einen, und Kästchen auf der anderen Seite. Am Rahmen hing ein Schwamm, der immer feucht sein sollte, um Geschriebenes wegwischen zu können. Manchmal vergaß Manfred das Anfeuchten, und die Tafel verschmierte. Mit etwas Speichel half er sich, musste aber darauf achten, vom Lehrer dabei nicht erwischt zu werden. Im Ranzen steckte auch ein schmales, bunt bemaltes Holzkästchen für Schiefergriffel, die als Schreibstifte benutzt wurden. Zwischen den ungeübten Fingern zerbrachen sie schnell, und mit Stummeln musste Manfred seine Übungen fortsetzen. Vorher waren sie aber auf einem Streifen Sandpapier wieder spitz zu reiben.
Im Klassenraum stand eine große Rechentafel mit Holzkugeln. Auf einem Stab schob der Lehrer eine rote und eine blaue in der Mitte zusammen und erklärte dann: Eins und eins ist gleich zwei. Jetzt übt ihr es an euren Rechenbrettern. Danach schrieb der Lehrer die Ziffern an die Tafel, und die Kinder versuchten es auf ihrer. Viel später lösten sie schon so schwere Aufgaben, wie: Zehn weniger Fragezeichen ist gleich drei. Die Schüler sollten ermitteln, welche Zahl für das Fragezeichen einzusetzen ist.
Das erste Schuljahr verfloss. Manfred hatte sich daran gewöhnt, Herrn Thiele, den Klassenlehrer, oft in der braunen Uniform der SA-Männer zu sehen und an das obligatorische Heil Hitler zu Beginn und am Ende jeden Schultages.
Im zweiten Schuljahr lernte der Kleine etwas neues, denn manchmal unterbrach Herr Thiele den Unterricht und ließ die Schüler in Zweierreihen antreten. Wir üben das Aufsuchen des Luftschutzraumes, sagte er. Nur wenige Wochen später zwangen die Alarm verkündenden Sirenen unplanmäßig zu diesen Gängen. Nach der Entwarnung fiel der Unterricht dann aus. Sollten die Mütter sehen, dass ihre Kinder unverletzt blieben?
Im Spätsommer 1944 wies der Klassenlehrer an: Ab Montag werdet ihr im Gartenrestaurant Weinberg unterrichtet, denn die Schule wird als Lazarett für unsere verwundeten Soldaten gebraucht. Zwei, höchstens drei Stunden täglich saß Manfred nun auf einem unbequemen Gartenstuhl und mühte sich auf dem für ihn zu hohen Gartentisch mit Schreibübungen. Sobald Fliegeralarm ertönte, hieß es: Lauft ganz schnell nach Hause, denn hier gibt es keinen Luftschutzkeller. Kaum vier Wochen später teilte Herr Thiele mit: Vorläufig könnt ihr daheim bleiben. Hier hat es keinen Sinn mehr. Wann und wie es mit dem Unterricht weitergeht, weiß ich nicht.
Jetzt hatte Manfred viel Zeit zum Spielen, wenn er nicht im Keller hocken musste, weil wieder Alarm war. Herbst und Winter verstrichen. Das Frühjahr 1945 stellte sich ein, und im Mai wurde das Deutsche Reich zur Kapitulation gezwungen. Im Schulgebäude lebten Flüchtlinge und viele, die in Wittenberge, Manfreds Heimatstadt, keine Wohnung mehr besaßen.
Im Oktober war ein neuer Anfang. Manfred kam in die 3. Klasse. Einige Jungen waren ihm unbekannt, mehrere frühere Klassenkameraden fehlten. Wo blieben sein Banknachbar und der blonde Hans, der schräg vor ihm gesessen hatte und der Junge mit der Stupsnase? An den konnte er sich besonders gut erinnern, Zappelphilipp war der genannt worden. Von Hans hatte sich Manfred ein Märchenbuch mit vielen bunten Bildern geborgt. Er wollte es endlich zurückgeben. Warum kamen die Jungen nicht? Tag um Tag wartete Manfred auf sie, aber vergebens. Dann besann er sich, dass sie im Stadtzentrum gewohnt hatten, und das war durch Bomben zerstört worden. Sollten sie . . .? Diesen Gedanken mochte er nicht fortsetzen.
Auch seinen ersten Klassenlehrer vermisste er, den gutmütigen, weißhaarigen Mann, der im Unterricht gern Späße machte. Den Rohrstock stellte er immer verächtlich in die Ecke. Sollte auch Herr Thiele umgekommen sein? Aber der wohnte doch in der Stadtrandsiedlung, und dort waren keine Bomben gefallen. Manfred fand keine Ruhe. Zuviel hatte sich ereignet. In eine fremde Schule musste er gehen, neue Klassenkameraden und einen neuen Lehrer kennen lernen. Wo blieb der alte Herr? Der Vater hörte sich die Sorgen an und erklärte, dass die Lehrer damals in SA-Uniform kamen und vom Führer faselten, wie gut der sei und noch mehr solchen Unsinn. Jetzt würde geprüft, wer ein Nazi war und wer nur die Uniform trug, um weiter unterrichten zu dürfen. Vielleicht komme auch Herr Thiele wieder an die Schule zurück. Die Neulehrer hätten es schwer, denn sie müssten selbst noch lernen, waren aber keine Anhänger Hitlers.
Das alles zu begreifen fiel Manfred schwer. Aber auch andere Probleme quälten ihn. Dass mal in den Früh-, mal in den Nachmittagsstunden Unterricht war, weil Räume und Heizung knapp waren, störte ihn nicht. Ihm machte es nichts aus, wenn sie Kopfrechnen übten in den Dämmerstunden, weil wie üblich der Strom abgeschaltet war. Sorgen machte sich Manfred wegen seiner Schiefertafel. Sie war gebrochen. Wie lange würde sie noch halten? Ein Vierteljahr später hielt er den leeren Holzrahmen in der Hand. Was nun? Den Eltern gelang es, eine neue Tafel aufzutreiben. Sie war fast schwarz, ein schöner Anblick. Aber nach wenigen Wochen ließ sich kaum noch darauf schreiben, denn sie bestand nur aus lackierter Pappe. Das Schuljahr verging trotzdem.
Manfred kehrte in seine ehemalige Schule zurück und durfte auf seinem alten Platz sitzen. Mit einem Bleistiftstummel lernte er auf Papier zu schreiben. Die Buchstaben und Worte kannte er zwar, trotzdem war es ein neuer Anfang. Etwa ein halbes Jahr später sprach der Lehrer, in Zukunft würden sie einen Federhalter benutzen.
In den Schulbänken gab es Vertiefungen, in denen Tintengläschen standen, in die die
Stahlfeder eingetaucht wurde. Wie hässlich sah Manfreds Heft oft aus. Nach dem Eintauchen
war die Schrift kräftig, wurde schwächer, bis sie ganz blass war. Die Feder brauchte
wieder Tinte, und passte Manfred nicht auf, gab es einen Klecks. Der Lehrer schüttelte
den Kopf: Du bleibst heute eine Stunde länger und wirst Schönschrift üben.
Es blieb nicht bei einer Stunde, aber auf dem Zeugnis als Note für die Schrift beim
mangelhaft. Woher der Lehrer die Hefte bekam, fragte sich Manfred manchmal,
denn zu kaufen gab es keine.
Die ersten Tage im neuen Schuljahr lagen schon hinter ihm, als er auf dem Heimweg
angesprochen wurde. Guten Tag, Manfred. Ich freue mich, dich wieder zusehen.
Überlebten deine Eltern auch den Krieg? Wie geht es euch? Der Junge war so
überrascht, dass er nicht gleich antworten konnte. Er blickte den Fragenden an und
strahlte plötzlich: Herr Thiele! Sie sind wieda inne Schule? Werd ick bei
Ihnen ooch Unterricht ham?
Nein, Manfred. Ich übernahm wie früher eine 1. Klasse, und du gehst schon in die .
. .?
Inne 5.
Viel Freude und Erfolg beim Lernen wünsche ich dir, bleib gesund und grüße deine
Eltern von mir. Damit verabschiedete sich der alte Herr.
In diesem Schuljahr blieb es den Eltern überlassen, für Hefte zu sorgen. Für Erdkunde hatte Manfred ein besonders dickes, aus feinem schneeweißem Papier. Auf einer Seite standen Zahlen, die in irgendeinem Geschäft einmal eingetragen worden waren. In dieses Heft malte Manfred die vom Lehrer an die Tafel gezeichneten Länder Europas und deren wichtigsten Merkmale. Die vorhandenen Landkarten und Atlanten lagen unbeachtet im Schrank, denn sie zeigten Grenzen, die in Folge des Krieges nicht mehr stimmten.
Neue Schulbücher waren nur in geringer Menge gedruckt, so dass vier, fünf Schüler ein Buch gemeinsam nutzen mussten. Wer nicht sofort gründlich lernte, konnte kaum noch einmal nachlesen, denn dafür blieb keine Zeit, und am Schuljahresende wurden die Bücher eingesammelt, damit sie der nachfolgenden Klasse übergeben werden konnten. So blieb es auch, als Manfred in die 6. kam.
Wie im Schuljahr zuvor hatte er nur selten das Verlangen, in den Schulbüchern zu lesen. Warum sollte er es machen? Die Lehrer hatten doch alles gut erklärt. Des Öfteren ertappten sie Manfred im Unterricht beim Malen sinnloser Figuren, oder wenn er bunte Bildchen, die Kinder nannten sie Stampfer, tauschte, statt den Erläuterungen zu lauschen. Aber die Ermahnungen vergaß er immer wieder schnell.
Mit Beginn der 7. Klasse bekam jeder Schüler die Bücher für ein Jahr für sich allein. Nun konnten auch Hefte gekauft werden. Interessiert betrachtete Manfred die Umschläge. Den Unterrichtsfächern und Klassenstufen angepasst waren darauf Gemälde, Noten, Gedichte, das Einmaleins, Fische, Vögel und anderes abgebildet. Aber schon drei Wochen später wollte Manfred die Hefte nicht mehr sehen. Er spielte lieber und verwünschte die Schule, obwohl er nun mit Buchstaben rechnen lernte und auch Chemie für ihn neu war.
Einmal versuchte Manfred sogar, sich vor dem Unterricht zu drücken und sprach von Bauchschmerzen. Aber der Vater durchschaute ihn und jagte ihn mit einem kräftigen Donnerwetter los. Wie ein geprügelter Hund schlich der Junge zur Schule und glaubte, alle würden sehen, dass dort einer geht, der schwänzen wollte. Er versuchte es nie wieder, bummelte aber morgens weiterhin und überlegte, was er den Lehrern erzählen könnte, warum er wieder keine Hausaufgaben erledigt hatte. Seinen Lohn erhielt Manfred am Schuljahresende. Auf seinem Zeugnis stand für viele Fächer genügend, und dass für Schrift und Zeichnen mangelhaft eingetragen wurde, war er gewöhnt. Aber auch in Chemie, Rechnen, sowie Arithmetik und Algebra erhielt er die gleiche Zensur. Die Eintragung kommt oft zu spät störte Manfred ein wenig, aber bestürzt war er über das nicht versetzt. Im Stillen hatte er gehofft, es doch noch zu schaffen. Dass fünf andere Jungen den gleichen Vermerk lesen mussten, tröstete ihn nicht. Neidvoll blickte er zu Bernd, den Zahnarztsohn, der genauso faul war, aber versetzt wurde. Wollte der Klassenlehrer damit seinen Dank für die vielen Wochenend-Autopartien mit Bernds Eltern abstatten?
Diese Überlegungen änderten nichts daran, dass Manfred ein Sitzenbleiber geworden war. Bekümmert ging er heim und dachte: Wat wird nun passiern? Der Vater unterschrieb das Zeugnis und knurrte, ob Manfred bei seiner Faulheit etwas anderes erwartet hätte? Er hätte immer geglaubt, Mutter und Vater wollten nur meckern, wenn sie ihn zum Lernen aufforderten. Er solle ruhig so weitermachen, aber schaden würde er sich selber.
Diese Schmach, sitzen geblieben zu sein, wollte Manfred nicht noch einmal erleben. Weil ihm der Stoff der Siebenten bekannt war, fiel ihm das Lernen nun leichter. Er gab sich jetzt auch größte Mühe, und die schlechten Noten verschwanden vom Zeugnis, nur bei Zeichnen und Musik halfen die Anstrengungen nicht.
Voller Schadenfreude hörte Manfred, dass Bernd die Prüfungen vor der Kommission in der 8. Klasse nicht bestanden hatte und ohne Abschlusszeugnis die Schule verlassen musste.
Ein halbes Jahr später äußerte der Lehrer beim Elternabend, dass Manfred jetzt auch in der 8, Klasse fleißig wie eine Biene sei und wenn er so weitermache, die Abschlussprüfungen mit gut bestehen könne, obwohl er für vier Wochen zur Kur fahren würde.
Die liegt schon lange hinter mir, denkt Manfred, den Ausflug seiner Gedanken in die Vergangenheit beendend und sagt sich: Nun is Schluss mit Bilderankieken. Ick muss mir weiter uff de Prüfungen vorbereiten.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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