Eine einmalige Feier (Aus Manfreds Kindheit)


Dieter Rietz     ( 2004 )


Im 1945er Kalender stand vor wenigen Tagen “Sommeranfang”. Der Wettergott hatte die Eintragung gelesen. Die Sonne lachte strahlend vom Himmel auf das satte Grün der Bäume. Es war Sonntag, der 24. Juni. Manfred freute sich auf den Spaziergang mit den Eltern. Im Zentrum der Stadt kamen sie an vielen Ruinen und Trümmerbergen vorbei. “Ob hier mal wieder jemand wohnen wird?” fragte die Mutter und sagte, sie könne es sich kaum vorstellen.

Der Vater lenkte die Schritte zum Rathaus, an dessen Turm sowjetische Fahnen flatterten. Auf der hochgelegenen Terrasse meinte er, dass wir nun etwas warten müssten. Worauf, verriet der Vater nicht. Zwanzig, dreißig Personen drängten sich ans Sandsteingeländer. Vereinzelte Grüppchen und Gruppen bildeten sich auf dem Fußweg. Kaum ein Wort hörte Manfred und fühlte, etwas Besonderes würde geschehen.

Nicht einmal zehn Minuten waren verstrichen, als er aus der Ferne Trompetengeschmetter, untermalt von dumpfen Trommelschlägen, vernahm. Neugierig reckte er sich, um etwas zu sehen. Auch die anderen schauten erwartungsvoll in die Richtung, aus der die Musik erklang. Marschmusik hörte Manfred immer begeistert. Früher konnte er sie im Kino hören, wenn er vor dem Märchenfilm in der “Wochenschau” die sieggewohnten deutschen Soldaten marschieren sah. Aber schon seit anderthalb Jahren gab es das Kino nicht mehr. Es war durch Bomben zerstört.

Nun näherte sich langsam reitend eine sowjetische Militärkapelle. Kraftvoll, ausgelassen spielte sie. Diese Melodien hatte der Kleine noch nie vernommen. Er blickte auf die nachfolgenden fahnentragenden Reiter. Auch sie trugen schmucke Uniformen, wie er sie bei Sowjetsoldaten bisher niemals gesehen hatte. Lässig hingen die Maschinenpistolen schräg vor der Brust. Der imponierende Marschblock entzückte Manfred. Leise äußerte der Vater: “Heute feiert die Rote Armee ihren Sieg über die Nazis.” Jetzt verstand Manfred den Jubel der sowjetischen Soldaten. Sie waren glücklich, denn sie erlebten das Ende des Krieges.

Jäh änderte sich das Bild. Manfred erschrak fast. Vor ihm, eskortiert von sowjetischen Reitern, die ihre MPi fest in der Hand hielten, kroch, sich mühsam schleppend ein langer Zug deutscher Soldaten. In müde, teilnahmslose Gesichter blickte er. Das schmutzige Grau der teilweise zerrissenen Uniformen wirkte auf ihn eintönig. Sie sahen sich alle ähnlich.

Plötzlich gellte ein Schrei: “Hellmut!” Aufgeregt gestikulierte eine Frau. Sie löste sich aus der Gruppe am Straßenrand. “Unsere Wohnungsnachbarin”, entfuhr es Manfred. Sie wollte zu den Marschierenden, aber ein Reiter stieß sie grob zurück. Zögernd winkte einer der Soldaten und versuchte krampfhaft zu lächeln. “Sollte das unser Nachbar sein?” überlegte Manfred. Er erkannte ihn nicht, erinnerte sich aber sofort, dass der zwei Weihnachten zuvor das letzte Mal bei seiner Familie war, um seine damals einjährigen Zwillinge kennen lernen zu können und hatte für sie und alle Kinder im Hause einen kleinen gläsernen Kasperl mitgebracht. Manfred sah, dass der Soldat immer wieder zurückschaute und wie über das Gesicht der Rufenden Tränen rollten. Erschüttert betrachtete Manfred die Dahintrottenden.

Die folgenden fröhlich winkenden Reiter konnten ihn nicht beruhigen. In Gedanken versunken ging er mit den Eltern heim. Warum werden sie fortgebracht? Was haben sie getan? Und der Nachbar?

Dem Vater fiel die Verstimmung des Jungen auf und er spürte, jetzt musste er sprechen. Er erklärte, im Krieg hätten die Eltern viel von den Untaten der Nazis und der Kriegsentwicklung gehört, beobachtet oder erfahren, aber nie darüber gesprochen, weil sie Angst hatten, sogar vor den eigenen Kindern. Diese könnten unüberlegt darüber sprechen. Dann fuhr er fort: “Was die Deutschen alles angerichtet haben weiß ich nicht, aber dass sie vor nichts haltmachten, weißt du selbst. Denke nur an Heinz Horn, unseren ehemaligen Nachbarn, den die Nazis am 21. April erschossen, weil er versucht hatte, eine Vierlings-Flak der Wehrmacht unbrauchbar zu machen. Oder an die sinnlose Sprengung der Elbebrücke am 12. April.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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