Langsam schiebt Manfred den Einkaufswagen, in dem schon eine Tüte Mehl, eine Tüte Zucker
sowie ein Paket Salz liegen, zwischen den langen Regalreihen der Kaufhalle hindurch. Aus
dem Kühlfach nimmt er zwei Stück Butter, einen Würfel Margarine und einen Becher Quark.
Ein Glas Marmelade und Milch werde ich auch noch mitnehmen, entschließt er sich. Er
weiß, dass sich die homogenisierte Milch in den Tetra Pak - Kartons lange hält. Im Regal
mit Bonbons liegen viele Beutel, aber seine Lieblingssorte st wieder nicht dabei. Am
Fleisch- und Wurststand wirft er einen Blick auf das Angebot, und an den
Haushaltchemikalien und den Tabakwaren vorbeigehend, begibt er sich zur Kasse. Wie üblich
ist dort der Andrang groß, weil von drei Kassen wieder nur zwei besetzt sind. Nun tippt
die Kassiererin die Preise für die von Manfred ausgewählten Waren ein. Den Preis für
die Äpfel, die er am Gemüsestand einpackte, kann sie nicht entziffern, und er muss sie
noch einmal wiegen.
Diesmal ist Manfreds Einkaufstasche leicht, und die 700 m bis nach Hause stören ihn nicht. An anderen Tagen, wenn er Großeinkäufe tätigte, verwünschte er den Heimweg und dachte, man müsste in der Kaufhalle oder wenigstens gleich daneben wohnen. Beim Auspacken fällt ihm ein, dass er auch Essig kaufen wollte. Aber deshalb noch einmal hingehen und wieder an der Kasse warten müssen? Nein, danke.
Früher hätte mich ein erneuter Gang zum Geschäft nicht gestört. Aber warum nicht? Weil ich noch ein Kind war? Wie war das eigentlich? denkt Manfred. Die wenigen Geschäfte im Zentrum seiner Heimatstadt, an denen Tafeln verkündeten Delikatessen, Kolonialwaren, hatte er in den Kriegsjahren nie betreten, und eines Tages waren sie durch Bomben in Trümmer verwandelt worden. Die Mutter hatte manchmal von dem herrlichen Angebot dieser Geschäfte geschwärmt. Aber einkaufen konnte sie dort nicht. Sie kaufte in einem der vielen kleinen Läden für die Ärmeren, und diese kannte Manfred gut.
Er kam von der Schule heim, und die Mutter bat: Gehst du bitte mal zu Liepe? Hast de allet uffjeschriebn, wat de brauchst? Du weeßt, ick habe keene Lust zweemal zu jehn. Ja, hier hast du den Zettel. Vergiss die Schüssel für Marmelade nicht und achte auf die Lebensmittelkarte. Du darfst auch 50 g Bonbon kaufen. Die teilst du dir mit Helga. Aus dem Fenster rief die Mutter dem Jungen nach: Bringe von Winterfeld auch ein Brot mit. Die Marken hast du ja. Schnell hatte Manfred die 100 m bis zum Geschäft zurückgelegt.
Die Ladenglocke bimmelte, und gleich darauf trat Herr Liepe aus seiner Wohnung in den mittelgroßen Laden. Guten Tag. Was darf es denn heute sein? Manfred erwiderte den Gruß und legte Zettel und Karte auf den Ladentisch. Mutti hat allet uffjeschriebn. Dann blickte er im Raum umher und bemerkte, dass im hinteren Teil nur noch die oberen Regalfächer leer waren. In den anderen sah er Waschpulver, Seife, Kerzen, Schuhcreme, Scheuertücher und andere seltener gekauften Waren. Ihr Anjebot is ja reich jeworden, äußerte Manfred und erfuhr, dass sich der Geschäftsinhaber bereit erklärt hatte, eine neue Form des Handels zu erproben. Nun entdeckte Manfred über der Ladentafel das neue Schild Kommissionshandelsgeschäft - Inhaber Heinrich Liepe. Dabei fiel sein Blick auch auf die links und rechts neben der Kugellampe hängenden schmalen, braunen, korkenzieherförmigen, in einer Papphülse endenden Streifen, an denen Fliegen klebten. An Fliejenfänger hat meine Mutter bestimmt nich jedacht. Drei Stück möchte ick davon und bekam zur Antwort, dass erst in einer Woche welche geliefert würden.
Aus dunkelbraunen Schubkästen, die nur drei Schritte vom Ladentisch entfernt waren, entnahm der Kaufmann mit kleinen Schaufeln die gewünschten Mengen Mehl, Salz und Zucker und notierte auf einem Zettel die Preise. Dann wog er das Schüsselchen und füllte aus einem Pappeimer, neben dem ein Fass Sauerkraut stand, Marmelade ein.
Die Glocke der Ladentür ertönte und Frau Liepe kam aus der Wohnung. Eine Kundin war erschienen, die nur eine Kleinigkeit erwarb und sich danach mit Frau Liepe ausgiebig über Stadtneuigkeiten unterhielt.
Herr Liepe hatte inzwischen alles bereitgestellt. Dann schnitt er die erforderlichen Marken von der Lebensmittelkarte ab. Bonbon darf ick och koofen, sagte Manfred. Von welchen möchtest du? zeigte der Kaufmann auf drei große runde, mit einem Stopfen verschlossene Glasgefäße. Zwei Sorten wählte Manfred aus, und der Ladeninhaber schaufelte davon in eine Tüte. Anschließend überflog er noch einmal den Einkaufszettel. Essig sollst du mitbringen. Hast du eine Flasche mit? Aber daran hatte die Mutter nicht gedacht. Na, da kommst du noch mal her, meinte Herr Liepe und begann mit dem Zusammenrechnen der einzelnen Preise. Den Endbetrag tippte er bei der Registrierkasse ein und gab das Restgeld zurück.
Manfred überquerte die Kreuzung und betrat den kleinen Verkaufsraum von Winterfelds. Duft von frischem Brot kam aus der Backstube. Der Bäckermeister schüttete gerade Mehl aus einem Sack in einen der wenigen Schubkästen. Dann reichte er Manfred aus dem kleinen Regal, unter dem in einem Kasten Brötchen lagen, ein noch warmes Brot.
Kaum zehn Minuten waren vergangen, und Manfred konnte seiner Mutter die eingekauften Waren übergeben. Sie ließ ihn noch Milch holen. In dem gefliesten Geschäft, über dessen Eingang ein großes Schild Molkereiprodukte befestigt war, standen auf dem Boden mit einem Deckel verschlossene volle und getrennt davon leere Zwanzig-Liter-Kannen. Auf Hockern waren zwei offene Kannen abgestellt, an deren Rand langstielige Messgefäße für ¼-, ½-, und 1-Liter hingen. Manfred reichte seine Milchkanne und wünschte ¾ Liter Vollmilch, für die er Marken übergab und für die gleiche Markenmenge 1 1/2 Liter Magermilch. Frau Meier schöpfte mit dem Halb-Liter- Maß nacheinander aus beiden Kannen, dann mit dem kleinsten Messgefäß einen viertel Liter Vollmilch und mit dem größten die restliche Magermilch aus der anderen Kanne. Auf dem Ladentisch sah Manfred unter Glasglocken in einer Porzellanschüssel Quark und auf einem Porzellanteller Butter, die wie ein Zylinder geformt war. Auch Harzer Käse lag unter einer Glocke. Davon hätte Manfred gern ein Stückchen gekauft, aber ohne Auftrag der Mutter durfte er es nicht. Mit der Milch ging er dann in das in der Nähe liegende Lebensmittelgeschäft von Frau Blunck.
Die Ladenglocke schepperte, und nach einer Minute erschien auf der Treppe, die von der Wohnung im Hochparterre in den Laden führte, die schon grauhaarige Tochter der Ladenbesitzerin. Griesgrämig, weil sie Laufkundschaft nicht mochte, fragte sie: Was willst du? Manfred stellte eine Flasche auf den Ladentisch neben den Glasaufsatz, unter dem nichts lag, und sagte, er möchte Essig. Fräulein Blunck ging zu einem größeren Porzellangefäß. Es war mit Blumen bemalt und in verschnörkelter Schrift stand Essig darauf. So ein Gefäß hatte er bei Liepe auch gesehen, sogar eines, auf dem Weinessig zu lesen war. Fräulein Blunck hielt die Flasche unter den dicht über dem Boden des Gefäßes angebrachten Hahn und füllte sie. Dann kassierte sie den dafür geforderten Betrag. Inzwischen hatte sich Manfred in dem winzigen laden umgesehen. Die hellgrün gestrichenen Regale waren fast leer. Was sich in den Kästen darunter befand, konnte er nicht feststellen. Ein halbvolles Glas Bonbon sah er und in einer Ecke einen Kasten mit Limonade- und Seltersflaschen. Ein Schild Kommissionshandel entdeckte er nicht. Manfred bedankte sich und ging heim. Nun konnte er ungestört lesen.
Einige Tage später schickte die Mutter ihren Jungen nach der Fleischerei Lattorf. Während des Krieges hatte sie ihn dorthin oft mitgenommen, und stets reichte ihm die Fleischersfrau eine Scheibe Wurst zur Begrüßung. Dann fragte sie die Mutter nach deren Wünschen. Der kleine Manfred staunte immer über die im Laden hängenden Schweinehälften und Rinderviertel. Kleine Fleischportionen lagen in Schalen hinter dem Glasaufsatz des Ladentisches. Wurde eine leer, holte die Fleischersfrau eine volle aus den Räumen hinter dem Verkaufsraum, schnitt aber nie von den Riesenstücken etwas ab.
Nach dem Krieg kam Manfred selten zum Fleischer, denn die Zuteilung auf Lebensmittelmarken war sehr gering. Auch das Angebot war äußerst dürftig. Ohne Markenabgabe hätte Manfred in einem der einige Jahre später geschaffenen Freien Läden, einem Geschäft der Staatlichen Handelsorganisation, kurz HO genannt, Wurstwaren und Fleisch oder auf dem Wochenmarkt von Bauern aus Freien Spitzen kaufen können. Aber die Preise dafür entsprachen nicht der Lohntüte des Vaters. Zweimal im Monat konnte die Familie zu erschwinglichen Preisen beim Pferdeschlachter Fritsche Fleisch und Wurstwaren in größeren Mengen kaufen, ohne Lebensmittelmarken dafür zu opfern. Öfter war es nicht möglich, weil Herr Fritsche den Verkaufsraum nicht ständig mieten konnte. Dadurch kam es auch immer zu langen Wartereihen an den Verkaufstagen.
In Monaten mit Feiertagen knauserte die Mutter mit den Fleischmarken, denn zum Fest wollte sie einen Braten servieren. Auch eine kleine Menge Aufschnitt wurde gekauft, damit die Familienmitglieder einen Kosthappen bekommen konnten.
Damit ist heutzutage niemand mehr zufrieden, kehren Manfreds Gedanken in die Gegenwart zurück. Auch er gewöhnte sich schnell an das reichhaltigere Angebot und die großzügigeren Einkäufe. Er sieht und kauft Waren, die für ihn früher unbekannt oder unerschwinglich waren. Nur vermisst er manchmal die individuelle Beratung. Die hygienerischere Verpackung der Lebensmittel und des Brotes gefällt ihm. Aber wenn er an die zu DDR-Zeiten üblichen unsichtbaren Fingerabdrücke der Kunden auf den Kaufhallenbroten denkt, schüttelt er sich heute noch. Lieber ging er einen Kilometer bis zu einer der wenigen noch existierenden Bäckereien. Auch in seiner Heimatstadt hatten Winterfeld, Liepe, Lattorf und andere Einzelhändler ihre Geschäfte altershalber aufgegeben, und niemand wollte diese Krämerläden übernehmen.
Es ist Zeit zum Abendessen, überlegt Manfred. Erschreckt stellt er fest, dass er im Kühlschrank weder Wurst noch Käse findet und seufzt: Wenn ich nur nicht so vergesslich geworden wäre. Nun muss ich doch noch mal zur Kaufhalle, und beeilen muss ich mich auch noch, denn in zwanzig Minuten schließt sie. Bei Liepe hätte er an der Wohnungstür klingeln können und das Gewünschte bekommen, aber bei der Kaufhalle würde niemand öffnen.
Mit schnellen Schritten erreicht er sie. Nur noch wenige Kunden sind im Raum. Nun sieht Manfred, im Gedränge war es ihm nicht aufgefallen, die vielen achtlos weggeworfenen Kassenzettel. , Ob diese Kunden zu Hause auch so sind? denkt er flüchtig. Am Fleischstand lässt er sich etwas Aufschnitt geben und nimmt aus dem Kühlregal ein Päckchen Käsescheiben. , Essig schießt es ihm durch den Kopf, als er zufällig auf die Plasteflaschen blickt. Fünf Minuten vor Geschäftsschluss hat er die Kasse hinter sich.
(c) Dieter Rietz / Pirna
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