Ferienlager (Aus Manfreds Kindheit)


Dieter Rietz     ( 1987 )


Es war im Frühsommer 1951. Hungrig saßen Helga und Manfred zu Tisch und warteten sehnsüchtig auf den Vater, der bald von der Frühschicht kommen musste. Endlich klappte die Tür. Die Mutter trug den dampfenden Eintopf ins Zimmer und füllte die Teller. Bedächtig aß der Vater. Nach kurzer Zeit, bevor er den Löffel erneut zum Munde führte, sprach er: “Manfred, du kannst ins Betriebsferienlager fahren.” Vor Überraschung vergaß der Junge das Essen. “Wann? Wohin? Wie lange? Bitte, bitte, Vati, ich möchte ganz schnell alles wissen.” Der Vater löffelte ruhig weiter. Inzwischen überlegte Manfred halblaut: “Verreist war ich schon mal. Das war, das war? Vor vier, nein vor fünf Jahren war das, und nun darf ich wieder. Vati, erzähl doch endlich.” Der Vater hatte seinen Teller geleert und begann zu berichten: “Es ist das erste Mal, dass der Betrieb ein Ferienlager organisiert. In der “Ausflugsgaststätte Brahmhorst”, in der Nähe von unserer Stadt, werdet ihr zwölf Tage verbringen. Montagsfrüh bringt euch der Betriebsbus hin, samstagmittags kommt ihr wieder heim und in der darauf folgenden Woche ist es ebenso. Am Wochenende wird der Saal für Tanzveranstaltungen gebraucht.”

Neidvoll äußerte Helga: “Du hast es gut. Ich durfte nie fahren.” Worauf der Vater entgegnete, bei Manfred hätte man ein Auge zugedrückt, da er ja erst vor einigen Monaten vierzehn wurde und noch die 7.Klasse besucht, aber sie sei ja schon aus der Schule. “So ist es richtig. Weil er faul war, wird er belohnt, sonst wäre er schon in der 8.”, zeterte die Schwester. “Was soll er alles mitbringen?” lenkte die Mutter ab. Das wäre nicht viel, meinte der Vater. Nur eine Decke, ein Bettlaken, ein kleines Kissen, Wasch- und Zahnputzzeug und Wäsche für eine Woche. Montags darauf könnten sie wieder saubere Sachen mitnehmen.

Manfred zählte die Tage, die noch vergehen sollten und konnte es kaum erwarten. Aber nun war es soweit. Zum Abschied mahnte die Mutter: “Achte auf deine Hose. Du hast keine andere.” Erwartungsvoll ging Manfred zum Treffpunkt. Nur wenige Klassenkameraden sah er dort. Der Bus wurde gestürmt. Dicht gedrängt fanden die Erholung suchenden Platz. Dann begann die “große Reise”. Schon nach sieben, acht Minuten, hieß es: “Aussteigen, wir sind da.”

Lachend, kreischend, schubsend drängelten die Kinder ins Haus. Jeder wollte der erste sein und sich den schönsten Platz aussuchen. Die Betreuer hatten Mühe, alle zu beruhigen. In der geschlossenen Veranda standen, durch einen schmalen Gang getrennt, zwei lange Tischreihen, die von Bänken flankiert wurden. Im angrenzenden Tanzsaal lagen, auf einer Seite für die Mädchen, auf der anderen für die Jungen, nur durch wei0e Stoffbahnen abgeteilt, vier Reihen Strohsäcke. Darauf wurden die Laken ausgebreitet und die Decken aufgelegt. Am Kopfende fanden die wenigen mitgebrachten Sachen ihren Platz.

Dann tollten die Kinder auf der kiesbestreuten Freifläche, wo sonst Gartentische und -stühle standen. Ein Junge hatte einen Ball mitgebracht. Mit Stöcken waren schnell die Tore markiert, und die Jagd nach dem Gummiball begann. Ein richtiger Fußball wäre ihnen lieber gewesen, aber wer besaß schon einen? Die noch vorhandene Schaukel und Wippe kamen kaum zur Ruhe. Denn nicht nur die Jüngeren wollten sich damit vergnügen. Etwas abseits vom Trubel spielten kleinere Mädchen das uralte Mutter-Kind-Spiel. Ihre Kinder waren aus Stoffresten genähte, mit Sägespänen gefüllte Puppen. Einige Muttis hatten auch einen Vater für ihr Puppenkind. Gleichgültig sah Manfred ihnen kurze Zeit zu. Aus dem Alter, ein Puppenvater zu sein, war er heraus. Trotz seiner vierzehn Jahre interessierten ihn die größeren Mädchen noch nicht. Auf Bäume klettern oder Fußball spielen war für Manfred verlockender. Aber die Freude am Spiel mit dem Ball verflog hier im Lager bald, denn ständig hatte Detlev etwas auszusetzen; mal habe Manfred geträumt, mal sei er zu langsam gewesen, das Tor könne er wohl auch nicht finden. Detlev wusste alles besser, konnte alles besser, wollte immer im Mittelpunkt stehen. Diesem Großmaul ging Manfred lieber aus dem Weg. Aber, wenn der etwa gleichaltrige Detlev die zierliche, stille Marlies hänselte: “Brillenschlange, Brillenschlange!”, dann stimmte Manfred mit ein. Nur wenige Jahre später musste auch er eine Brille tragen und nun öfter spüren, wie verletzend solcher Spott wirkt.

Am Nachmittag sollten Geschicklichkeitswettbewerbe stattfinden. Beim Essen verkündete Detlev lautstark, die zwei Tüten Bonbon für den Sieger habe er schon so gut wie in der Tasche. “Na, mal sehen”, meinte der Lagerleiter. Dann gab er die Wettkampfbedingungen bekannt: “Wer beim Eierlauf das Ei fallen lasse, müsse von vorne beginnen, wobei aber die Uhr weiterlaufe, und nur zwei Versuche habe jeder. Die Mädchen würden 10 und die Jungen 15 Meter bis zu einem Baum und zurück laufen.” “Kleinigkeit für mich” prahlte Detlev. “Beim Sackhüpfen darf keiner den Sack verlieren, und wer die wenigste Zeit benötigt, ist der Sieger”, teilte der Lagerleiter weiter mit.

Der Wettstreit begann. Die zuschauenden Kinder lachten über die und mit den Hüpfenden. Nicht nur Manfred strauchelte, aber alle kamen ans Ziel und waren überrascht, dass die kleine Marlies Siegerin wurde. Die Mädchen hatten sie im Chor angefeuert: “Tempo, Tempo!” Dann folgte der Eierlauf. Vorsichtig balancierte Manfred mit seinem Löffel. “Seht euch die lahme Ente an”, höhnte Detlev. Nun kam er an die Reihe. Schnell erreichte er den Baum, aber der Schwung war zu groß und das Gips-Ei fiel zu Boden. Der zweite Versuch verlief nicht besser. “Mist”, knurrte Detlev und hielt sich die Ohren zu, weil er das schallende Gelächter der Kinder und das “Prahlhans, Prahlhans! Wo sind deine Bonbon? Prahlhans, Prahlhans!” nicht hören wollte.

Die erste Ferienwoche war schnell vergangen, und nach dem Wochenendurlaub bei den Eltern vernahmen die Kinder begeistert, dass sie am nächsten Tag einen Ausflug nach Kyritz machen würden. Vor Aufregung konnten sie abends kaum einschlafen. Nach dem Kaffeetrinken fuhren sie mit dem Schichtarbeiterbus, dieses Mal aber mit Anhänger, zu dem malerischen Kyritzer See. Ruderboote brachten sie zu einer Insel. Laut quiekten einige Mädchen, weil die Jungen mit Wasser spritzten und mit dem Boot schaukelten. Das Bad in dem klaren Gewässer war bei der Hitze willkommen. Manfred blieb planschend in der Nähe des Ufers, bewunderte die nach Muscheln Tauchenden und dachte bekümmert, wenn ich doch auch schon schwimmen könnte. Detlev fragte, ob jemand mit ihm ein Wettschwimmen um die Insel herum machen würde. Die Jungen verzichteten darauf, denn sie hatten seine Schwimmkunst beobachtet und wollten sich nicht blamieren. “Na los, wer gibt das Startkommando?” wollte Marlies wissen. “Du?” staunte Detlev und blickte auf das Mädchen, das ihm nicht einmal bis zur Schulter reichte. “Wieso nicht?” war ihre Antwort. Mit kräftigen Bewegungen gewann Detlev schnell Vorsprung, wurde aber allmählich immer langsamer, weil seine Kräfte nachließen. Mit gleichmäßigem Tempo schwamm Marlies und holte langsam auf. Zur gleichen Zeit hatten sie die Insel umrundet. Anerkennend sagte Detlev: “Das hätte ich dir nicht zugetraut. Ich gratuliere.” Viel zu schnell verflog der schwülheiße Tag, und die Ausflügler kehrten ins Ferienlager zurück. Ihre Kleidung klebte am Körper, als sie aus dem Bus stiegen.

Sie saßen beim Abendessen und beobachteten, wie eine grauschwarze Wolkenwand aufzog, die alles in verfrühtes Dämmerlicht hüllte. In der Ferne rumpelte es. Die Nachtruhe sollte beginnen, aber draußen war von Ruhe nichts mehr zu spüren. Ringsum am Himmel zuckten grell aufleuchtend bläulichweiße Blitze, gefolgt von ohrenbetäubendem Krachen und begleitet von wolkenbruchartigem Regen. Sonst hatte Manfred sehr gern Blitze betrachtet, aber diesmal war es ihm unheimlich. Ein Blitzeinschlag in unmittelbarer Nähe des Hauses ließ alle zusammenzucken und einige aufschreien. Aus einer Ecke des Schlafsaales klang Wimmern: “Mutti, Mutti!” und die beruhigende Stimme des Lagerleiters: “Hab keine Angst, Detlev, wir sind doch bei dir.” Die Kinder ahnten nicht, dass dieser Junge durch die Donnerschläge an eine furchtbare Bombennacht erinnert wurde. Allmählich ließ das Getöse nach. Dann verstummte es ganz. Nur noch der Regen rauschte. Endlich konnten die Kinder einschlafen.

Am Morgen darauf sahen sie, dass die alte knorrige Eiche, die vor dem Gasthaus wuchs, geborsten war. Wie schon einige Mal an den Tagen zuvor kletterte Manfred auf den Baum und genoss die neidvollen Blicke der Jüngeren. Jetzt hatte er, weil ein Teil der Krone fehlte, einen herrlichen Blick über die weite flache Elbaue. Aber nach einiger Zeit reizte es ihn nicht mehr. Er begann den Abstieg. Schnell ließ er sich von Ast zu Ast hinab, vernahm dabei ein sonderbares Geräusch und gleich darauf schadenfrohes Lachen der Zuschauer. Als Manfred auf der Erde stand, bemerkte er den breiten Riss in seiner Hose. Mit einer Sicherheitsnadel, die ihm eine Helferin gab, konnte er seine Blöße etwas verdecken, nur musste er darauf achten, dass er sich nicht auf die Nadel setzt.

Bekümmert dachte Manfred an die Abschlussfeier, an der Vertreter des Betriebes teilnehmen wollten. Was sollten sie von ihm denken? Da trat Detlev zu Manfred: “Hör mal, wir tauschen unsere Rollen. Ich werde den Patient spielen. Von mir kannst du eine ganz lange Jacke anziehen, da sieht keiner, was mit deiner Hose ist.” “Du bist gut”, erwiderte Manfred. Nun konnte er die letzten Tage im Ferienlager auch noch fröhlich verleben.

Der große Augenblick, die Abschiedsvorstellung, war gekommen. An einem Tischchen auf der Bühne nahmen Manfred als “Arzt” und die “Sprechstundenhilfe” Marlies Platz. Dick vermummt trat Detlev mit einem Eimerchen in der Hand in das angedeutete Sprechzimmer. “Guten Tag, ich wollte…”. Sofort unterbrach der “Arzt”: “Bitte machen Sie den Oberkörper frei.” Detlev legte eine Jacke ab und äu0erte: “Ich möchte…”, worauf der “Arzt” erneut zum Ablegen der Kleidung aufforderte. Detlev zog eine zweite Jacke aus. “Ich wollte doch…”. Freundlich mahnte die “Sprechstundenhilfe”: “Sie sollen sich ausziehen.” Der “Patient” streifte einen Pullover ab und sobald er zum Sprechen ansetzte, wurde er gebeten, sich endlich zu entkleiden. Zwei weitere Pullover, drei Hemden landeten auf dem Stuhl. Nun stand der “Patient” mit nackter Brust da und durfte ausreden: “Ich wollte doch nur Kartoffelschalen für Ihre Kaninchen bringen.” Entrüstet rief die “Sprechstundenhilfe”: “Das hätten Sie doch gleich sagen können! Herr Doktor hat nicht so viel Zeit!”

Mit Lachen dankten die Zuschauer auch für diese letzte Darbietung im Programm des Laienspiels. Mit Bedauern trat Manfred die Heimreise an, weil die schöne Zeit zu schnell vergangen war. Andererseits sehnte er sich aber nach Mutters Hilfe, damit er nicht mehr als Lumpenmatz herumlaufen musste. Zu Hause würden ihn auch keine Strohhalme pieken oder an der Nase kitzeln beim Schlafen, denn er konnte wieder sein gewohntes Bett nutzen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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