An einem Frühherbstnachmittag:
Die Ortsfremde sitzt auf einer Bank. Hinter ihrem Rücken, grün und grün und grün schweigt der große Wald. Nachmittägliches Miteinander-Einverstandenseins-Schweigen von Buchen, Ahorn, Fichten, Birken, Eichen. Bäume haben ihre Zeiten. Zeit zum Sprechen, Zeit zum Schweigen. Jetzt ist ihre Zeit des Schweigens. Auch für den Wind wohl, der sich in der überraschend noch sommerlichen Wärme irgendwo ein Plätzchen für einen kurzen Schlaf gesucht haben mag. Die Blätter lassen ruhig ihr Grün leuchten und auch kein winziges Blättchen wagt sich wispernd zu lösen vom Ast. Die Ortsfremde hat auch Zeit. Zeit, um sich in Ruhe über den kleinen Baum zu freuen, der über dem Weg vor ihr auf einem Wiesengrund hinter einem Zaun steht. Ein Apfelbäumchen könnts sein, noch jung an Jahren. Der Baum ist schön. Nicht hoch. Sein schmaler Stamm leicht windab geneigt. Seine kräftig angesetzten Äste, seine Zweige und Zweiglein streben unbehindert frei nach allen Seiten und heben sich klar gegen den langsam verblassenden Himmel ab. Und in dieses schon blattlose Gezweig sucht sich eine, durch den aufkommenden Abenddurst nicht ganz, rund geratene blassrote Sonnenscheibe einzunisten. Der Baum ist so schön, dass es der Ortsfremden möglich scheint, eine der berühmten japanischen Tusch- zeichnungen sei dort hin geraten. Da aber keine hingetuschten signierenden Schriftzeichen zu erspähen sind, verflüchtigt sich diese kleine Urlaubsträumerei. Ja, der kleine Baum ist Wirklichkeit. Und das ist gut.
Die Zeit des Schweigens scheint vorbei. Der ausgeschlafene Wind kommt übermütig pfeifend dahergebraust. Er schüttelt den kleinen Baum. Und siehe da, er besitzt ja noch ein einziges Blatt. Das war zuvor, so kraftlos welk und braun, nicht zu sehen gewesen, an der Astspitze. Jetzt, vom Wind animiert, richtet es sich noch ein Mal kurz auf, und es sieht aus, als winke es fröhlich den grünen Blättern der Waldbäume zu.
Dort drüben ist inzwischen der Wind am Werke und beginnt, erst wie probierend einzelne
Blätter am Waldesrand zum Schwingen zu bringen Dann fällt er kräftig blasend in die
gesamte grüne Blätterpracht des Waldes ein. Er zaust sie, lässt sie sich wiegen,
tanzen. Die Äste knarren, die Blätter beginnen zu singen, das sich vereint zu einem
mächtigen Rauschen. Oder ist es nicht ein großer Gesang? Ja, ein Konzert des Waldes, ein
Konzert der noch kraftvollen Blätter, vom Winde dirigiert. Es ist ein gemischter Chor. Es
kann nicht anders sein, da die Blätter jeder Baumart ihre ganz eigene Stimme haben. Die
Ortsfremde, als Konzertbesucherin in der ersten Reihe hatte eine lange Weile diesem
berührenden und bildreichen Konzert gelauscht. Jetzt beginnt sie zu frösteln. Der Wind
hatte nebelfeuchte Herbstkühle mitgebracht. Sie knöpft ihre Jacke zu. Es ist Zeit, zu
gehen. Da belebt sich die Szene.
Schnaufend stapft eine füllige Frau den ansteigenden Weg heran, eine ihr den Arm lang
ziehende große Einkaufstasche und ein pralles Netz schleppend. Graue Haarsträhnen
arbeiten sich unter der Strickmütze hervor ins schwitzend rotverquollene Gesicht. Ganz
klar. Eine Einheimische. Sie wendet im langsameren Vorübergehen den Blink zur Bank und
sagt:" Guten Tag." Ihre Stimme klingt überraschend frisch und der herzliche Ton
nicht abgegriffen. Die Ortsfremde, von dieser unerwarteten Freundlichkeit überrumpelt,
erwidert den Gruß verspätet in den Rücken der Frau hinein. Und dann, aus einem
spontanen Gefühl hebt sie die Stimme und ruft: "Ist er nicht schön, dieser kleine
Baum?"
Die Einheimische bleibt stehen. Sie wendet sich um, setzt Netz und Tasche in den grauen
Wegsplitt und schaut. Sie staunt und verwundert sich kopfschüttelnd: "Den hab ich
noch nie wirklich gesehen hier. - Ja. Schön". Eine kleine verlegene Pause will die
Ortsfremde mit einer Zigarette überbrücken, die sie aus der Tasche nestelt. Die
Einheimische protestiert dagegen in Heimat-Besitzerstolz: "Unser prächtiger gesunder
Wald. Wollen Sie den vergiften? Die grünen Blätter produzieren doch den. Sauerstoff, den
Sie gerade einatmen. Lassen Sie das Rauchen mal lieber bleiben", und überbrückt
eine unbehagliche Pause mit der schönen Frage: "Ist es nicht schade, dass wir in
unserer Sprache für so vieles Grün der Blätter nicht auch viele verschiedene Worte
haben?" Es entwickelt sich ein kleines Gespräch. Dabei lernt die Ortsfremde zu
sehen, dass die Blätter gar nicht mehr ganz sommergrün sind. Fast alle haben sich
bereits kokett mit rot-gelben Strähnchen geschmückt. Ja, der Herbst hat sich angemeldet.
In Kürze schon wird die Einheimische durch knöcheltiefes raschelndes buntes Laub waten,
weiß sie.
Es ist alles gesagt. Die Einheimische hat Tasche und Netz wieder aufgenommen. Nach gegenseitigen guten Urlaubs- und Heimwegswünschen wird die Einheimische am Ende des Weges zwischen Wald und Zaun als perspektivischer Punkt verschwunden sein. Abschiedsstimmung. Ein guter Tag geht für die Ortsfremde zu Ende. Sie hat den Wald mit seinen Blättern und seinem Lied erkannt. Sie hat ein Apfelbäumchen erkannt, so schön, dass sich eine müde kleine Sonne für Augenblicke an ihn schmiegte. Und sie erinnerte sich mit Bedauern und guten Vorsätzen, dass sie in ihrer Großstadt die Straßenbäume, im Blätterschmuck oder kahl, nie beachtet hat und eine frohe Stimmung lässt sie den ganzen Weg zum Dorf die Melodie "Greens Leafs" summen.
(c) Angelika Obermann / Berlin
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