Bestohlene Diebe (Aus Manfreds Kindheit)


Dieter Rietz     ( 1999 )


“Kommste Sonntach mit? Det sind höchstens 20 Kilometer” fragte Hellmut 1948 den noch nicht zwölf Jahre alten Manfred und erklärte, sein Vater habe ihm von übervollen Pflaumenbäumen, die an einer abgelegenen Straße stehen, erzählt. Die Pflaumen müssten jetzt reif sein. “Wann starten wir?” war Manfreds Antwort. Der Sonntagmorgen war sonnig. Gemächlich radelten die beiden Jungen. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, verzehrten sie die einzige mitbekommene Stulle. Dann begannen sie ihre Arbeit. Dabei überzeugten sie sich ständig vom guten Geschmack der Früchte. Nach zwei Stunden ging es mit reicher Ernte wieder heimwärts. Wegzehrung hatten sie nun genug. Erschöpft, aber zufrieden, trafen sie am Nachmittag wieder zu Hause ein und vereinbarten, dass der nächste Sonntag ein neuer Erntetag würde.

Das kühle Wetter ließ sie die Pedale kräftiger treten. Nachdem die Räder hinter Büschen versteckt waren und die Jungen sich erholt hatten, begannen sie zügig zu pflücken. Jeder hatte schon zwei Beutel bei den Rädern abgestellt, und die mitgebrachten Säckchen waren fast voll, als sich ein Auto näherte. Unbekümmert arbeiteten Hellmut und Manfred weiter und blickten erschrocken auf, als sie von einem etwa Vierzigjährigen angefaucht wurden: “Was macht ihr hier? Zeigt mal eure Erlaubnis.” “Wie seid ihr überhaupt in diese gottverlassene Gegend gekommen?” wollte sein Fahrer wissen. “Mit`m Rad”, antworteten die Jungen. Der Kraftfahrer suchte danach und trat gleich darauf triumphierend auf die Straße. “Sieh dir das an.” Er stellte die Beutel neben das Auto. Jetzt ging es erst richtig los: “Das ist Diebstahl! Das wisst ihr doch?! Wie heißt ihr? Wo wohnt ihr? Wo arbeiten eure Väter?” Ohne rot zu werden erklärte Manfred, er heiße Dieter und nannte einen häufig vorkommenden Familiennamen und irgendeine Straße seines Heimatortes. Die Arbeitsstelle seines Vaters, einen Großbetrieb gab er richtig an. Auch Hellmuts Angaben mussten die Männer glauben. “Die Pflaumen sind beschlagnahmt. Sie werden einem Kinderheim übergeben. Lasst euch nicht noch mal erwischen, das rate ich euch. Die leeren Beutel könnt ihr beim Rat des Kreises abholen”, erklärte der Vierzigjährige beim Einsteigen ins Auto.

Niedergeschlagen traten Manfred und Hellmut die Heimfahrt an. Sie fühlten sich bestohlen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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